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Achtsames Schenken Wie man verhindern kann, dass Konsumgüter wahre Gefühle überdecken

„Mit teuren Geschenken werden häufig nur die wahren Gefühle überdeckt“, sagt Anjeli Goldrian, Therapeutin und Beraterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Erzbistums München und Freising. Immer häufiger würden die Paare, die zu ihr und ihren Kollegen kommen, unter Alltagsstress, Zeitmangel und einer gewissen Sprachlosigkeit im täglichen Miteinander leiden – und versuchen dann oft, diese Probleme mit übermäßigem Konsum zu lösen. Das gilt längst nicht nur fürs Weihnachtsfest, an dem der Geschenke-Hype jedes Jahr auf die Spitze getrieben wird, sondern auch für Geburtstage, den Valentins- oder Hochzeitstag. Das schönste Geschenk, das man seinem Partner machen könne, sei dagegen etwas anderes, weiß sie aus Erfahrung.    
Geschenk mit rosa Schleife
Eine schöne Verpackung, aber was steckt dahinter?
Nicht selten führen die Präsente zu neuen Spannungen in der Beziehung, weil diese zu protzig, zu billig, zu einfach, zu gedankenlos oder auch zu langweilig ausfallen und beim Gegenüber vor allem eines zurückbleibt: Enttäuschung über den Partner, der einen nicht richtig kennt oder sich einfach keine Gedanken mehr über den anderen machten möchte.
 
Anjeli Goldrian kennt das Spannungsfeld zwischen Schenken-Müssen und Konsum-Verdruss aus der täglichen Praxis. Sie sagt: „Konsum ist nicht deckungsgleich mit den Bedürfnissen der Menschen. Übermäßiges Geldausgeben kann schnell zur Übersättigung und Abstumpfung, im schlimmsten Fall gar zu finanziellen Problemen führen.“ Sie betont aber auch, dass die Paare, die zu ihr und ihren rund 100 Kolleginnen und Kollegen kommen, in Wirklichkeit mit ganz anderen Problemen kämpfen. Der vergessene Hochzeitstag oder der mickrige Blumenstrauß zum Geburtstag sind meistens nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringe. Die wahren Probleme liegen woanders – und reichen meist viel tiefer.

„Warum tut der andere das?“

Ein Ehepaar hat beispielsweise völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, wofür es sein Geld ausgeben soll. Diese Differenzen zeigen sich vor allem beim Essen. Während sie sehr bewusst einkauft und auch bereit ist, für Tierwohl und den Schutz der Umwelt tiefer in die Tasche zu greifen, gibt es für ihn beim Einkaufen oder im Restaurant nur ein Kriterium: Billig muss es sein! Wehe, sie greift im Supermarkt zum Bio-Fleisch und zahlt 10 statt 2 Euro fürs gute Gewissen. Regelmäßig geraten sie deswegen aneinander. Auch deshalb sind sie schon seit Jahren nicht mehr gemeinsam essen gegangen. Zu oft musste sie sich über seine Bemerkungen wegen der 30 Euro für den Fisch ärgern – ein Salat tue es doch auch, oder?
 
Anjeli Goldrian hat viele solcher Paare vor sich sitzen. Sind 20 Euro fürs Motoröl angemessen, 10 fürs Schweineschnitzel aber nicht? Fliegen wir nach Indonesien oder gehen wir im Allgäu wandern? Wollen wir uns die teure Wohnung in der Stadt noch leisten oder ziehen wir lieber ins günstigere Umland?
 
Als Erstes versucht sie den Paaren die Spannungsfelder und Konflikte überhaupt erst mal bewusst zu machen, unter denen mindestens einer der Partner so stark leidet. „Im ersten Schritt sollen sie einen Perspektivwechsel vornehmen und versuchen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Warum tut er das? Was stört ihn?“ Eine offene, ehrliche Kommunikation über die unterschiedlichen Vorstellungen sei oft bereits der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung, sagt sie. „In der Beratung lernen sich die Paare wieder besser kennen. Sie öffnen sich den Argumenten des anderen, hören ihm zu und sprechen über ihre eigenen Gefühle. Sie sollen sich auf den anderen und seine Bedürfnisse wieder mehr einlassen und sich für ihn Zeit nehmen. Denn das ist bei vielen in der Hektik des Lebens verloren gegangen. Als Beraterin kann man diesen Öffnungsprozess gut begleiten. Das Darüber-Reden ist bereits ein Teil der Lösung.“
rosa Gerbera
Mit Achtsamkeit schenken, dem Anderen etwas Gutes tun - manchmal genügen bereits kleine Gesten.

„Was kann ich dir Gutes tun?“

Viele Paare leiden auch darunter, dass sie sich im Alltag zu viel vornehmen und dann feststellen, dass Anspruch und Wirklichkeit immer öfter und immer weiter auseinanderliegen. Die Menschen wollen heute gut leben, in den Urlaub fliegen, Freunde treffen und ihren Hobbys nachgehen, müssen dafür aber auch immer mehr arbeiten und Geld verdienen, nur um dann im Gegenzug immer weniger Zeit füreinander zu haben.
 
In ihren Gesprächen weist Anjeli Goldrian die Paare häufig darauf hin, dass die gemeinsame Zeit immer noch das Wertvollste sei, was sie haben – und was sie dem anderen geben können. „Achtsames Schenken“ nennt sie das. Achtsamkeit – das heißt präsent sein, da sein, sich nicht ablenken lassen. Aufs Schenken angewandt bedeutet das, den anderen in seinen echten Bedürfnissen zu erkennen und ihn bewusst wahrzunehmen, ohne gleich zu bewerten oder zu kritisieren. „Achtsames Schenken ist, dass ich mich in den anderen hineinversetze und mich beim Schenken in eine Haltung der Selbstlosigkeit begebe. Jeder sollte sich beim Schenken zuallererst fragen: Was kann ich dir Gutes tun?“ Das kann schon mal das teure Armband oder die Luxustasche sein – aber auch das Wochenende zu zweit oder der Museumsbesuch am nächsten Sonntag. „Gute Gespräche, ein glückliches Lachen, Humor: Das sind oft die schönsten Geschenke überhaupt.“ Und kosten nur ein wenig Zeit.

Text: Christian Horwedel, freier Redakteur

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