„Kirche ist für die Welt da und keine Lobbygruppe“

60 Jahre Katholische Akademie in Bayern: Kardinal Marx feiert Messe auf Frauenchiemsee
Diskussion mit Bundesverfassungsgerichtspräsident Voßkuhle über „Kirche und Staat“
60 Jahre Katholische Akademie
Kardinal Marx diskutiert mit Bundesverfassungsgerichtspräsident Voßkule. (Foto: EOM/Kiderle)
München, 14. Juli 2017. Dass die „Kirche für die Welt da ist“ und „keine Lobbygruppe für eigene Interessen“ sei, hat Kardinal Marx bei einer Messe am Freitagabend, 14. Juli, in der Klosterkirche Frauenwörth auf Frauenchiemsee betont. Die Kirche stehe ein für die Menschenwürde, wie sie in der Gottesebenbildlichkeit jedes einzelnen begründet sei, und für die Freiheit, sagte der Erzbischof von München und Freising in seiner Predigt. Vor der Messe diskutierte Marx im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum 60-jährigen Bestehen der Katholischen Akademie in Bayern mit dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, über „Kirche und Staat“. Das Podiumsgespräch fand in dem 1803 säkularisierten Augustiner-Chorherrenstift auf Herrenchiemsee statt, wo 1948 der Verfassungskonvent zur Gestaltung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland tagte.
 
Mit der „unglaublich revolutionären Botschaft“, dass alle Menschen lebendige Bilder Gottes seien, unterscheide sich die Kirche „von einer zivilgesellschaftlichen Gruppe, die nur ihre Interessen vertritt“, so der Kardinal in seiner Predigt. Marx erinnerte an die Diskussion über eine europäische Verfassung und die Frage, ob in einer möglichen Präambel ein Gottesbezug hergestellt werden solle. Nach seiner Ansicht bestünde der Sinn einer solchen Präambel in der klaren Grenzziehung: „Wir sind nicht Gott.“ Marx nahm Bezug auf Jürgen Habermas‘ Diktum, wonach mit der Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf auch die Freiheit des Menschen aufgehoben würde.
 
Mit ihrer Botschaft leiste die Kirche einen wichtigen Beitrag für eine freie Gesellschaft in einem Bereich, der nicht in der Macht des Staates liege, erklärte Kardinal Marx: „Der Staat hat Grenzen. Es gibt etwas, was er nicht beherrschen kann, was aber wichtig ist.“ Es sei entscheidend, dass „Menschen da sind, die verantwortlich handeln. Da reicht das Bürgerliche Gesetzbuch nicht aus nach dem Motto: Was nicht verboten ist, ist erlaubt.“
 
Auch bei der vorangegangen Diskussion mit dem Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Andreas Voßkuhle betonte Marx, „Freiheit ist wesentlicher Ausdruck des christlichen Glaubens“, sie sei eng verwoben mit dem Glauben an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen: „Wir müssen aus christlicher Perspektive zeigen: eine freie Gesellschaft ist die bessere Gesellschaft.“
 
Für Kardinal Marx ist „keine Alternative zur offenen, wertegebundenen Gesellschaft erkennbar“. Er führte weiter aus, dass seiner Ansicht nach „die Demokratie der Zukunft nicht radikal laizistisch sein wird und auch keine Staatskirche umfasst“, sondern eine wohlwollende Neutralität zwischen Staat und Kirche pflegen müsse, wie sie in Deutschland herrscht. Zugleich müsse die „Kirche deutlich machen, dass das besondere Verhältnis zwischen Kirche und Staat keine Privilegierung der Kirche ist“. (ck) 


Im Bild:
Gespräch über „Kirche und Staat“: Erzbischof Reinhard Kardinal Marx (l.) diskutiert mit Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle (r.), moderiert von Akademiedirektor Florian Schuller. (Foto: EOM/Kiderle)