Ungewissheit ein Jahr nach Ausbruch des Krieges Monsignore Rainer Boeck über die Situation der Geflüchteten aus der Ukraine

Vor einem Jahr brach Russland den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine vom Zaun. Bis heute sind rund 50.000 Ukrainer:innen in das Erzbistum München und Freising geflohen. Monsignore Rainer Boeck von der Abteilung Flucht, Asyl, Migration und Integration (FAMI) der Erzdiözese bilanziert die aktuelle Situation.
 
Freiwillige packen Pakete für ukrainische Kriegsopfer in der ukrainischen Gemeinde in München
Ehrenamtliche packen Pakete für ukrainische Kriegsopfer in der ukrainischen Gemeinde
Vor einem Jahr, am 24. Februar 2022, brach Russland den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine vom Zaun. Bis heute sind eine Million Ukrainer, die meisten Frauen und Kinder, nach Deutschland geflüchtet, 50.000 in das Gebiet der Erzdiözese und davon 15.000 in München. Der Krieg war absehbar, und doch sei man in der Erzdiözese München und Freising von dem großen Flüchtlingsstrom überrascht gewesen, sagt Monsignore Rainer Boeck, der Leiter der Abteilung Flucht, Asyl, Migration und Integration (FAMI) im Erzbistum. „In den ersten Tagen des Krieges kamen an die 10.000 Menschen in München an“, erinnert sich der Geistliche. Bis heute sind es vor allem Frauen mit Kindern.

Der Infopoint am Münchner Hauptbahnhof wurde zur Anlaufstelle für alle, die mit Zug oder Bus in die bayerische Landeshauptstadt gekommen waren. Dort erhielten sie erste Informationen darüber, wie die Aufnahme verläuft und was sie zu beachten haben. „Die Ukrainerinnen und Ukrainer stehen unserer Kultur und unserer Technik relativ nahe, das ist ein großer Vorteil. Die Leute waren sehr gut auf das vorbereitet, was auf sie zukam“, so der Flüchtlingsbeauftragte. Innerhalb der deutschen Bevölkerung schlug den Ukrainern eine große Willkommenskultur entgegen, viele Privatpersonen waren dazu bereit, Menschen aufzunehmen.

Die Frage der Unterbringung spitzt sich derzeit wieder zu. Es gibt innerhalb der Kirche keinen einheitlichen Anbieter, der freien Wohnraum vergeben könnte. Aber viele Pfarreien waren bereit, Räume, die sonst für andere Zwecke benötigt werden, zur Zwischenmiete zur Verfügung zu stellen. „Die Ordensgemeinschaften waren ein ganz großer ,Player‘“, weiß Boeck. Sie nahmen große Gruppen auf und konnten spezielle Angebote machen. Schließlich kommen nicht nur junge, gesunde Leute an, sondern zum Beispiel auch Krebspatienten, die ihre Behandlung in Deutschland fortführen müssen. Hier waren die Orden mit ihren Krankenhäusern besonders hilfreich. Manche Orden haben sogar Schwestern aus der Ukraine. So konnten sprachliche Brücken gebaut werden. Doch die Diözese hat auch eigene Angebote, zum Beispiel in Birkenstein oder in der Münchner Preysingstraße.
Auf dem Foto ist Msgr. Boeck zu sehen. Er leitet die Abteilung Flucht, Asyl, Migartion und Integration
Rainer Boeck
Der zur Verfügung stehende Wohnraum ist inzwischen ausgefüllt, die kommunalen Behörden suchen nach weiteren Quartieren. „Es ist nicht damit getan, dass die Leute irgendwo unterkommen“, unterstreicht Boeck. Die Betreuung der Geflüchteten sei ein ganz eigenes Kapitel. Inzwischen haben vor allem die Landkreise große Schwierigkeiten, Geflüchtete unterzubringen, schließlich kommen auch viele Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland. Außerdem könnten viele Privatpersonen die Geflüchteten nicht länger bei sich aufnehmen. Heute sei der Zustrom erstaunlicherweise relativ gering, gleichzeitig jedoch schwer zu beobachten. Schließlich wollen die meisten Geflüchteten im Unterschied zu den Flüchtlingswellen der Vergangenheit wieder in ihre Heimat zurück.

Schon jetzt gebe es eine „Wanderbewegung“ nach Deutschland und wieder zurück in die Ukraine. „Das macht die ganze Situation sehr unübersichtlich.“ Seit Ausbruch des Krieges seien mehr Ukrainer nach Deutschland gekommen als in der Flüchtlingskrise 2015/16. „Das war schon ein sehr starker Aufschlag, der da zu bewältigen war.“ In den nächsten Wochen werde der Infopoint am Münchner Hauptbahnhof jedoch geschlossen, da die Menschen inzwischen wesentlich dezentraler ankämen.

Das Engagement der Ehrenamtlichen beurteilt der Flüchtlingsbeauftragte der Erzdiözese sehr unterschiedlich: Einige Helferkreise seien sehr aktiv, vor allem wegen der leitenden Persönlichkeiten, die die anderen motivierten und die Geflüchteten einbezögen. Andererseits gebe es auch Ermüdungserscheinungen. Vor allem die Ehrenamtlichen bräuchten große Unterstützung, die sie bei der Caritas anfragen. Weitere Faktoren seien die politischen Vorgaben in der Region und die Belastung einzelner Standorte. Mancherorts komme es zu ablehnenden Reaktionen auf Geflüchtete.
Info Point der Caritas am Münchner Hauptbahnhof
Info-Point der Caritas am Münchner Hauptbahnhof
Im Unterschied zu den Asylbewerbern der letzten Flüchtlingswellen sei es schon von der politischen Vorgabe her deutlich leichter, Erwachsenen Bildungsangebote zu machen beziehungsweise sie ins berufliche Leben zu integrieren. Außerdem verfügten viele über ein ähnliches Bildungsniveau wie in Deutschland, was den Spracherwerb erleichtere. Doch wenn die Betreuung ihrer Kinder nicht gewährleistet sei, könnten die Frauen nur schwer an Sprachkursen teilnehmen, geschweige denn einen Beruf ausüben.

Ein weiteres Hindernis: Die Ausländerbehörde muss eine Genehmigung für die berufliche Tätigkeit erteilen. Doch die Behörde ist derart belastet, dass die Geflüchteten sich die Wartezeit gar nicht erlauben können. So rutschen sie leicht in Arbeitsverhältnisse ab, bei denen diese Anerkennung nicht notwendig ist – also in den Niedriglohnsektor, und „das ist nicht im Sinne des Erfinders“, kritisiert Boeck.

Die Kirche sah von Anfang an die Gefahr, dass sich unter den Geflüchteten eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt zwischen den „politisch begünstigten Flüchtlingen“, wie Boeck die Menschen aus der Ukraine nennt, und denen aus anderen Ländern. Deshalb habe Kardinal Reinhard Marx schon ganz zu Beginn ein Statement gesetzt, indem er die Geflüchteten aus Sierra Leona besuchte. Das sollte zeigen, dass man auch die Geflüchteten im Blick hat, die es wesentlich schwerer haben, bei uns aufgenommen zu werden.

München war und ist ein spezieller kirchlicher Anlaufpunkt, weil es hier nicht nur den römisch-katholischen Erzbischof gibt, sondern auch einen ukrainisch-katholischen Exarchen mit eigener Gemeinde. Diese habe „Übermenschliches“ geleistet, weil viele Geflüchtete glaubten, hier Hilfe zu finden. Um die Arbeit zu erleichtern, hat die Erzdiözese für zwei Jahre einen weiteren Priester zur Verfügung gestellt. Doch auch die Ukraine selbst wird von der Erzdiözese finanziell unterstützt. So helfen Caritas International und die Malteser dabei, die Infrastruktur wieder aufzubauen.

Auch der Flüchtlingsbeauftragte Monsignore Rainer Boeck weiß nicht, wie sich die Situation in der Ukraine entwickeln wird. Doch eines scheint ihm sicher: „Die Persönlichkeit Putins lässt nichts Gutes hoffen.“ Deutschland habe mit einer Million aufgenommenen Flüchtlingen Großes geleistet, doch man dürfe nicht übersehen, dass die Tschechische Republik, Moldawien, Rumänien und Polen prozentual weit mehr Menschen aufgenommen hätten. Boeck glaubt, es sei Wladimir Putins Bestreben, Westeuropa zu destabilisieren, und die Fluchtbewegung ein kriegstaktisches Ziel.
 
Text: Maximilian Lemli, Redakteur beim Michaelsbund, Februar 2023

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