"Viele Männer wollen sich nicht als Opfer sehen" Männerseelsorge informiert über häusliche Gewalt gegen Männer

 
Gesellschaftliche Veränderungen setzen vielen Männern zu. Sie wirken oft verunsichert und überfordert. Die Männerseelsorge der Erzdiözese München und Freising hat deshalb die Vortragsreihe „Männer in besonderen Beruf(ung)en“ gestartet. Es geht unter anderem um die Frage: Was können Männer tun, wenn sie Opfer von Gewalt, insbesondere von häuslicher Gewalt werden?
 
Mann schaut aus Fenster
Männerseelsorge: Den männliche Blick weiten
 
Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, erleben oft, dass ihnen das von anderen nicht zugestanden wird. „Sie leiden doppelt“, sagt Andreas Schmiedel. Er ist der Leiter des Münchener Informationszentrums für Männer (MIM) und wird auf Einladung der Männerseelsorge der Erzdiözese bei dem Vortrag über Gewalterfahrungen aus seiner beruflichen Praxis berichten.

„Männer gehen anders miteinander um, äußern ihre Bedürfnisse und Gefühle anders“, so der Sozialpädagoge. Der Umgang untereinander sei rauer. Dazu komme, dass sie sich selbst nur ein enges Gefühlsspektrum zugestehen. „Das sind oft Extremgefühle wie die absolute Liebe, absoluter Hass, totale Trauer, dazu vielleicht noch Hunger und Sex. Für Nuancen in den Gefühlen bleibt oft kein Raum.“ Schmiedel möchte darlegen, wie man Fälle von häuslicher Gewalt gegen Männer als Betroffener oder Angehöriger leichter erkennen kann und was man dagegen tut. Er wird auch davon sprechen, wie sich Männer von (Rollen-) Zwängen befreien können.

Bernhard Zottmann, Leiter der Männerseelsorge in der Erzdiözese München und Freising, ist die Beschäftigung mit dem Thema Gewalt gegen Männer wichtig. Er hat erfahren, dass Männer das Thema verdrängen. „Gewalt wird als normaler Bestandteil der männlichen Biografie angesehen“, sagt er. Viele Männer wollen sich nicht als Opfer sehen, weil das ihrem Männlichkeitsideal entgegensteht.

„Jedem vierten der befragten rund 200 Männer widerfuhr einmal oder mehrmals mindestens ein Akt körperlicher Gewalt durch die aktuelle oder letzte Partnerin“, zitiert er aus der Studie des Bundesfamilienministeriums „Gewalt gegen Männer“ aus dem Jahr 2005. „Kein einziger der Männer, die angeben, häusliche Gewalt durch die Partnerin erfahren zu haben, hat die Polizei gerufen.“ Zottmann erklärt das so: „Die Männer haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Nicht selten drohen ihnen nämlich die Partnerinnen, sie bei der Polizei selbst der Gewalt zu bezichtigen.“
Bernhard Zottmann
Bernhard Zottmann
Mit ihrem Programm versucht die Männerseelsorge, den „männlichen Blick“ zu weiten. Dazu gehören so unterschiedliche Angebote wie zum Beispiel Meditationskurse, gemeinsame Vater-Kind-Tage mit Zelten, Lagerfeuer und Floßbauen, Kletter-Workshops, Kochkurse und Vorträge zu Erziehungsfragen. Zusammen mit dem Haus der Familie bietet die Männerseelsorge auch Geburtsvorbereitungskurse an, bei denen die angehenden Väter für rund zwei Stunden aus der Gruppe gehen und über speziell männliche Fragen sprechen können – wie ihre Rolle während der Geburt oder die ersten Tage danach.

„Auf dieses Angebot haben wir viele positive Rückmeldungen erhalten“, freut sich der Leiter der Einrichtung. Das gelte auch für den Kurs zum Thema Männersexualität. Hierbei beantwortet ein externer systemischer Sexualtherapeut anonym eingereichte Fragen.

Die Männerseelsorge erreiche, so Zottmann, vor allem Männer in der Krise, wenn sie einen Burnout hinter sich haben, ihren Job verloren oder sich von ihrer Frau getrennt haben. Auch Männer, die schon länger auf der Suche nach dem inneren Gleichgewicht seien und spürten, dass sie in ihrem Leben etwas ändern sollten, würden die unterschiedlichen Angebote der Männerseelsorge gerne annehmen. Zottmann sieht ein Problem darin, dass viele Männer keinen Bezug mehr zu ihrer Pfarrgemeinde und damit dem Beratungsangebot vor Ort haben. „Das macht die Männerseelsorge als Einrichtung für die gesamte Erzdiözese München und Freising so wichtig“, so Zottmann. In Zukunft, so plant er, sollen verstärkt Männer aus anderen Ländern angesprochen werden, die schon länger in Deutschland leben und sich bislang nur in ihrem muttersprachlichen Umfeld und ihrem Kulturkreis bewegt haben. Und er stellt klar: „Auch Konfessionslose sind immer herzlich willkommen.“

Text: Christian Horwedel, freier Autor, November 2021

 
Männerseelsorge
Schrammerstr. 3
80333 München
Telefon: 089 2137-1597
maennerseelsorge(at)eomuc.de
http://www.erzbistum-muenchen.de/maennerseelsorge
Fachbereichsleitung:
Bernhard Zottmann,
M.A. Theol. Bildung u. Dipl. Rel.päd. (FH),
Gemeindereferent

Wolfgang Tutsch
Master Mental Health,
Dipl.-Sozialpädagoge,
Referent des Fachbereichs
wtutsch(at)eomuc.de

Aida Sporrer
Sekretärin
asporrer(at)eomuc.de

„Gewalt gegen Männer – Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland – Ergebnisse der Pilotstudie“ im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/studie-gewalt-gegen-maenner-84660

Interview mit Andreas Schmiedel

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