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Hinein ins neue Leben Der Weg des Advents führt an die Menschwerdung Gottes heran

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Adventskranz (Foto: Martin Manigatterer / pfarrbriefservice)

Anfang des Advents

Wann beginnt der Advent? Für uns Christen ist eigentlich immer Advent, das ganze Jahr über, wenn wir voll Hoffnung und Erwartung im Vaterunser beten: „Dein Reich komme.“ Was aber fängt dann am ersten Adventssonntag an?

Es fällt auf, dass die theologische Botschaft, mit der das Kirchenjahr am ersten Advent anfängt, im Grunde die gleiche ist wie die, mit der es aufgehört hat: Der Herr wird wiederkommen in Herrlichkeit. Das sagen der Sonntag Christkönig, und etwas unterschiedlich akzentuiert auch die Sonntage davor, ja insgesamt der Monat November, der mit Allerheiligen und Allerseelen beginnt. Wir erwarten und erhoffen die Vollendung in der Ewigkeit Gottes am Ende aller Zeiten.

So gesehen hat der Advent seine tiefere Wurzel und seinen eigentlichen Anfang in der Endzeitstimmung des November, im Blick auf die Vergänglichkeit der Welt, im Blick auf das Sterben, in der Hoffnung, das sich Gott letztendlich in seiner vollen Macht und Herrlichkeit zeigen wird.

Drei verschiedene Advente

Die zweite Botschaft des Advents verheißt das rettende, machtvolle Eingreifen Gottes schon in dieser Zeit, nicht erst am Ende. Welche Ankunft im Advent bedacht wird, worauf gewartet wird, das verändert sich enorm während der Zeit des Advents. Die Taktung in vier Sonntage und vier Kerzen, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, überdeckt dieses Gefüge. Scheinbar läuft der Advent wie auf einer Schiene auf Weihnachten zu.

Doch wer näher hinschaut, oder besser: hinhört auf die Verkündigung des Advents, dem fallen markante Brüche auf. Ich zitiere die Evangelien aus dem anstehenden Lesejahr C: „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ (1. Advent) „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg. … Alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.“ (2. Advent) „Es kommt einer, der stärker ist als ich.“ (Johannes der Täufer am 3. Advent) „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt.“ (Elisabeth und Maria begegnen sich: 4. Advent)

Der Advent lenkt uns also zuerst auf die endgültige Offenbarung am Ende der Welt, dann auf ein machtvoll rettendes Eingreifen Gottes zur Wende der gegenwärtigen Not und schließlich auf die Gestalt des Kindes der Maria hin. Was soll man davon halten?
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Heilige Familie (Foto: unsplash / Walter Chavez)

Rhythmus des Advents

Folgt man dieser Interpretation, gewinnen auch der Rhythmus und die Prägung des Advents, wie man sie kennt, ihren Sinn. Mitten in der großen Not, in der chaotischen Unübersichtlichkeit des absehbaren Endes, im Ausgeliefertsein an die Kräfte des Himmels und der Erde, wird ein erstes kleines Licht entzündet, eine erste Kerze am Adventskranz. „Es ist besser, ein kleines Licht zu entzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.“

Der Ruf des ersten Advents ist der Ruf zu einer ersten Geste aus der Ohnmacht und Passivität heraus: „Richtet euch auf und erhebt euer Haupt.“ Es ist die Geste, Ausschau zu halten und hinzuhören. Am Ende wird man auf die Botschaft des Engels an Maria und auf die Botschaft des Engelsheeres an die Menschen hören und gläubig aufstehen, einen Schritt auf das Jesuskind zumachen, um dann in die Nachfolge einzutreten. Jede weitere Kerze markiert einen Fortschritt, weil die Richtung stimmt. Das Licht nimmt zu, man ist auf einem guten Weg.

Die dritte Kerze ist hervorzuheben, denn sie bedeutet einen wichtigen Anhaltspunkt: die Freude. Mancherorts wird die dritte Kerze am Adventskranz farblich herausgehoben. Wo die Sakristei es hergibt, wird die violette Farbe des Messgewands zu einem freundlichen Rosa aufgehellt. Denn man darf sich der Freude vergewissern, die das begleitende Gefühl der zunehmenden Selbsttätigkeit und des vertrauensvoll, hoffnungsfroh, zielsicheren Ausschreitens auf dem Weg des Heiles ist.

Woche vor Weihnachten

Eine weitere Wendung nimmt der Advent, wenn er in die letzte Woche vor Weihnachten mündet. Vom 17. Dezember an zählt die Liturgie die Tage. Sie holt damit gewissermaßen auch den Brauch der Adventskalender ein, die schon vom 1. Dezember an die Tage bis Weihnachten zählen. Da wird dann – nach dem diesjährigen Kalender – kein „Montag in der 3. Adventwoche“ mehr gefeiert, sondern der „17. Dezember“.

Die Erwartungshaltung des Advents hat sich gewandelt. Sie ist nicht mehr Bereitschaft für eine Stunde, die niemand kennt, in der der Herr überraschend kommt wie der Dieb in der Nacht. Es ist ein aktives Zugehen auf den Tag, an dem Jesus geboren wird. Man weiß, wann es soweit sein wird: „Ero cras“ – „morgen werde ich da sein.“ Diese lateinischen Worte ergeben sich aus den rückwärts aufgereihten Anfangsbuchstaben der berühmten „O-Antiphonen“ der sieben Tage vor Weihnachten. Als Ruf vor dem Evangelium und als Kehrvers zum Magnifikat in der Vesper sieht die Liturgie in der Woche vor Weihnachten einen Ruf des Staunens, der Bewunderung und des Lobpreises vor. Es beginnt mit „S“ von „O Sapientia“ – „O Weisheit“ am 17. Dezember und landet am 23. Dezember bei „E“ wie „O Emmanuel“. Das ist der verheißene Name des göttlichen Kindes, der bedeutet: „Gott mit uns.“

Das aktive Zugehen auf den Tag, an dem das Heil Gottes Fuß fasst in der Welt, schließt passend das Aufeinander Zugehen der Menschen ein. Es ist Vollzug des Advents, wenn wir uns eins um das andere annehmen, wenn wir Geschenke besorgen als Zeichen der Verbundenheit, wenn wir auf die Bittbriefe der Hilfsorganisationen eingehen und für Spenden aufgeschlossen sind. Das sind Schritte hin nach Betlehem, Schritte, die dann weiter führen auf den Weg der Nachfolge Jesu.
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(Foto: unsplash / Sebastian Frohlich)

Menschwerdung Gottes

Der so verstandene Advent führt heran an die Menschwerdung Gottes. Das Heil, das Gott ins Werk setzt, ist nicht von der Art, dass er etwas für uns erledigt, dass er etwas für uns – im Sinn von: an unserer Stelle – tut. Er verwandelt nicht die Rahmenbedingungen, so dass wir es von da an irgendwie leichter hätten. Gott tritt selbst in die Rahmenbedingungen ein. Er tritt an die Seite der Menschen. Er setzt uns instand, mit neuer Lebenskraft, aus unserer Natur heraus, unsere Schritte zu tun.

Das lässt sich auch aus dem adventlichen Bild des Taus heraus lesen, wie er in den Rorate-Messen besungen wird: „Tauet, Himmel, den Gerechten.“ Gewiss, der Vers geht weiter: „Wolken, regnet ihn herab.“ Aber das Besondere am Tau ist, dass man ihn nicht herabregnen sieht, sondern dass er wie von selbst morgens auf dem Gras liegt. Das ist der Weg Gottes mit dem Menschen, dass der Mensch „wie von selbst“ den Pfad eines neuen, heilen Lebens beschreitet. Dahin führt der Advent.


Text: Franz Joseph Baur, Stiftspropst von St. Martin, Landshut und Leiter der Stadtkirche Landshut
Das gesamte Autorenstück lesen Sie in der Münchner Kirchenzeitung, Ausgabe 47 / 2018

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