"Wenn wir helfen können, sagt es uns" Interview mit Dr. Ralf Grillmayer über die Integration von Kindern und Jugendlichen an Schulen des Erzbistums

 
Täglich kommen zahlreiche Flüchtlinge aus der Ukraine am Münchner Hauptbahnhof neu an, zumeist Frauen mit ihren Kindern, von Säuglingen und Kleinkindern bis zu Teenagern aus Oberstufenklassen. Die Geflüchteten, besonders die jungen Menschen, brauchen so schnell wie möglich einen geregelten Alltag und Perspektiven, wie es für sie weitergeht. Wie lassen sie sich auffangen jenseits der Fragen nach einer (Not-)Unterkunft? Wir sprachen mit Dr. Ralf Grillmayer, Hauptabteilungsleiter für den Bereich Erzbischöfliche Schulen im Ordinariat.
 
Schülerinnen und Schüler der Maria-Ward-Realschule St. Zeno in Bad Reichenhall formen ein Friedenssymbol
Schülerinnen und Schüler der Maria-Ward-Realschule St. Zeno in Bad Reichenhall formen ein Friedenssymbol
 
Herr Dr. Grillmayer, wie versucht man seitens der Erzdiözese, sich unter den zu uns kommenden Flüchtlingen gerade um die Schwächsten, die Kinder und Jugendlichen, zu kümmern?

Ralf Grillmayer: Ukrainische Geflohene sind häufig privat untergebracht, zum Teil auch bei Eltern unserer Schülerinnen und Schüler und mit Kindern im schulpflichtigen Alter. In solchen Fällen kommt dann natürlich sofort die Frage auf, ob ein Kind nicht an die gleiche Schule gehen kann wie der Sohn oder die Tochter der Gastgeberfamilie.

Diese Form von Einzelaufnahmen in den normalen Regelunterricht von Klassen hat es von der ersten Woche an gegeben; die Zahl der ukrainischen Gastschülerinnen und Gastschüler an unseren Schulen wächst derzeit täglich. Einzelaufnahmen in den Regelbetrieb gehen vor allem dann gut und problemlos, wenn es sich um Schülerinnen und Schüler mit Fremdsprachenkenntnissen handelt, vor allem Deutsch oder Englisch. Schwieriger ist es, wenn keine Fremdsprachenkenntnisse vorliegen.
 
Dann wird die Sprachbarriere zum großen Problem?

Ralf Grillmayer: Ja, das mussten wir von Anfang an feststellen, und das ist auch die große Herausforderung bei den in ganz Bayern eingeführten „Willkommensklassen“. Dafür braucht man auch zusätzliches Personal. Im Vordergrund steht die Schaffung von Normalität, eines geregelten Tagesablaufs und eines Umfeldes mit Gleichaltrigen.
 
Viele Kinder und Jugendliche sind durch die Kriegserfahrung und das Zerreißen ihrer Familien traumatisiert. Wie wird dem Rechnung getragen?

Ralf Grillmayer: Diese Frage habe ich mir anfangs auch gestellt, ob nicht fast jedes Kinder erst einmal therapiebedürftig ist. Aber das ist bei weitem nicht der Regelfall. Tatsächlich gibt es ganz viele, die völlig normal mit dabei sind, die sich freuen, in die Schule zu kommen und hier -  je nach Sprachfähigkeiten - mitmachen zu können. Das ist wirklich erfreulich und natürlich auch motivierend. Die meisten unserer ukrainischen Schülerinnen und Schüler derzeit sind übrigens zwischen zwölf und 15 Jahre alt. An einer unserer Grundschulen wurde bereits ein Neunjähriger aufgenommen.
 
Wie haben Sie die kirchlichen Schulen für die Flüchtlings-Problematik sensibilisiert?

Ralf Grillmayer: Das war gar nicht nötig, wir mussten niemanden, wie man so sagt, „zum Jagen tragen“. Vom ersten Tag an gab es bei vielen Schulen eine große Motivation zu helfen, auch Angebote wie: „Wenn wir helfen können, sagt es uns!“

Die Erzdiözese führte eine Abfrage zu allen ihrer Immobilien durch, um zu überprüfen, welche denn für Notaufnahmen in Frage kämen. Diese Abfrage wurde auch für schulische Immobilien, Gebäude für Gebäude, gemacht. Ein Beispiel: Unsere Realschule in Weichs besaß ganz früher einen Internatsbetrieb, von dem bis heute im Dachgeschoss seit Jahren stillgelegte Internatsräume vorhanden sind, rund 200 Quadratmeter. Da gab es sofort die spontane Bereitschaft, diese für Geflüchtete aus der Ukraine, in der Regel für Mütter mit Kindern, zur Verfügung zu stellen. Der Landkreis beabsichtigt nun, die Räume, vor allem die sanitären Anlagen, zu ertüchtigen und wir sind unsererseits bereit, diese Räume mietfrei zur Verfügung zu stellen. An der Schule selbst gibt es mittlerweile ein halbes Dutzend aufgenommener Schülerinnen und Schüler, Tendenz steigend.
 
Der Bayerischen Philologenverband hatte vor kurzem einen Aufruf an ukrainische Lehrkräfte gestartet, sich zu melden. Mehrere hundert Personen haben sich daraufhin innerhalb weniger Tage über das Online-Kontaktformular auf der Verbandshomepage registriert. Sie alle wollen bayerische Schulen bei der Umsetzung der vom Kultusministerium geplanten pädagogischen „Willkommensklassen/-gruppen“ unterstützen. Wie sieht es an Schulen des Erzbistums aus damit?

Ralf Grillmayer: Ähnliches gibt es auch bei uns: Wir konnten eine ukrainische Lehrkraft, die als Englisch- und Deutschlehrerin sogar dreisprachig ist, befristet bis Ende des Schuljahres unter Vertrag nehmen. An den Mädchenschulen des Maria-Ward-Gymnasiums und der Maria-Ward-Realschule in Nymphenburg wird es somit nach den Osterferien eine eigene „Willkommensklasse“ geben, in denen auch echte Unterrichtsinhalte vermittelt werden sollen. Geplant ist ukrainischer Fachunterricht sowie die Vermittlung von Deutschkenntnissen.

Die dritte Säule besteht in der großen Bereitschaft des Kollegiums, zusätzliche Angebote zusammen mit den Stammschülerinnen zu machen, etwa im Sport oder im musikalischen und künstlerischen Bereich. In Weichs läuft derzeit eine Prüfung, ob man dort ebenfalls eine solche „Willkommensklasse“ ermöglichen und einrichten kann.
Dr. Ralf Grillmayer
Dr. Ralf Grillmayer
An weiteren Schulen des Erzbistums ist dies nicht geplant?

Ralf Grillmayer: Nein, momentan noch nicht.
 
In der Ukraine läuft der Unterricht mitunter anders als in Deutschland. Wie wird dies berücksichtigt?

Ralf Grillmayer: Das Ministerium hat dazu ein mittlerweile auch schon überarbeitetes Rahmenkonzept allen Schulen in Bayern zur Verfügung gestellt, das natürlich auch bei uns Beachtung findet. Momentan sind die Dinge alle sehr stark in Bewegung. So gibt es zum Beispiel ältere Schülerinnen und Schüler im Alter von 16, 17 Jahren, die angehalten worden sind, nicht an eine deutsche Schule zu gehen, sondern stattdessen am Distanzunterricht aus der Ukraine teilzunehmen, der auch von der Ukraine aus gesteuert wird, um so einen ukrainischen Abschluss zu bekommen.

Eine unserer Schulen hat angeboten, derartigen Fernunterricht in ihren Räumen mit zu organisieren und zu begleiten. Auf diese Weise könnten die ukrainischen Schülerinnen aus ihrer Unterkunft herauskommen und Kontakte mit den einheimischen Schülerinnen in einer schulischen Umgebung knüpfen.
 
"Besonders für die vielen Kinder darf die Turnhalle nur eine kurze Notlösung sein“, sagte kürzlich Margit Berndl, Vorständin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Bayern. Können Sie von schulischer Seite her Einfluss nehmen auf eine tatsächlich kindgemäße langfristige Unterbringung?

Ralf Grillmayer: Einfluss direkt darauf nehmen, wo Eltern mit ihren Kindern untergebracht werden, können wir als Schulabteilung nicht. Natürlich können wir Anfragen in Einzelfällen weitervermitteln, weil es bei uns im Ordinariat ja auch eine zentrale Anlaufstelle gibt. Wir haben, wie gesagt, viele Fälle von Geflohenen, die privat untergekommen sind. Von wie langer Dauer diese Art der Unterbringung im Einzelfall sein wird, muss man natürlich abwarten.
 
Viele Schulen helfen mit Aktionen den Menschen vor Ort in der Ukraine. Natürlich auch Schulen des Erzbistums, oder?

Ralf Grillmayer: Ja, eine Aktion, die für andere mitstehen mag, ist zum Beispiel ein großer Spendenlauf, an der sich zusammen mit anderen Schulen aus der Region unsere Realschule St. Zeno in Bad Reichenhall mitbeteiligt hat. Firmen, Geschäftsinhaber und Privatleute waren aufgefordert, pro gelaufener Sportplatzrunde ein paar Euro zu spenden. Das Ergebnis war ganz erstaunlich: „9.758 Runden für die Ukraine. Maria-Ward-Realschule St. Zeno sammelt beim Spendenlauf mehr als 40.000 Euro“ lautete eine große Überschrift in der Lokalpresse.

Dort gibt es 600 Schülerinnen und Schüler, und die hatten nur einen halben Vormittag dafür Zeit. Wenn ich dies umrechne, dann kommt man im Schnitt auf über 15 Runden pro Kopf. Das ist gewaltig und zeigt, mit welch großem Engagement man hier dabei war. Der Erlös dieser Aktion kam unter anderem UNICEF zu Gute, um unmittelbar in der Ukraine Hilfsmaßnahmen finanzieren zu können.
 
Was glauben Sie: Werden wir auf Jahre eigene ukrainische Klassen an unseren Schulen haben?

Ralf Grillmayer: Prognosen zu stellen ist derzeit kaum möglich. Es gibt ja auch kritische Stimmen, ukrainische Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen aufzunehmen, mit der Begründung, dass sie nur kurz hier seien und möglichst bald wieder in ihre Heimat zurückkehren. Niemand aber kann sagen, ob es tatsächlich nur, wie erhofft, kurze Aufenthalte bei uns sein werden. Das wird auch von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Derzeit kommen bei uns immer mehr Menschen aus den völlig zerstörten Städten der Ostukraine zu uns, für die wird eine Rückkehr wesentlich schwieriger sein als für andere.

Die Frage, ob wir in Jahren noch ukrainische Klassen haben werden, würde ich allerdings eher mit Nein beantworten. Denn das Ziel bei einem längeren Verbleib in Deutschland oder einem gar auf Dauer muss ja der möglichst schnelle Erwerb der deutschen Sprache sein, um dann in einen normalen Schulbetrieb des bayerischen Schulsystems eingegliedert werden zu können.
 
Wohin können sich ukrainische Familien wenden, die eine kirchliche Schule für ihre Kinder suchen?

Ralf Grillmayer: Direkt an jede kirchlichen Schule. Die Adressen findet man auf der Homepage der Erzdiözese.
 
Interview: Florian Ertl, Stellvertretender Chefredakteur der "Münchner Kirchenzeitung"

Erzbischöfliche Schulen
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Hauptabteilungsleiter:
Dr. Ralf Grillmayer, OStD