Mariendarstellungen in aller Welt Ein Spiegel tiefster menschlicher Erfahrungen

Mariendarstellungen werden zum nahbaren weiblichen Gegenpol zu dem oft als männlich und unverfügbar wahrgenommen (Vater-)Gott und zum Spiegel tiefster menschlicher Erfahrungen, wie der innigen Liebe zwischen Mutter und Kind oder der Trauer um das Leid oder Tod des eigenen Kindes, die sich in jeder Kultur finden und von allen Menschen verstanden werden.
 
Sa morenita, die "Kleine Schwarze", im Kloster Lluc auf Mallorca
Sa morenita, die "kleine Schwarze", im Kloster Lluc auf Mallorca
Kein Ort, an den die Missionare der katholischen Kirche gelangten, war religiöses Brachland. Eigene Bräuche, Gottesvorstellungen und Antworten auf die existentiellen Fragen des Lebens sind jeder Kultur zu eigen. So geschah die Verbreitung des Christentums – und damit auch ihrer religiösen Darstellungsformen – stets auf zwei Weisen: Einerseits im Überwinden der Bilder- und Vorstellungswelten der Einheimischen und andererseits im Aufgreifen und Umdeuten des Vorhandenen. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten und teils tragischen Folgen ziehen sich diese Ansätze durch die Evangelisierungsgeschichte unserer Kirche.

Im Gegensatz zu den gewaltsamen Missionierungsprozessen, einheimische Kultur aus einem kolonialen Denken als primitiv und wertlos einschätzten, versuchte der Ansatz der Inkulturation die in allen Religionen und Kulturen aufstrahlende Wahrheit zu entdecken und für die Frohe Botschaft fruchtbar zu machen. In einfachster und plakativster Weise in der Hautfarbe und Kleidung der Dargestellten bis hin zu neuen Symbolbildern, die den Menschen in ihrer Lebensweise vertraut waren.
 
Mariendarstellungen aus Afrika und Asien
Mariendarstellungen aus Afrika und Asien
Der Ansatz der Inkulturation findet sich schon in der Bibel. Jesus spricht für seine ländliche Zuhörerschaft in den Bildern einer Agrargesellschaft, wie beispielsweise im Gleichnis vom Senfkorn oder vom sterbenden Weizenkorn, während Paulus auf seiner Mission für das städtische Publikum Vergleiche aus dem Sport heranzieht (z.B. 1Kor 9,24-25).

Blicken wir auf die Mariendarstellungen verschiedener Kulturen, so müssen wir uns als erstes eingestehen, dass alle Mariendarstellungen, die wir kennen und gewohnt sind, inkulturiert sind. Unsere westeuropäisch-katholische Bilderwelt ist die Folge einer Verschmelzung semitisch- jüdischer Vorstellungen mit der hellenistisch-römischen Kultur, die wiederum in Folge der Völkerwanderungen und Germanen- und Slawenmission mit den mittel- und nordeuropäischen Kulturen verschmolz und so zu unserer Bildertradition führte.

Blicken wir auf die hellhäutige, manchmal blonde und blauäugige Maria, hat diese so wenig mit der historischen jungen Frau aus Nazareth zu tun, wie eine Madonna mit indigenen oder afrikanischen Zügen. Und doch erblicken wir im Gesicht der Mutter Gottes und ihrem Sohn, egal welcher Darstellungsform, das Ereignis der Menschwerdung Gottes, das nicht nur einmalig historisch, sondern sich auch in unserem Leben ereignet. „Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt.“ (Pastoralkonstitution Gaudium et Spes 22)
 
Die Siegerin des Kunstschnitz-Wettbewerbs trägt 2012 ihre ecuadorianische Interpretation der Patrona Bavariae auf dem Münchner Marienplatz nach vorne
Die Siegerin des Kunstschnitz-Wettbewerbs trägt 2012 ihre ecuadorianische Interpretation der Patrona Bavariae auf dem Münchner Marienplatz nach vorne
Im Gegensatz zu den Darstellungen des Kreuzes und des erwachsenen Christus sind die Kinderdarstellungen mit seiner Mutter ohne direktes biblisches Vorbild und auch keine Heilsbilder wie der gute Hirte - übrigens eine der ersten Christus-Darstellungen. Vielmehr stehen sie in engstem Kontakt zu den Darstellungsformen heidnischer Muttergottheiten wie Isis mit Horus. Sie greifen so die bekannte Motivik auf und deuten diese christlich um, sind also in eine heidnische Bilderwelt inkulturiert.

Mariendarstellungen werden zum nahbaren weiblichen Gegenpol zu dem oft als männlich und unverfügbar wahrgenommen (Vater-)Gott und zum Spiegel tiefster menschlicher Erfahrungen, wie der innigen Liebe zwischen Mutter und Kind - beispielsweise in der Maria Lactans, eine stillende Mutter Gottes -, der Trauer um das Leid oder Tod des eigenen Kindes - zum Beispiel in der Pieta-Darstellung -, die sich in jeder Kultur finden und von allen Menschen verstanden werden.
 

Marienstatue als Dank für himmlischen Beistand

 
Übergabe der Marienstatue von Kardinal Reinhard Marx an den an den Vorsitzenden der ecuadorianischen Bischofskonferenz im Jahr 2012
Übergabe der Marienstatue von Kardinal Reinhard Marx an den Vorsitzenden der ecuadorianischen Bischofskonferenz im Jahr 2012
Eine der berühmtesten außereuropäischen Mariendarstellungen ist das Gnadenbild „Unserer Lieben Frau von Guadelupe“ aus Mexiko. Den Überlieferungen zufolge führte erst dieses Bildnis zur erfolgreichen Missionierung der Indigenen Mittelamerikas, nachdem sich diese den Missionierungsversuchen der grausam agierenden christlichen Invasoren widersetzt hatten. Einerseits entspricht diese Darstellung einer Mondsichel-Madonna unserer klassischen europäischen Marien-Ikonographie, andererseits knüpft es nach mancher Interpretation in seiner Bildsprache an die vorchristlichen Religionen der indigenen Bevölkerung Mexikos an. So trägt sie einen blaugrünen Umhang, der auch bei der dualen Azteken-Gottheit Ometeotl gefunden wird. Bis heute ist dieses Gnadenbild eines der berühmtesten der Welt und der Wallfahrtsort das bedeutendste Marienheiligtum Mexikos.

Im Jahr 2012 wurde das 50-jährige Jubiläum der Partnerschaft zwischen der Erzdiözese München und Freising und der Kirche Ecuadors gefeiert. Eine Jury wählte damals unter Kunstschnitz-Lehrlingen eine Marienfigur aus, die den Auftrag, die Patrona Bavariae ecuadorianisch zu interpretieren, am besten erfüllte. Die Marienfigur wurde dann in der Maiandacht am Marienplatz an den Vorsitzenden der ecuadorianischen Bischofskonferenz übergeben.

Ein konkretes Vorbild hatte die "Große Mutter", "Unsere Liebe Frau von China". Während der antichristlichen Boxer-Revolution um 1900 soll der Legende nach die Jungfrau Maria in Begleitung eines wilden Reiters, dem Erzengel Michael, dem kleinen christlichen Dorf Donglü rettend zur Hilfe geeilt sein. Aus Dank für den himmlischen Beistand ließ der ortsansässige Priester eine Marienstatue mit den Zügen der Kaisergemahlin Cixi anfertigen. Ein Mosaik "Unserer Lieben Frau von China" befindet sich heute in der Basilica of the National Shrine of the Immaculate Conception in Washington DC.
 
Die Münchner Marienstatue fand in Ecuador einen neuen Platz
Die bayerische Marienstatue fand in Ecuador einen würdigen Platz
In derselben Kirche findet sich ein eindrückliches Beispiel für die identitätsstiftende Kraft von Mariendarstellungen aus der Gegenwart: Die Bronzestatue "Unserer lieben Frau von Afrika". Eine offensichtlich afrikanische Maria mit afrikanischem Jesus-Kind, ein Geschenk des National Black Catholic Congress, erinnert an die schmerzhafte Geschichte der Sklaverei in den Vereinigten Staaten. In dieser Darstellung zeigt sich Maria nicht nur als Mutter und Frau, sondern als Säule der Hoffnung, die sie für versklavte Völker darstellte, ganz im Sinne des Magnificats, in dem sie Gott als den bezeugt, der auf Seiten der Niedrigen und Unterdrückten steht und allen Menschen in Christus das Heil schenkt.
 

Altöttinger Madonna aus dem 14. Jahrhundert als Beispiel der "Schwarzen Madonnen"

 
Auch außerhalb des afrikanischen Kontexts finden sich "Schwarze" Madonnen als Zentrum vieler Wallfahrtsorte. Halle in Belgien, Montserrat in Spanien, Alba in Ungarn, Loreto in Italien, Lluc auf Mallorca, Charte in Frankreich oder Einsiedeln in der Schweiz ziehen bis heute Wallfahrende an, um die geheimnisvollen Schwarzen Madonnen um Fürsprache zu bitten. Auch in Bayern ist mit der Altöttinger Madonna aus dem 14. Jahrhundert eine Vertreterin dieser Gruppe - zu der auch "Unsere Liebe Frau in Guadelupe" gezählt wird - vertreten. Schätzungsweise gibt es 450 als schwarz, dunkel oder braun bezeichnete Madonnen. Zahllose Votivgaben zeugen von der bis heute anhaltenden Wirkmacht der Andachtsbilder.

Die Erklärungen für die dunkle Hautfarbe dieser Mariendarstellungen sind vielfältig: Jahrelanger Kerzenrauch, Erdreste vom Vergraben im Boden, häufiges Eintauchen in Wasser oder eine eigenwillige Mode der Zeitgenossen. Neben "zufälligen" Schwarzverfärbungen lässt sich das Phänomen auch als Überbleibsel europäischer Inkulturation deuten. Denkbar sind vorchristliche Ursprünge des Kultes und einer Verbindung zu mythologischen (Schutz-) Göttinnen wie Isis oder Kali – Wächterinnen über Geburt und Tod. Auch die germanisch-keltischen Göttinnen Freya und Ana sind potentielle Vorbilder der Schwarzen Madonnen.
 
Unabhängig jedoch vom wirklichen Ursprung zeigen die Schwarzen Madonnen wie auch die internationalen Beispiele, welche Kraft und Bedeutung Mariendarstellungen auf der ganzen Welt für den Glauben und die Frömmigkeit entfalten. Die Mutter Gottes tritt uns in ihnen als "eine von uns" gegenüber – egal wie wir aussehen – und zeigt, wie wir trotz unserer menschlichen Begrenztheit den Mut und den Glauben finden können, „Ja“ zu Gott zu sagen.
 
Text: Katharina Roßmy, Hauptabteilung Kunst, Mai 2023

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