Warum Vergiss-mein-nicht-Gottesdienste? Interview mit Dr. Maria Kotulek

Seit wann bietet die Erzdiözese Vergiss-Mein-Nicht-Gottesdienste an, was nehmen die Besucher dieser Gottesdienste mit und wie kann man generell Menschen mit Demenz im Alltag noch spirituell / religiös begleiten? Dr. Maria Kotulek, Fachreferentin für Demenz gibt darauf Antworten.
Vergissmeinnicht
Nicht vergessen, sondern weiterhin teilhaben lassen. Gottes Nähe weiterhin erfahrbar machen. Das macht der Vergiss-Mein-Nicht-Gottesdienst u.a. möglich. (Bild: pixabay/CC0)
Seit wann feiert die Erzdiözese diesen ökumenischen Gottesdienste und warum?

Der erste Gottesdienst fand anlässlich des Welt-Alzheimer-Tags 2014 in München statt. Er wurde in Kooperation mit der Alzheimer Gesellschaft München angeboten. Im Folgejahr entwickelte ich die Aktion "gemeinsam unterwegs - Demenz". Dabei soll die Zusammenarbeit von Pfarrgemeinde und Caritas gestärkt werden, um den betroffenen Menschen in den Pfarreien Unterstützung anbieten zu können.

Die Seelsorgerinnen und Seelsorger können Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen menschlich, spirituell und religiös begleiten und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas-Stellen bringen ihr Fachwissen zum Demenz-Syndrom, zu pflegerischen und rechtlichen Angelegenheiten ein. So kann eine fruchtbare Zusammenarbeit zum Wohl der Betroffenen entstehen. Die Gottesdienste können sozusagen als Frucht dieser Aktion gedeutet werden. 

Wir feiern diese Gottesdienste aus mehreren Gründen: Zum einen gehen wir davon aus, dass der Mensch einen Bereich, einen Kern in sich hat, der von keiner Krankheit oder keinem Zustand zerstört werden kann. In diesem Kern kann er Gott begegnen. So kann ein Gottesdienst bei Menschen, die mit dieser Feierform vertraut sind, auch in der Demenz noch fruchtbar sein. Zum anderen wollen wir die Demenzerkrankten in unsere Mitte holen. Die Liturgie ist Zentrum und Quelle des christlichen Lebens und darum haben auch alle Christen einen wichtigen Platz darin. Selbstverständlich auch Menschen mit Demenz.
Was nehmen Sie von den Menschen mit, die den Gottesdienst besuchen und mit denen Sie dabei in Kontakt kommen?
  
Es ist immer wieder ergreifend zu sehen, wie berührbar Menschen mit Demenz auf spiritueller und religiöser Ebene bleiben. Wenn ich ihnen ein Kreuz auf die Stirn zeichne und in die Augen sehe, habe ich oft den Eindruck, sie spüren, dass hier etwas Besonderes geschieht, dass Gott stärkend auf sie zukommt.
Wie kann man im Alltag für Menschen mit Demenz spirituelle Begleitung noch gestalten?
  
Jemanden spirituell zu begleiten, könnte man erst einmal ganz weit deuten und sagen: Wer spirituell begleiten will, muss dafür offen sein, dass sein Gegenüber ein Geheimnis ist. Und dieses Geheimnissein gibt dem Menschen eine besondere, unverlierbare Würde. Der Begleitende versucht zu erspüren, was dem Menschen mit Demenz wichtig ist, was ihm Sinn verleiht, was ihn teilhaben lässt an der Gemeinschaft, was ihm ein Selbstwertgefühl vermitteln kann. Diese Dinge können religiöser oder auch nicht religiöser Natur sein.

Ganz praktisch gesagt soll man z.B. versuchen, die Menschen noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, damit sie sich zugehörig fühlen können. Das heißt auf religiöser Ebene, sie (falls möglich) noch in die Gottesdienste oder Veranstaltungen der Pfarrei mitnehmen. Auch eine Möglichkeit ist, das kirchliche Brauchtum zu pflegen. Einen Adventskranz aufzustellen und vielleicht auch über alte Bräuche ins Gespräch zu kommen.

Demenz
Schrammerstr. 3
80333 München
Telefon: 089 2137-4306
MKotulek(at)eomuc.de
Fachreferentin:
Dr. Maria Kotulek, Pastoralreferentin