„Soziale Arbeit ist verantwortungsvolle Arbeit am Menschen, mehr wie jede andere“ Kardinal Marx würdigte Ellen Ammann, Pionierin der katholischen Frauenbewegung, zu ihrem 150. Geburtstag

Portrait Ellen Ammann
Ellen Ammann, geboren 1870 in Stockholm
Sie war eine der ersten weiblichen Abgeordneten des Bayerischen Landtags und 1923 aktiv beteiligt an der Niederschlagung des Hitler-Putsches: Ellen Ammann, die heuer anlässlich ihres 150. Geburtstags in der Erzdiözese auf besondere Weise gewürdigt wird. Zeit ihres Lebens setzte sie sich für die Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen ein – in Kirche, Gesellschaft und Politik. So gründete sie unter anderem eine Fachschule für soziale Berufe, die Vorläuferin der heutigen Katholischen Stiftungshochschule, ebenso wie am Münchner Hauptbahnhof die erste Bahnhofsmission in Deutschland. Auch war sie die Initiatorin der Bayerischen Polizeiseelsorge.

Die Feierlichkeiten zu Ellen Ammanns 150. Geburtstag fanden aufgrund der Corona-Pandemie am Samstag, 2. Juli 2022, statt. An diesem Tag feierte Kardinal Reinhard Marx im Gedenken an die Pionierin der katholischen Frauenbewegung einen Festgottesdienst im Münchner Liebfrauendom.

Unbeschwerte Kindheit und Jugend in Schweden


Ellen Aurora Sundström wird am 1. Juli 1980 in Stockholm geboren. Sie wächst zusammen mit einer jüngeren Schwester in einem wohlsituierten bürgerlichen Elternhaus auf, der Vater ist Ornithologe und Journalist, die Mutter setzt nach dem Tod des Vaters 1889 dessen journalistische Tätigkeit fort. Protestantisch getauft, wird Ellen von ihrer Mutter, die 1881 zum katholischen Glauben konvertiert, katholisch erzogen. Die Tochter erhält die Möglichkeit, eine französische Schule zu besuchen, die von katholischen Ordensschwestern geleitet wird, und tritt im Alter von 14 Jahren ebenfalls zur katholischen Kirche über. Nach dem Abitur beginnt Ellen ein Studium der Heilgymnastik (heute Physiotherapie) in Stockholm, lernt dabei ihren späteren Mann kennen, den Münchner Orthopäden Dr. Ottmar Ammann, den sie 1890 in ihrer Heimatstadt heiratet. Sie bricht, entsprechend den damaligen gesellschaftlichen Konventionen, die Ausbildung ab, zieht mit ihrem Mann nach München und wird Mutter von fünf Söhnen und einer Tochter.

Not und Elend in München am Beginn der Industrialisierung

Hier erlebt sie hautnah die oftmals existentiellen Nöte der Menschen, die seit Beginn der Industrialisierung in der Hoffnung auf ein besseres Leben vom Land in die Haupt- und Residenzstadt strömen. In der Folge steigt die Einwohnerzahl Münchens binnen zweier Jahrzehnte um mehr als auf das Doppelte, von etwa 230.000 im Jahr 1880 auf nahezu 500.000 um 1900. Die sozialen Bedingungen sind vielfach katastrophal. Es fehlen vor allem Wohnungen sowie Schutz, Beratung und Arbeit insbesondere für Mädchen und junge Frauen, die nicht selten vollkommen auf sich allein gestellt sind.

Erste Hilfsangebote: Mädchenschutzverein, Bahnhofsmission, Frauenbund

Symbolbild Bahnhofsmission
Die Münchner Bahnhofsmission geht auf Ellen Ammann zurück
So ruft Ellen Ammann 1895 den „Marianischen Mädchenschutzverein“ ins Leben, den heutigen Verband für „Katholische Sozialarbeit IN VIA“, der sich wie damals jungen Frauen in Not widmet, und zwei Jahre später, im Januar 1897, die erste Bahnhofsmission Deutschlands am Münchner Hauptbahnhof, von Anfang an in katholischer und evangelischer Trägerschaft. Ziel war es, Mädchen und junge Frauen vor Ausbeutung und Menschenhandel zu bewahren. Im April 2022 feierten Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm das 125-Jährige Bestehen mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Abtei St. Bonifaz.

Daneben ist Ellen Ammann an der Gründung des Münchner Zweigvereins des Katholischen Frauenbundes beteiligt und übernimmt 1904 dessen Vorsitz; 1911 gründet sie den bayerischen Landesverband des Katholischen Frauenbundes. Dass diese Zusammenschlüsse von und für Frauen unabdingbar sind, steht für Ammann außer Zweifel, wie sie 1904 betont: Nur wer die Zeichen der Zeit gar nicht versteht, wer die Zusammenhänge der wirtschaftlichen und sozialen Bewegung unserer Zeit gar nicht kennt, kann die Notwendigkeit einer katholischen Frauenorganisation leugnen.“ Bis heute ist dieser Landesbund, der Katholische Deutsche Frauenverbund Landesverband Bayern (KDFB), mit rund 150.000 Mitgliedern die größte Frauenvereinigung des Freistaats. In den Jahren 1892 bis 1903 wird Ellen Ammann selbst Mutter von fünf Söhnen und einer Tochter und arbeitet zudem in der Klinik ihres Ehemanns, ihr obliegt die Leitung der Hauswirtschaft.

Professionalisierung der Sozialarbeit – Ursprünge der Stiftungshochschule

Gleichzeitig erkennt Ellen Ammann die Notwendigkeit einer Professionalisierung der Ausbildung für Sozialarbeiterinnen, und zwar sowohl für hauptberuflich als auch ehrenamtlich tätige Fachkräfte. Ellen Ammann nämlich ist davon überzeugt, wie sie es 1918 formulieren wird: „Soziale Arbeit darf nicht im Dilettantentum stecken bleiben, denn sie ist verantwortungsvolle Arbeit am Menschen, mehr wie jede andere.“ Im Herbst 1909 beginnt sie daher mit dem Aufbau einer „Sozialen und Caritativen Frauenschule“, die 1916 auf zwei Jahre ausgeweitet wird und Vorläuferin der heutigen Katholischen Stiftungshochschule ist.

Landtagsabgeordnete und Initiatorin der Polizeiseelsorge

Symbolbild Polizeiseelsorge
Ellen Ammann initierte auch die Seelsorge in der Polizeiarbeit
Die Ausrufung des Frauenwahlrechts in Bayern im November 1918 schafft auch die Möglichkeit für Frauen, sich zur Wahl zu stellen. Ellen Ammann wird so im Januar 1919 eine von acht Abgeordneten des Bayerischen Landtags. Sie behält das Mandat für die Bayerische Volkspartei bis zu ihrem Tod und engagiert sich vorrangig für die Frauen- und Familienförderung, die öffentliche Fürsorge und die Wohlfahrtspflege sowie für das Gesundheitswesen.
 
In diesem Kontext ist zeitlebens für Ellen Ammann ein wichtiges Anliegen, für Frauen neben dem traditionellen Weg als Ehefrau und Mutter oder Klosterschwester eine weitere Option zu eröffnen, ein religiös-zölibatäres Leben im Dienst christlicher Wohltätigkeit zusammen mit gleichgesinnten Gefährtinnen zu führen. Diese Lebensform wird mit der von Ammann 1919 gegründeten „Vereinigung katholischer Diakoninnen“ (heute „Säkularinstitut Ancillae Sanctae Ecclesiae“) möglich gemacht. Der damalige Erzbischof von München und Freising, Kardinal Michael von Faulhaber, steht dieser Idee von Beginn an sehr aufgeschlossen gegenüber und ist in den Anfangsjahren der spirituelle Begleiter dieser stets kleinen Gemeinschaft.
 
Früh ist sich Ellen Ammann der Gefahren der nationalsozialistischen Bewegung bewusst, versucht vergeblich, zusammen mit anderen Frauenrechtlerinnen wie Anita Augspurg, Adolf Hitler aus Bayern ausweisen zu lassen. Dabei erkennt sie, wie wichtig unter den gegebenen politischen Verhältnissen eine fundierte religiös-moralische Orientierung für die Einsatzkräfte der Polizei wäre und wird auf diese Weise 1920 zur Initiatorin der Bayerischen Polizeiseelsorge.

Hitler-Putsch – NS-Zeit – Tod und Beisetzung auf dem Alten Südlichen Friedhof

Hervorragend vernetzt in Münchens Gesellschaft und Politik, erfährt Ellen Amman vorab vom Hitler-Putschversuch am 9. November 1923 und trägt aktiv zu dessen Niederschlagung bei. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 erlebt Ellen Ammann nicht mehr, sie bricht nach einer Rede im Bayerischen Landtag zusammen und verstirbt tags darauf am 23. November 1932 an den Folgen eines Schlaganfalls. Ihre Grabstätte befindet sich bis heute auf dem Alten Südlichen Friedhof in München.
Illustration Ellen Ammann
Eine moderne Frau, deren Wirken auch nach 150 Jahren weiterhin Früchte trägt: Ellen Ammann

Würdigung und Wertschätzung Ellen Ammanns bis in die Gegenwart

Kardinal Michael von Faulhaber verfasst ein eigenhändiges Kondolenzschreiben für Hofrat Ottmar Ammann und spricht darin bewundernd von Ellen Ammann als „der vorbildlichen Familienmutter, der unermüdlichen Fürsorgerin in jeglicher Volksnot, der weitschauenden Führerin der katholischen Frauenbewegung, der treuen Diakonin der katholischen Aktion“. Dieses Dokument sowie zahlreiche weitere Akten zu Ellen Ammann verwahrt das Archiv des Erzbistums München und Freising; die Unterlagen sind auch im Rahmen des digitalen Archivs zugänglich.
 
Bereits zu Lebzeiten erfährt das vielfältige und umfangreiche soziale Engagement Ellen Ammanns mit der Verleihung des Päpstlichen Ordens „Pro Ecclesia et Pontifice“ 1914 eine hohe Auszeichnung.
 
Mit dem seit 2013 vergebenen „Ellen-Ammann-Preis“ würdigt der Landesverband Bayern des Katholischen Deutschen Frauenbundes die außerordentlichen Verdienste der frühen Sozialpolitikerin. Die Geschäftsstelle des Landesverbandes befindet sich wiederum in der Münchner Maxvorstadt im Ellen-Ammann-Haus, in dem seit dem Frühjahr 2022 eine Dauerausstellung zum Leben und Wirken der Namensgeberin zu sehen ist.
 
Schließlich konnte im November 2021 das neue Ellen-Ammann-Seminarhaus der Katholischen Stiftungshochschule an ihrem Campus auf dem Areal des Kirchlichen Zentrums in Haidhausen eingeweiht werden. Zuvor schon wurde das Caritas-Kinderhaus „Ellen Ammann“ in München-Hadern seiner Bestimmung übergeben. Hier, in der Blumenau im Münchner Bezirk Hadern, hält zudem bereits seit 1957 der „Ellen-Ammann-Weg“ das Andenken an die frühe Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin bis heute in der Stadt gegenwärtig.

Text: Dr. Christiane Schwarz, Juli 2022