Zwischen Faszination und Ehrfurcht – Karner in der heutigen Zeit Nicht nur zu Allerheiligen ein Besuch wert: Fünf Seelenhäuser im Erzbistum

Sie sind Faszinosa aus dem Mittelalter, die nicht nur zu Allerheiligen und Allerseelen zugänglich und eine Betrachtung wert sind: die Karner, die Beinhäuser oder auch Seelenhäuser, in denen ab dem 13. Jahrhundert unbeerdigte menschliche Knochen ihre letzte und würdevolle Ruhe fanden. Wir stellen fünf verbliebene Karner des Erzbistums näher vor.
Karner in St. Johann Baptist in Kammer
Karner in St. Johann Baptist im Kammer
Im Süddeutschen Sprachraum steht die Bezeichnung Karner für ein Beinhaus, abgeleitet vom lateinischen Wort Carnarium, und bezieht sich auf einen Ort im Friedhof, der die ausgegrabenen Totengebeine sammelt und aufbewahrt. Neben dem Begriff Karner bestehen noch heute weitere Bezeichnungen wie Ossarium, Totenkerker, Totenkapelle, Seelenkerker und Seelenhaus.

Die Absicht war, unbeerdigte menschliche Überreste, welche frei zugänglich für böse Geister und Tiere waren, in einem eigens dafür erbauten sakralen Ort zu schützen. Die gewünschte Pietät gegenüber den Toten konnte so gewahrt werden. Begünstigt durch die wachsende Bevölkerung in europäischen Städten verbreiteten sich Beinhäuser ab dem 13. Jahrhundert, da die Friedhöfe durch Krankheiten und Seuchen überfüllt waren.

Erst zum Ende des Mittelalters verlegte man die Friedhöfe vor die Städte, wodurch Beinhäuser an Notwendigkeit und Bedeutung verloren. Eine Vielzahl der Karner erlag der Reformation, in katholischen Regionen wurden sie dagegen oft aus Tradition beibehalten. Dort kam es sogar zu einer Wiederbelebung im Memento-Mori-Gedanken barocker Zeit. Der Tod und Vergänglichkeit wurde durch den Einsatz von Totenschädeln, Sanduhren und abgebrannten Kerzen inszeniert und verbildlicht. Im 19. Jahrhundert empfand man jedoch auch in den katholischen Gebieten die Knochenlagerung als unhygienisch und nutzte die Karner um oder entfernte sie gar.

Angepasst an die Bedürfnisse und Gegebenheiten der Pfarreien entwickelten sich eine Reihe von Bauformen, die sich noch heute exemplarisch wiedererkennen lassen. In der Regel waren alle Karner mit Weihwasserbecken ausgestattet, da man dem Weihwasser außergewöhnliche Kräfte zuschrieb. Es galt als reinigend von der Sünde und lindernd für die Armen Seelen im Fegefeuer. Nicht zuletzt war der Armeseelenkult eng an die Beinhäuser gebunden.

Laufen, Maria-Hilf-Kapelle (Ehem. Michaelskapelle)

Im Rupertiwinkel an der Salzach in Laufen besteht noch heute ein Karner in besonderer Bauform. Er zeigt sich als romanischer, zweigeschossiger Zentralbau mit Ostapsis, charakteristisch für Karner des 13. Jahrhundert. Für den Bautypus üblich entstanden ein Untergeschoss für die Bewahrung der Gebeine und ein Obergeschoss mit einer Kapelle für die Andacht.

Die Stadt Laufen und ihre Bevölkerung, die durch den Salztransport über die Salzach zwischen Salzburg und Passau im Mittelalter schnell florierte, wuchs rapide an, weshalb der Friedhof um die Pfarrkirche schnell überfüllt war. Kurzerhand entschloss man sich aus Platzmangel, das wohl aus dem 8. und 9. Jahrhundert stammende Taufhaus in ein Beinhaus umzufunktionieren.

Mit dem Ziel einer pietätsvollen Bestattung der ausgeschacherten Gebeine baute man um 1300 auf das bestehende quadratische Taufhaus eine Rundkapelle, die im Osten um eine halbrunde Chornische erweitert wurde. Der verheerende Stadtbrand von 1663 beschädigte den Karner stark. Von 1681 bis 1683 wurde deshalb das Obergeschoss als Neuneck mit einem Glockenturm errichtet.

Im Inneren besteht noch heute ein Kreuzaltar aus Rotmarmor. Das Ratsmitglied und Schiffsmeister Adam Edelmann stiftete ihn um 1670. Zu beiden Seiten des Retabels sind rundbogige Mauernischen mit beschrifteten Schädeln und Gebeinen erhalten.

Zu Allerseelen ist der Karner zur Besichtigung offen, ansonsten nur über Anfrage im Pfarrbüro.

Westerndorf, St. Johann Baptist und Heilig Kreuz

In Westerndorf am Wasen bei Pang zieht die riesige, übergroße Zwiebelkuppel der Pfarrkirche St. Johann Baptist und Heilig Kreuz regelrecht die Blicke auf sich. In der zeitgleich mit der Pfarrkirche als Toranlage erbauten Friedhofskapelle hat sich südlich in der Karnernische die Darstellung einer „Totenhilfe“ von 1691 erhalten. Diese zeigt einen vor dem Beinhaus im Gebet knienden Ritter. Durch das Friedhofstor kommen bewaffnete Soldaten, die ihre Hellebarden bedrohlich in die Höhe strecken. Die Soldaten greifen den andächtigen Ritter aus dem Hinterhalt an. Die Toten erheben sich mit ihren Waffen, um die Angreifer in die Flucht zu schlagen.

Unterhalb der Szene verweist die Inschrift darauf, dass der Ritter in seinem Gebet vor dem Karner für alle Seelen, jene auf Erden und jene Verstorbenen gebetet hat: „Allhie Haben Alle Sellen Aus Noth Ihren Virbitter Ereth Von Todt.“

Das Motiv der zur Hilfe kommenden Toten ist ab dem hohen Mittelalter ein verbreitetes Sujet, das insbesondere vom Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach verbreitet wurde. Jakob de Voragine nahm diese Erzählung in seine Sammlung „Legenda Aurea“ auf, wodurch sie im Spätmittelalter bekannt wurde.

Dem Karner kommt durch seine Verortung im Friedhofstor eine besondere Stellung zu. In die Kirche gelangte man bis 1931 über die Toranlage und zwangsläufig immer an der Karnernische vorbei. Dies begünstigte, dass auch Prozessionen den Toten die entsprechende Ehre erweisen konnten.

Die Friedhofskapelle ist täglich von 8 bis 19 Uhr geöffnet.

Kammer, St. Johann Baptist

Im Vorzeichen des spätgotischen Saalbaus St. Johann Baptist in Kammer bei Traunstein befinden sich an der Ostwand unterhalb der verglasten Ölbergnische drei rundbogige mit Holzgittern geschlossene Karnernischen.

Gebeinnischen in Vorhallen zählen zu den heute am meist verbreiteten Formen von Beinhäusern, auch als Seelenkerker bezeichnet. In vielen Fällen jedoch haben sich die Gemeinden heutzutage aus verschiedenen Beweggründen gegen die Präsentation der Gebeine entschlossen. Statt der gestapelten Knochen in den Senken wandelte man diese oftmals zum Beispiel in Lourdesgrotten um.

In Kammer jedoch bestehen sie noch heute. Die drei holzgeschnitzten, farblich gefassten Armen Seelen aus dem 18. Jahrhundert nehmen je eine Nische ein. Sie recken und winden sich in den züngelnden Flammen des Fegefeuers und hoffen auf die Fürsprache der Lebenden, die ihre Qualen durch Messen und Gebete erleichtern und gar verkürzen konnten. Kaum merklich werden die Armen Seelen von Gebeinen umfangen. Dezent und doch präsent bilden die aufgebahrten Gebeine und die Armenseelen Darstellung ein einheitliches Bild.

Die Karnernische ist täglich den Öffnungszeiten der Kirche entsprechend zugänglich.

Elbach, St. Andreas und Hl. Blut

Im südlichen Leitzachtal am Fuße des Breitensteins, inmitten des Bayerischen Voralpenlandes, stehen die Kirchen St. Andreas und Hl. Blut umgeben von einem Friedhof, an dessen nördliche Friedhofsmauer 1675 ein Karner erbaute wurde.

Dieser erhebt sich als alleinstehender Bau rechts vom Hauptportal der Andreaskirche. Der kompakte und geschindelte Satteldachbau öffnet sich nach Süden. Bezeichnend für diesen Typus ist, dass er eine vergitterte Nische für die Aufbewahrung der Gebeine und darüber eine freskierte oder mit Gemälden geschmückte Andachtsnische hat.

In Elbach werden jedoch heute keine Gebeine mehr aufbewahrt. In der Rundbogennische zeichnen sich am Tonnengewölbe noch Spuren eines vorherigen Deckengemäldes ab und geben den Blick frei auf das Ölgemälde der Auferstehung Christi. Bühnenartig und malerisch durch ein geöffnetes Gitter, das mit Astwerkornamenten versetzt ist, eröffnet sich die Szene auf den Auferstandenen. Lichtumgeben und begleitet von einem betenden Engel erhebt sich Christus triumphierend mit der Fahne aus seinem Grab. Unter ihm liegen die drei außer Gefecht gesetzten Soldaten. Links und rechts, untergliedert durch das Gitter, sind die Leidenswerkzeuge (Arma Christi) und je eine Arme Seele im Fegefeuer, die zum Auferstandenen um Erlösung bitten, dargestellt.

Der Karner ist rund um die Uhr zugänglich.

Untermarchenbach, St. Stephanus

In Untermarchenbach bei Haag an der Amper hat sich bis heute ein kunstvoller Karner mit barocken Wandmalereien erhalten. Er befindet sich in der östlichen Kammer der Vorhalle, die südlich am Langhaus angebaut ist.

Geschützt wird der Karner von einem Holzgitter. Das Gatter und die auf der unteren Ebene auffallenden Ziegelsteine lassen vermuten, dass sich auch dort Gebeine und Schädel befunden haben. Darüber, an der Rückwand der Nische und zu beiden Seiten des Standkreuzes, sind je drei Schädel mit übereinander gekreuzten Gebeinen eingemauert und werden von vier barocken Leuchtern flankiert.

Erst 1973, nachdem die Kirchenverwaltung sich für eine Renovierung entschlossen hatte, wurden im Beinhaus die barocken Wandmalereien freigelegt. Entsprechend der zeitgenössischen, im 18. Jahrhundert bestehenden Glaubensvorstellungen zeigen die freigelegten Wandmalereien auf der einen Seite den Tod als Sensemann und auf der gegenüber liegenden Wandseite das ablaufende Stundenglas. Beflügelt durch die Gegenreformation setzte man im Barock auf Symbole für die Vergänglichkeit, die sogenannten Vanitas-Motive.

Der Karner ist rund um die Uhr zugänglich.
 
Text: Larissa Kuhl, Freie Mitarbeiterin, Oktober 2021
Fotos: EOM, HA Kunst, Thomas Splett
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