Reise durch die Bibel - Etappe 2
„Wie der Vater! Wie die Mutter!“ - die Herkunft geht immer mit. Die Stammväter und -mütter im Buch Genesis

Helmut Heiss

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Die Ur-Geschichte wird zur Familien-Geschichte: Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob und Rachel wandern auf langen Wegen und Umwegen durchs Land. Gott mit seinem Segen ist ihnen ein treuer Begleiter, auch dann, wenn sie es eigentlich nicht „verdienen“. In ihren Lebensgeschichten spiegelt sich häufig auch unsere Lebens- und Glaubenserfahrung.

1. Einstieg
 
Jakob und Rachel, Gemälde von Jacopo Palma (16. Jh.)
Jacopo Palma, Jakob und Rachel (16. Jh.)
Ziemlich unvermittelt setzt nach der sog. „Urgeschichte“ (Gen 1-11) die „Familiengeschichte“ Israels mit den Stammvätern und -müttern an: Abraham und Sara (12-25), Isaak und Rebekka (24-28), Jakob und Lea und Rachel (27-37 bzw. 49), Josef (37-50).

Gen 3-11 erzählt vom Niedergang der Schöpfung; am Ende (11,9) wird – wie zu Beginn – ein Chaos sichtbar, das schon als Ausgangspunkt der Schöpfung gegeben war.

Mit Abraham beginnt eine „neue Schöpfung“, eine neue „Stunde null“. In ihm wird das Modell sichtbar, das künftig gelten soll: Nur der Glaubende, der sich alles von Gott erhofft, erweist sich der Verheißungen Gottes als würdig. Mit ihm gelingt der „Rückweg“ – von Eden über Babel ins Land Kanaan (wo „Milch und Honig fließen“). Abraham und Sara sind Realsymbole für das Handeln Gottes: Unfruchtbare werden fruchtbar; Totgeglaubtes beginnt neu zu leben; Zweifler werden beschenkt … Gott setzt ein Hoffnungszeichen (gewissermaßen „gegen die Natur“).

Die Erzählungen der Erzeltern(1) entwerfen die Geschichte Israels in der Form von Familien-geschichten. Dabei gilt es, zwei Ebenen zu unterscheiden:(2)
a)    die Zeit, in der die Texte verfasst wurden;
b)    die Zeit, in der sie handeln; historisch ist das jedoch kaum greifbar.
Die Familiengeschichten spiegeln darüber hinaus die Beziehungen („Verwandtschaftsgrade“) zu den umliegenden Völkern.(3)

Aufgeschrieben in ihrer heutigen Form wurden die Texte vermutlich nach dem Untergang Jerusalems und des Staates Juda im sog. Babylonischen Exil(4) und während der Perserherrschaft (539-333 v. Chr.); sie verkörpern also die Hoffnung auf Gott und auf eine Zukunft als Volk, obwohl damals alles dagegen sprach.

In der Geschichte Saras, die lange Zeit kinderlos blieb, lebt die Erfahrung, dass das Vertrauen auf Gottes Verheißungen auch Durststrecken überdauern muss. Und wie in allen Familiengeschichten werden Rivalitäten, Probleme, Regeln, Enttäuschungen und Hoffnungen sichtbar; es sind keine „heiligen Familien“, aber Verbände, die Überleben sichern können, weil auf ihnen der Segen Gottes ruht!

Es geht um Fragen wie:
  • Welche Beziehungen („Verwandtschaft“) bestehen zwischen uns und anderen Völkern?
  • Wie wirkt sich Gottes Segen ganz konkret aus?
  • Welche Zukunft haben wir im Spiel der (Über)Mächte und der Gewalt ringsum?
  • Welche Haltung ist richtig im Bewältigen der immensen Herausforderungen, die vor uns liegen?
Die Geschichte der Stammväter und -mütter wird in sieben prägnanten Episoden dargestellt; doch es lohnt sich, Gen 12-50 ganz zu lesen. Die Josefsgeschichte (Gen 37-50) kann hier leider nicht vertieft werden.(5)


3. Wissen und Verstehen

3.1. Ein Segen, der sich dreifach auswirken soll

Text
Genesis 12,1-9: Einheitsübersetzung 2016 | Lutherbibel 2017
In drei kurzen Versen (12,1-3) erhält Abram(6) aus dem Mund Gottes ein Versprechen: fruchtbares Land – großes Volk – Segen für alle. Mit Abraham beginnt Gott sein Projekt „auserwähltes Volk“; die zerbrochenen Stücke der Menschheitsgeschichte werden neu auf die „Werkbank“ Gottes gelegt – nun beginnt die Heilsgeschichte. Denn nun handelt Gott selbst, und zwar inmitten der Menschheitsgeschichte, die meist nur von den großen Imperien, von den Königen und Helden geprägt wird. Abraham und Israel werden zu Gottes „Gegen-Entwurf“.
 
Land
Nicht irgendwo sollen Abraham, Sara und ihre Nachkommen leben; das Land Kanaan soll es sein. Damit wird die Vertreibung aus Eden gewissermaßen relativiert. Bis heute stützen sich Juden auf diese Verheißung an Abraham (auch wenn darin keine genauen Grenzen genannt werden).
 
Volk
Ein unglaubliches Versprechen für ein kinderloses Ehepaar im hohen Alter! Gen 11,1 klingt erneut an – eine Völkergemeinschaft …; doch diesmal nimmt es Gott selbst in die Hand: Er wird dem Volk Zukunft und einen Namen verleihen. Es wird sich zeigen, dass für Gott nicht die „Blutlinie“ entscheidend ist, sondern das Bemühen aller, als „Kinder Abrahams“ in Frieden miteinander und mit Gott zu leben (z.B. als Juden, Christen und Muslime). Abraham mit seiner Verheißung ist ein Symbol der Einheit trotz aller Verschiedenheit.
 
Segen
„Ein Segen sollst du sein!“ – Darin liegt nicht nur die Gewissheit, dass Abrahams Weg von Gott geführt wird; ein kühner theologischer Gedanke verbirgt sich dahinter: Abraham ist kein Segensvermittler für Israel allein, sondern für alle Menschen! Es ist kein „exklusiver“ Segen („Wir – und die andern nicht!“), sondern ein „inklusiver“ Segen („Wir – damit alle etwas davon haben!“). Einen unbedeutenden Menschen und eines der kleinsten Völker erwählt sich Gott zum Segensvermittler für alle Völker, um so ein Gott aller Völker sein zu können! Welche „Sprengkraft“ steckt in diesem Segen – für das Verhältnis zwischen Juden und Palästinensern, zwischen uns und Migranten, zwischen Republikanern und Demokraten in „God´s own country“ USA und in vielen anderen Bezügen!? Nach dieser „Berufung“ Abrahams widerspricht er mit keinem Wort; er geht einfach los … (12,4) – Abraham ist das Modell; er zeigt, wie es ginge. 45 mal wird im weiteren Verlauf (Gen 12-50) vom „Gehen“ gesprochen; Gottes Segen ereignet sich „unterwegs“.(7)
 
Es sind konkrete Orte, die im Text genannt werden; Gottes Verheißung ist immer auch konkret. Die Erfahrung „hinter Abraham“ könnte man folgendermaßen umschreiben: Mit Gott komme ich ans Ziel, ohne Gott lande ich in einer Sackgasse …(8)

Zum Weiterdenken
  • Was hindert mich manchmal, aufzubrechen und „Neuland zu betreten“?
  • Was löst der Zuspruch „Du sollst ein Segen sein für andere“ in mir aus?

3.2. Gottes Bund mit Abraham
 
Text
Genesis 15,1-21: Einheitsübersetzung 2016 | Lutherbibel 2017
Diese Geschichte wirkt zwar archaisch, reflektiert jedoch Probleme der jüngeren Geschichte Israels, als das Weiterbestehen des Volkes im Exil sowie der Besitz des Landes völlig in Frage gestellt waren. Gen 15 befindet sich ziemlich genau in der Mitte der Abrahamserzählungen und gliedert sich in zwei Abschnitte: In 15,1-6 geht es um die Sohnes-/Nachkommen-Verheißung im Dunkel der Nacht; 15,7-21 beschreibt die Land-Verheißung eindrucksvoll beginnend bei hellem Tageslicht – bis zum Einbruch der Nacht.
 
Die Ermutigungsformel „Fürchte dich nicht!“ weist auf eine spätere Entstehung hin; gerade im Jesaja-Buch taucht sie häufig auf (Jes 41,10.13.14 u.a.). Abraham erfährt Gott als den ganz Anderen und als den ganz Nahen; das lässt Menschen erschaudern und fasziniert zugleich.(9) Gott stellt sich vor als „Schild“, als Beschützer; und er verspricht ihm Lohn. Sehr skeptisch und resigniert reagiert Abraham auf die Verheißung: Was willst du mir schon geben!? Doch hinter solch scheinbarer Respektlosigkeit steckt ein vitaler Glaube; vor Gott dürfen Menschen Zweifel und Fragen haben! Die Kinderlosigkeit ist der quälende Schmerz im Leben von Abraham und Sara; ihr Lebenssinn besteht darin, in den Nachkommen weiterzuleben und damit selber Zukunft zu haben. Abrahams Habe scheint einem Sklaven zuzufallen.
 
Gott weist Abrahams Klage zurück – in einem wunderbaren Bild: Hinaustreten in die Nacht, aufschauen zu den Sternen – „so unzählbar sollen deine Nachkommen sein!“ – wie gesagt: in der Zeit des Exils, als Zweifel und Hoffnungslosigkeit groß waren.(10) Es folgt (wie in Gen 12,1-4) das bedingungslose Ja Abrahams; „glauben“ meint im Hebräischen („Amen“) ein „sich festmachen“(11). Der Text legt es auch der Exilgemeinde in Babylon nahe, Dunkelheiten auszuhalten und die Verheißungen Gottes zu glauben. Und doch gilt: Abraham findet zu solchem Glauben erst, nachdem er seine quälenden Zweifel in Ehrlichkeit und Freimut vor Gott ausgesprochen hat.
 
Nach der Selbstvorstellung Gottes(12) fordert Abraham ein Zeichen. Auf Gottes Befehl bereitet er ein seltsames Zeremoniell vor; er holt Opfertiere herbei, teilt sie in zwei Hälften und legt diese gegenüber.(13) Gott bindet sich an den Schwur; er verpflichtet sich dauerhaft Abraham und Israel! Das ist eigentlich eine atemberaubende Einsicht – gerade auch in der Exilserfahrung Israels, als nichts dafür sprach! Israel klammert sich mit seinem Glauben daran: Gott hat es mit einem Eid versprochen!
 
Fast nüchtern deutet 15,18 das Geschehen: Gott schließt mit Abraham (und mit Israel!) einen Bund.
 
Israel stellt in diesem Abschnitt bedrängende Fragen an seine Geschichte:
  • Wieso ist zwischen den Verheißungen Gottes und der erlebten Geschichte ein solcher Widerspruch?
  • Wie steht es um Gottes Zuverlässigkeit und Gerechtigkeit?
 
Darauf kann es nur bruchstückhafte Antworten geben. Über allen Rätseln der Geschichte steht Er, dem diese Welt nicht entgleitet – eine Hoffnung, die auch heute guttäte und doch schwerfällt!

Zum Weiterdenken
  • Sehe ich mich auch in einem „Bund mit Gott“? Wann weiß ich ihn hinter mir, wann nicht?

3.3. Wer zuletzt lacht …
 
Text
Genesis 18,1-15: Einheitsübersetzung 2016 | Lutherbibel 2017
Die Welt erscheint oft wie ein Scherbenhaufen enttäuschter Hoffnungen oder entlarvter Verheißungen – die Realität lässt wenig Raum für Visionen oder Ideale! Wenn dann ein Mensch käme und sagte: „Alles wird anders! Alles wird gut – und zwar schon bald!“, dann würde uns das vielleicht ein müdes Lächeln entlocken oder ein zynisches Grinsen oder gar ein Auslachen … Jedenfalls würden wir damit Ablehnung und Unglaube ausdrücken.
 
In dieser Erzählung nehmen Abraham und Sara drei fremde Männer in überschwänglicher Gastfreundschaft auf, d.h. Sara ist auf ihre damals übliche Frauenposition im Zelt verwiesen. Abraham bewirtet die Fremden, Sara beteiligt sich durch Backen. Doch nach dem Essen verhalten sich die Männer unüblich: Sie fragen nach Sara! Und sie hört durch die Zeltwände eine lächerliche Behauptung: In einem Jahr soll sie einen Sohn haben!
 
Die Strapazen des Aussiedelns aus Haran, die Trennung vom Familienverband, ein oft trostloses Wanderleben, sogar eine Hungersnot, und die bisher „leeren“ Verheißungen (Land, Nachkommen, Segen) – dazu noch das fortgeschrittene Alter von Abraham und Sara … Nein! Eine solche Ankündigung wirkt lächerlich! Doch die Geschichte geht weiter und gipfelt im direkten Gespräch der Fremden mit Sara und der entscheidenden Frage: Ist beim Herrn etwas unmöglich?
 
Die Ankündigung eines Sohnes wird wie in einer typischen Verkündigungserzählung geschildert;(14) immer wird darin die Frau direkt angesprochen. Hier geht es eigentlich um die Verknüpfung zweier ursprünglich selbständiger Erzählungen: die Verkündigung von Isaaks Geburt sowie der Besuch dreier Gottesboten.
 
Wir „nordische Kaltblüter“ stehen verblüfft vor solch offenherziger und freigebiger Gastfreundschaft, wie sie Abraham praktiziert – verblüfft und vielleicht auch beschämt.(15) Diese Gastfreundschaft klingt in der Bibel mehrfach nach, z.B. bei Mt 25,35.40; besonders eindrucksvoll erscheint sie in Hebr 13,2: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!“ Die eindrucksvolle Szene mit den geheimnisvollen Gottesgestalten (mal als drei Männer, mal als Jahwe bezeichnet) wirkt faszinierend: fremde Wanderer, die ihre staubigen Füße waschen, beim Essen kräftig zugreifen und doch diese Welt ins Göttliche öffnen. Indem sie für die Erfüllung ihrer Verheißung sorgen, krönen sie damit die Gastfreundschaft Abrahams und Saras.
 
In Gen 21,1-8 wird dieser Faden wieder aufgenommen: Sara wurde schwanger, gebar einen Sohn, den sie Isaak nannten; „Isaak“ lässt sich aus dem Hebräischen so übersetzen: „Er (Gott) hat gelacht!“ Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Freilich ist dies nun ein anderes Lachen – frei, fröhlich, strahlend. „Gott ließ mich lachen; jeder der davon hört, wird mir zulachen.“ (21,6)

Zum Weiterdenken
  • Und wir/ich? Lassen wir uns von dieser Hoffnung und Freude anstecken?
  • Beispiele von Verheißungen und Visionen für die Not unserer Zeit gibt es gottseidank auch. Lächeln wir ungläubig, bitter oder abweisend, wenn „Fridays for Future“ Wege aus der Klimakatastrophe fordert, wenn Papst Franziskus eine neue menschliche Solidarität einklagt, wenn kleine Initiativen in unseren Gemeinden „zur Rettung der Welt“ entstehen?
  • Ist Gott auch für mich und uns einer, „bei dem nichts unmöglich ist“?

3.4. „Tu ihm nichts zuleide!“ Die Bindung Isaaks
 
Text
22,1-19: Einheitsübersetzung 2016 | Lutherbibel 2017
Opferung Isaaks - Gemälde von Domenichino (17. Jh.)
Domenichino, Opferung Isaaks (17. Jh.)
Kaum eine biblische Geschichte stößt bei heutigen Leserinnen und Lesern auf so viel Ablehnung und Empörung wie Gen 22; gerade heute, in Zeiten des Missbrauchs, erntet die „Bindung Isaaks“(16) oft blankes Entsetzen oder zumindest Kopfschütteln, wenn Menschen/Kinder („im Namen der Kirche“?) zum „Opfer“ gemacht wurden. Wagen wir es dennoch, der Aussageabsicht der Verfasser auf die Spur zu kommen!?
 
Der entscheidende Vers 22,12 („…tu ihm nichts zuleide!“) ist auch der Schlüssel zum Verständnis: Gott will keine Menschenopfer! – Aber steht da nicht in Vers 2 das Gegenteil („… bring ihn als Brandopfer dar“)? Ist Gott also widersprüchlich, willkürlich, unberechenbar?
 
Wie „ist“ Gott? Darüber sagt die Bibel (strenggenommen) nichts aus; sie kann nur etwas darüber sagen, welche Erfahrungen Menschen mit Gott gemacht haben. Wie Gott „gehandelt“ hat, offenbart sich oft erst am Ende. Auch bei dieser Geschichte kann Abraham erst am Ende sagen: Puh! Das ist noch einmal gutgegangen! Das war eine echte Bewährung! – Nur der Betroffene selbst kann diese Geschichte nachträglich als „Bewährungsprobe deuten“.(17)
 
Aber hat Abraham nicht Gott selbst gehört? Vielleicht beneiden manche Abraham darum, dass Gott mehrfach „einfach so“ mit ihm sprach. Das dürfte jedoch eine naive Vorstellung sein. Was wir (inkl. Abraham) manchmal für die „Stimme Gottes“ halten, entpuppt sich bisweilen als ganz andere „Einflüsterungen“. Erst viel später zeigt sich, ob Gott am Werk war … War es mit dem „Befehl Gottes“, Isaak zu opfern, vielleicht ähnlich zweideutig?
 
Historisch ist festzuhalten, dass es in und um Israel Menschenopfer gab; in extremen Krisensituationen versuchte man, die Gottheit milde zu stimmen, indem man ihr das Kostbarste opferte – das eigene Kind. Doch in der Bibel werden Kindesopfer strengstens verurteilt – z.B. in Dtn 12,29-31! Wenn Propheten wie Jeremia dagegen zu Felde ziehen (Jer 7,31;19,5;32,35), dann bedeutet dies, dass es auch in Israel Menschenopfer gegeben hat, dass also der „Wille Gottes“ nicht für alle eindeutig war …
 
Hat vielleicht auch Abraham etwas für die „Stimme Gottes“ gehalten, was ganz woanders herkam? Erst im Nachhinein, im Nachdenken darüber, welchen Sinn diese Episode in seinem Leben gehabt haben soll, kommt er zu der Überzeugung, dass Gott ihn in diese Krise geführt und hindurchgeführt hat, um endgültig klarzumachen: Er will keine Menschenopfer!
 
Wie Abraham dazu gekommen ist, die „Opferung Isaaks“ als „Willen Gottes“ zu sehen, wissen wir nicht. Abraham macht das anscheinend ganz mit sich allein aus: Kein Wort zu Sara, kein Wort zu Isaak oder den Knechten – die Spannung auf diesem Weg wird beinahe unerträglich! Nichts deutet darauf hin, dass Abraham gezögert hätte. Er hätte es wohl getan – wenn nicht Gott selbst eingegriffen hätte!
 
An dieser Geschichte haben sich schon viele (Miss)Deutungen versucht: Wollte Gott in diese Krise führen? Führt Gott in Versuchung? Ist er ein „Versucher“? – Auch hierzu nimmt die Bibel Stellung: Gott führt niemanden in Versuchung (Jak 1,13f).
 
Gott bietet dem opferwilligen Abraham eine Alternative: Er darf opfern – nicht seinen Sohn, sondern ein Tier. In einer Welt, in der Opfer gang und gäbe sind, darf er seinen Glauben und seine Dankbarkeit in einem Opfer erweisen. Es wird noch lange dauern, bis auch die Tieropfer abgeschafft sind, bis die Menschen erkennen, dass der liebende Gott keine Opfer will, sondern Barmherzigkeit.(18)

Zum Weiterdenken
  • Haben wir diesen Opferwillen tatsächlich überwunden? Können wir uns auf die Zusagen Gottes und auf seine Liebe „vorbehaltlos“ (ohne Opfer und Gegenleistung) einlassen?
  • Bei welchen Anlässen opfere ich?

Exkurs: Abraham – auch für Muslime unverzichtbar

Für Muslime spielt Abraham (bzw. Ibrahim) eine sehr wichtige Rolle. Der Koran greift in zahlreichen Suren den „Abraham-Stoff“ der Bibel auf.(19) Abraham ist ein Vorbild, indem er Gott als den anerkennt, der er ist (allmächtig, herrlich, unverfügbar …); ebenso leuchtet sein radikales (durch Zweifel und Prüfungen bewährtes) durchgetragenes Gottvertrauen.
 
Eine „Kostprobe“ zur Verehrung Abrahams in Sure 16:
120. Abraham war in der Tat ein Vorbild an Tugend, gehorsam gegen Allah, aufrecht und er gehörte nicht zu den Götzendienern –,
121. Dankbar für Seine Wohltaten; Er erwählte ihn und leitete ihn auf den geraden Weg.
122. Und Wir gewährten ihm Gutes in dieser Welt, und im Jenseits wird er sicherlich unter den Rechtschaffenen sein.
123. Und Wir haben dir offenbart: „Folge dem Weg Abrahams, des Aufrechten; er gehörte nicht zu den Götzendienern.“
 
Der Islam ist gewissermaßen die Wiederherstellung der Religion Abrahams. Ismael ist für Muslime der bevorzugte Sohn Abrahams (vgl. Gen 16), nicht Isaak. Muhammeds Stamm, die Quraisch (Hüter des Heiligtums in Mekka), begründet sich von Abraham-Ismael her; dieses Stammesbewusstsein war Muhammed also mitgegeben: Ich bin ein Kind Abrahams!
 
Der Koran greift auf uralte Traditionen zurück, die von einer Verbindung zwischen Abraham, Ismael und der Kaaba berichten – vergleichbar mit dem Berg Morija (= Tempelberg in Jerusalem), dem Ort der Bindung Isaaks, wo nach jüdischer Tradition Abraham gewissermaßen den „Grundstein“ für das Haus Gottes gelegt hat. Das zwischenzeitliche Heidentum an der Kaaba ist die Periode der „Unwissenheit“ zwischen dem Ur-Abraham und den Abraham-Gläubigen zu Muhammeds Zeit.
 
Abrahams Opfer ist das Urbild des rituellen Opfers, der Höhepunkt einer jeden Mekka-Wallfahrt (Hadsch). Große Teile der Hadsch bestehen im Nachvollzug des Lebensweges von Abraham, Hagar und Ismael. Hier findet auch die rituelle Schlachtung von Opfertieren statt, das größte Fest.
 
Muslime sind – nach den Juden und Christen – die dritten „geistigen“ Kinder Abrahams. Zurecht werden diese drei Religionen auch „abrahamische Religionen“ genannt.

3.5. Jakob erschleicht sich Isaaks Segen
 
Text
Genesis 27,1-45: Einheitsübersetzung 2016 | Lutherbibel 2017
Von Isaak werden keine großen Dinge erzählt; dennoch lebt er mit dem Segen, den Gott Abraham und all seinen Nachkommen versprochen hat. Die Jakobserzählung beginnt bei Gen 25,19. Sie beschreibt das Leben Jakobs und seiner Familie, wie es im 2. Jahrtausend v. Chr. vorstellbar ist. Entstanden ist sie jedoch viel später. Sie will nicht als reine Familien-, sondern als Völkergeschichte verstanden werden.
 
Jakob und Esau, Rebekka und Isaak, Lea und Rahel – sie alle sind nicht historisch dingfest zu machen; Israel hat sie zu ihren „Vätern und Müttern“ gemacht. Erzählt wird keine faktische Geschichte, sondern das Bild, das sich Israel von seiner Geschichte macht.(20)
 
Von Anfang an wird deutlich, dass diese Familie keine moralische Vorbildfunktion hat: Jakob als Erbschleicher, ein Bruder trachtet dem anderen nach dem Leben, Rebekka intrigiert und lügt – wie so oft im Alten Testament geht es hier „sehr menschlich“ zu. Nichts wird beschönigt. Und Gott? Wo und wie kommt eigentlich er darin vor?
 
Schon pränatal beginnt die Konkurrenz zwischen den Zwillingsbrüdern Esau und Jakob (Gen 25,22); beide könnten wohl unterschiedlicher nicht sein: der ältere Esau – gutmütig, meist „draußen“ in der freien Natur unterwegs, der Lieblingssohn des Vaters, der jüngere Jakob – eher ein „Stubenhocker“ und Mamas Liebling.
 
Entscheidend für das Erbe wird der Segen des Vaters, der i.d.R. auf den Älteren übergeht.
 
Isaak, der nicht mehr sehen kann, und Esau, der ältere Sohn, werden betrogen. In einer Notlüge Jakobs taucht erstmals „Gott“ auf (Gen 27,20); das wirkt einfach nur frech. Und doch gibt ihm die Geschichte recht: Jakob erhält den Segen des Vaters und damit das Erbe (24-29). Er kann gerade noch rechtzeitig verschwinden, bevor Esau heimkommt. Isaak kann sein „Ver-Sehen“ nicht wieder gut machen; die Katastrophe ist perfekt – Esau hegt Mordgedanken (41). Rebekka muss Jakob in Sicherheit bringen und schickt ihn zur Verwandtschaft außer Landes.
 
Noch einmal gefragt: Wo ist Gott in diesem „Schurkenstück“? So seltsam es klingen mag: in seinem Segen! – Dieser Segen zieht sich durch die ganze Geschichte Israels – ganz gleich, was passiert und wie abgründig manches läuft: Gott steht zu seinem Segen!
 
In den ausweglosen Situationen, die auf Jakob zukommen, auf der Flucht, in den Fällen, in denen er selbst betrogen wird (durch seinen Onkel Laban), im Erfolg, in der Konfrontation mit Esau – immer wird Gott zu ihm stehen. Dieser Segen ermöglicht es Jakob, seine Ängste zu überwinden und seinen Weg Schritt für Schritt zu gehen. Der Segen ist keine „Lebensversicherung“; er ereignet sich unterwegs, im Aufbruch und in Gefahr als Zusage: Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst!
 
Im Glauben daran, dass Gott diese Geschichte mitträgt, dass er gewissermaßen einen Vertrauensvorschuss gewährt, von dem wir alle leben dürfen, dürfen wohl auch wir ihn hinter uns wissen.

Zum Weiterdenken
  • „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ – Welchen Wert hat dieser Spruch für mich?
  • Praktiziere ich das auch – andere Menschen zu segnen?

3.6. Wenn der Himmel die Erde berührt … – Jakobs Traum
 
Text
Genesis 28,10-22: Einheitsübersetzung 2016 | Lutherbibel 2017
Mosaik Jakobs Traum, Baptisterium San Giovanni, Florenz
Jakobs Traum, Baptisterium St. Giovanni
Jakobs Traum ist eine wunderbare Erzählung von der Zuwendung Gottes, die man sich „ausmalen“ kann. Sie verweist auf einen Gott, der den Schuldigen nachgeht und sie nicht aufgibt. Es ist eine Trosterzählung für alle, die Schuld auf sich geladen haben; oder ist es nicht auch eine Provokation für alle Betrogenen und Opfer? Jakobs Traum lässt sich aus zwei Perspektiven lesen …
 
Die Sympathie der Bibel liegt bei Jakob, der fliehen und sich vor Esau in Sicherheit bringen muss. Das jedoch bedeutet für ihn zunächst, ohne Heimat, Familie, Obdach, Sicherheit auszukommen. Er muss im Freien übernachten – wie Esau es oft praktiziert.
 
In der Bibel gelten Träume oft als eine Weise, wie Gott sich mitteilt.(21) Jakob erkennt jedenfalls in seinem Traum eine Offenbarung Gottes. Er sieht eine Treppe, die vom Himmel zur Erde reicht, auf der die Engel Gottes auf- und niedersteigen, und er hört eine Stimme, die er als Stimme Gottes wahrnimmt. Ihm, dem Heimatlosen und Flüchtling, stellt sich Gott als der Gott seiner Väter vor (28,13). Bisher ist Jakob nicht als „gläubig“ oder betend in Erscheinung getreten; doch nun öffnet sich für ihn der Himmel.
 
Der Begriff „Treppe“ ist umstritten; auf Kunstwerken wird häufig eine „Leiter“ dargestellt. Wörtlich übersetzt muss man jedoch mehr an eine „Rampe“ denken – vielleicht ähnlich einem babylonischen Stufenturm (Zikkurat), wie es das Volk Israel im Exil kennengelernt hatte. Jakobs „Rampe“ ist jedenfalls ein Gegenbild zum Turmbau von Babel; dort bauten die Menschen von der Erde in Richtung Himmel – was scheiterte. Jakobs Verbindung zum Himmel dagegen ist keine eigene Leistung; die Initiative geht von Gott aus. Er schenkt dem Flüchtling Zukunft, Land, Nachkommen … und Segen!
 
Als Jakob am Morgen aufwacht, hat er nicht mehr in der Hand als am Abend zuvor; und doch hat sich sein Leben grundlegend verändert (28,16f). Gottes Botschaft an ihn lautet: Ich bin da, wenn du auf der Flucht bist, wenn du getrennt bist von deiner Familie, wenn du Unrecht getan hast und die Folgen deiner Taten zu ertragen hast, wenn du in eine ungewisse Zukunft gehst! Jakob nimmt Gott beim Wort und leistet ein Gelübde (28,20f); eigentlich „typisch“ Jakob: Wenn … – dann …! Doch erstmals spricht er Gott direkt an; Gott ist für ihn zu einem Gegenüber, zu einem Gesprächspartner geworden.
 
Der Ort „Bet-El“ ist für Israel seit Urzeit ein besonderer Ort; der Traum und das Gelübde Jakobs erklären, warum das so ist. Vermutlich symbolisierte ein steinernes Mal die Gegenwart Gottes; Bet-El war ein wichtiges Heiligtum des Nordreiches Israel. Jakob legitimiert mit seinem Traum den Kult in Bet-El.

Zum Weiterdenken
  • Gibt es für mich auch einen Ort, wo ich mich dem Himmel und Gott nahe fühl(t)e?

3.7. Jakob und Esau versöhnen sich
 
Text
Genesis 32,33-33,20: Einheitsübersetzung 2016 | Lutherbibel 2017
Die ganze Jakobserzählung steuert auf das erneute Aufeinandertreffen der beiden Brüder wie auf den Höhepunkt zu. Bruderzwiste gehören vermutlich zu den gnadenlosesten und unversöhnlichsten aller menschlichen Konflikte. Wie wird es hier enden? Jakob ist geläutert und gereift; aber hat sich auch bei Esau etwas geändert?
 
In Gen 27 hatte Esau gedroht, Jakob zu ermorden. Dieses Damoklesschwert schwebte seither über Jakob. Doch Esau hat offensichtlich das Beste aus seinem Leben gemacht; er ist wohlhabend geworden.
 
Die Einigung mit Laban und Engel auf dem Weg (32,2) „beflügeln“ Jakob auf dem Heimweg; er sendet Boten zu Esau und erschrickt über die Nachricht, dass auch Esau auf dem Weg zu ihm ist (32,8). Jakob reagiert „typisch“ strategisch; er teilt alles auf zwei Lager auf, sodass Esau im Ernstfall nur die Hälfte erwischt. Dann wendet er sich an Gott und packt ihn bei seinem Versprechen (32,13).
 
Danach plant er akribisch für alle Eventualitäten: Er schickt riesige Geschenke (Herden) voraus, um Esau milde zu stimmen. Jedesmal sollten die Boten sagen, dass Jakob der Knecht und Esau der Herr sei! Er tritt also seinen Segen an Esau ab.
 
In der Nacht vor dem Zusammentreffen schickt er die Seinen über den Grenzfluss Jabbok ins verheißene Land; er selbst steht im Dunkel am alten Ufer – schutzlos und ausgeliefert an die Zukunft. Er hat alles Mögliche getan, doch Esau und Gott bleiben für ihn unverfügbar.
 
Es entsteht ein Kampf, der Fragen offenlässt und hier nur in Grundzügen „gedeutet“ werden soll: Gott verpasst Jakob in diesem Kampf eine bleibende Blessur; durch den Schlag auf die Hüfte wird er gehbehindert. Ganz ungeschoren für seine Betrügereien kommt er nicht davon. Aber nach dem Kampf und vor dem Zusammentreffen wird Jakob ein anderer. Er erhält einen neuen Namen: Israel = „Gottes-Streiter“. In der Kunstgeschichte wird dieser Kampf oft atemberaubend dargestellt.
 
Ungeachtet aller offenen Fragen zu diesem Kampf beeindruckt die Haltung Jakobs, der vor dem Kampf nicht zurückschreckt, sich sogar behauptet – wenn auch gezeichnet. Gott geht hinein in die Niederungen und Auseinandersetzungen unserer Existenz – ja, womöglich finde ich ihn erst dort!
 
Als der Morgen graut und die Sonne aufgeht, hinkt Jakob mit gesenktem Haupt seinem Bruder Esau entgegen – ohne Angst und strategische Planung; er geht voran – er hat zu sich selbst gefunden. Siebenmal wirft er sich vor Esau nieder (7 = Zahl der Ganzheit); den Segen lässt er Isaak angedeihen.(22)
 
Doch Esau läuft ihm entgegen, umarmt ihn – und beide weinen; die Spannung löst sich auf. Esau will all die Geschenke nicht (33,8); er hat selbst genug. Doch Jakob drängt ihn, und so akzeptiert Esau die Geschenke.
 
Diese sehr orientalisch gefärbte Szene lässt sich so deuten, dass Jakob seinen Reichtum als Sühneopfer darbringt; Esau soll daran teilhaben, weil ihm diese Gnade auch zusteht. Und Esau handelt gleichzeitig in der Rolle Gottes, wenn er es annimmt.
 
In der Mitte des Dialogs (33,9-11) zeigt sich, dass menschliche und göttliche Gnade kaum mehr zu trennen sind. Jakob vergleicht Esaus Angesicht mit dem Angesicht Gottes. Auch Jakobs Kampf mit Gott ist letztlich der Kampf mit seinem Bruder und mit sich selbst. Durch die Anrede „mein Herr“ (33,13.14) erhalten Esaus Worte, sein Verzeihen, seine Tränen und Küsse göttliche Dimension. In ihnen sieht Jakob Gott – und darin spiegelt sich sein Leben.
 
Nach der emotionalen Versöhnung müssen Jakob und Esau nun eine Weise des Miteinanders finden; Esau schlägt vor, Seite an Seite weiterzuziehen; doch Jakob versucht eine Grenzziehung, die dennoch Nähe zulässt.
 
Den Abschluss findet die Versöhnung vermutlich erst bei der Bestattung des gemeinsamen Vaters Isaak (Gen 35,29); die Versöhnung erhält damit einen generationenübergreifenden Charakter.

Zum Weiterdenken
  • Fällt es mir schwer oder leicht, mich zu versöhnen?
  • Welche Erfahrungen habe ich bisher damit gemacht?
  • Habe ich schon einmal mit Gott „gerungen“ – wie Jakob am Jabbok?

Inspirationen für weitere Entdeckungen