Ständig Stress – muss das sein? Wie eine berufstätige Mutter den Spagat zwischen Arbeit und Familie erlebt

Sie arbeitet in Vollzeit, ihr Mann schmeißt den Haushalt mit drei Kindern. Sabine Schulte jongliert täglich viele Dinge gleichzeitig und ist ständig in Sorge, dass eines davon herunterfällt. Ständig zu wenig Zeit, ständig Stress, oft das Gefühl, dem einen oder anderen Bereich nicht gerecht zu werden. Wie die Familie sich dem Wahnsinn stellt und was ihr hilft.
 
Mutter lachend mit zwei Kindern in der Hängematte
Solche Momente sind bei vielen berufstätigen Eltern selten: Eine Mutter ganz entspannt mit zwei Kindern in der Hängematte
 
„Och, Mann, bist du schon wieder nicht da…“, mault meine Älteste. Ein trauriger Blick, dann dreht sie resigniert ab. Und schon ist dieses Gefühl wieder da: „Hätte ich doch mehr Zeit!“ Gerne auch garniert mit einer Portion schlechten Gewissens: „Du vernachlässigst deine Kinder!“

Eigentlich leben wir, von außen betrachtet, mit einem ordentlichen Zeit-Budget. Ich gehe vollzeit arbeiten, mein Mann ist vollzeit Hausmann und Vater. Da müsste doch eigentlich, auch bei drei Kindern, für alle Belange Zeit genug sein, sollte man meinen. Trotzdem leben wir ständig in dem Gefühl: Es ist immer zu wenig Zeit! Damit sind wir keine Ausnahme; die meisten befreundeten Eltern und viele, viele andere würden das unterschreiben. Aber sogar in unserer komfortablen Situation, nur eine Berufstätigkeit mit der Familie vereinbaren zu müssen?

Flexible Arbeitszeiten sind ein Vorteil

Zunächst einmal: Drei Kinder, das kleinste noch zu Hause – da ist einfach viel zu tun. Brot, Getränke und andere Lebensmittel erfordern ständige Einkäufe, das Kochen – wer streikt bei welchem Gemüse? – macht mehr Umstände als im Kochbuch, die Wäschekörbe sind voll, irgendein Kleidungsstück ist immer zu klein oder verschlissen, das Aufräumen nimmt kein Ende. Zweitens: Alle drei Kinder brauchen Zuwendung, offene Ohren, manchmal Trost, Hilfe oder einen Diskussionspartner. Drittens: Wir Eltern wollen wissen, was in der Schule läuft. Also: Hausaufgaben kontrollieren, den Text für die Theater-AG abhören, ans Lernwörter- und Vokabeln-Üben erinnern, zum Elternabend gehen… Dazwischen singt, tanzt, wahlweise heult und beschwert sich die kleinste Schwester. Viertens: Jedes Kind hat mehrere Hobbys und regelmäßige Verabredungen mit Freunden, die elterliche Fahrdienste bedingen. Nur Emilie (2) verschont uns damit – noch.

Meist ist es mein Mann, der sich diesem Wahnsinn stellt. Wenn irgendwie möglich, versuche ich ihm das ein oder andere abzunehmen. Meine Arbeitszeit in der Pfarrseelsorge lässt das glücklicherweise zu; sie verteilt sich auf sechs Tage in der Woche, ohne feste Zeiten, zu denen ich anfangen oder enden müsste. Mal habe ich um 18 Uhr „Feierabend“, allerdings folgt nach dem Abendessen und -ritual mit den Kindern öfter mal ein Abendtermin. Dank dieser flexiblen Zeiten kann ich vieles im Alltag meiner Kinder miterleben, was anderen berufstätigen Eltern verwehrt bleibt: in der Schule beim Fahrradtraining helfen und Aufführungen am Nachmittag besuchen, Kita-Ausflüge begleiten, einen ungeplanten Termin beim Kinderarzt übernehmen…

Schnell rührt sich das schlechte Gewissen

Eigentlich sollte diese Flexibilität doch Druck nehmen? Tut sie aber nur bedingt. Denn die Möglichkeit lässt umgekehrt auch den inneren Druck wachsen: Aus dem „Da könnte ich mithelfen!“ wird im Handumdrehen ein „Wer, wenn nicht ich?“. Das geht auch anderen vollzeit berufstätigen, aber flexiblen Müttern (und Vätern!) so, die beim Laternenbasteln in der Grundschule verstohlen eine wichtige Mitteilung ins Handy tippen oder eindeutig geschäftliche Telefonate führen.

Wie den allermeisten Eltern ist es mir wichtig, möglichst viel von meinen Kindern mitzuerleben; anders könnte ich es mir nicht vorstellen, Mutter zu sein. Umso schneller rührt sich das schlechte Gewissen – bei mir besonders, wenn ich am Wochenende oder über Nacht dienstlich unterwegs bin. Objektiv betrachtet gibt es dafür keinen Grund. Den Kindern geht es bestens, ihr Papa ist da, und die Älteren haben inzwischen selbst so viele Termine, dass wir vor allem die Samstage sowieso selten zusammen verbringen könnten. Aber Gefühle lassen sich nun einmal nicht rational steuern.

Klare Absprachen und Zuständigkeiten


Übrigens meldet sich mein Gewissen auch im Berufsleben. Ich mache meinen „Job“ sehr gerne, er ist für mich ein wichtiger Lebensinhalt. Aber auch bei der Arbeit fehlt mir oft die Zeit, bleiben Aufgaben, Projekte, Ideen für meinen Geschmack zu lange unerledigt. Also begleitet mich auch im Beruf ständig der Stoßseufzer: „Hätte ich doch mehr Zeit!“

Wie oft haben mein Mann und ich versucht, alle Anforderungen von Familie und Beruf in unserem Zeitbudget unterzubringen. Klare Absprachen getroffen – unter Wahrung unserer beider prinzipiellen Zuständigkeit „für alles“ – Pläne, To-do- und Prioritäten-Listen erstellt, Ratgeber für effektives Zeitmanagement gemacht, „Nein“ gesagt, wenn die Kinder mit zusätzlichen zeitraubenden Wünschen kamen. Und im Beruf wäge ich gründlich ab, welches Projekt ich noch annehme und was nicht mehr. Fahrtzeiten in der Bahn und Wartezeiten nutze ich sowieso immer sinnvoll, dank Smartphone ist das ja kein Problem. Hauptsache, nichts vergessen!

Ständig Angst, dass etwas schiefgeht


So leben wir unser Alltag auf einem Basis-Stress-Level und jonglieren ständig viele Dinge gleichzeitig, immer in Sorge, dass eins davon uns abstürzt.

Um einen zentralen Puzzlestein zu diesem Gefühl hätten uns frühere Generationen vermutlich beneidet: das riesige Freizeitangebot, das Kinder und Erwachsene heute nutzen können. Via Mail und Facebook bekomme ich von Bekannten so viele Anregungen, dass ich immer wieder denke: „Da müssten wir auch mal hin!“ Mangels freier Tage wird meist nichts daraus – aber je öfter ich mir selbst und anderen erkläre: „Nein, dann können wir nicht.“, umso mehr verfestigt sich dieses Gefühl „Wir haben keine Zeit.“ Dabei nehmen wir uns, nüchtern betrachtet, für manches sehr wohl Zeit. Oft halte ich auch ganz bewusst Zeiten frei und sage schon vorsorglich, dass wir an diesem oder jenem Tag nicht können, wenn ich sehe, dass die Woche ansonsten bis zum Rand voll ist.

Prioriäten überdenken


In solchen Momenten wird mir bewusst: Längst nicht alle Termine kommen einfach über mich. Wofür ich mir Zeit nehme und wofür nicht, ist meine Entscheidung. Ich habe mich entschieden, drei Kinder zu bekommen und diesen Beruf zu ergreifen. Wenn ich Termine, Aufträge, ehrenamtliches Engagement annehme und dafür Zeit investiere, dann ist das meine Entscheidung. Und wenn ich das Gefühl habe, dass für meinen Mann und mich als Paar, aber auch für mich alleine zu wenig Zeit da ist – das ist momentan oft so –, dann liegt das an unseren Lebensumständen und Prioritäten. Und mich tröstet der Gedanke, dass früher oder später andere Zeiten kommen und damit andere Prioritäten.

Unsere Gesellschaft suggeriert uns oft: Alles ist möglich! Du kannst alles haben, wenn du dich nur gut genug organisierst und gut genug bist. Jeder kann zu jeder Zeit auf gleichbleibend hohem Niveau liebevolle Mutter oder Vater sein, Karriere oder wenigstens einen guten Job machen, eine glückliche Ehe führen, Sport treiben, Freundschaften und Hobbys pflegen. Ich halte das für einen Mythos. Ich gratuliere jedem, der’s schafft, aber ich glaube, irgendetwas muss immer mal hintanstehen. Mein Ziel ist es nur, aufmerksam zu werden, wenn jemand in unserer Familie zu sehr unter der momentanen Situation leidet. Dann müssten wir Prioritäten neu bedenken, Abläufe im Alltag hinterfragen und gemeinsam überlegen: Was würde dir jetzt helfen? Solche Aushandlungsprozesse kosten Zeit und Energie, aber ohne geht es nicht.

Dankbarkeit für das erfüllte Leben

Manchmal habe ich das Gefühl, unsere Ansprüche ans Leben sind heute ganz schön hoch. Für frühere Generationen war es „normal“, dass Mütter keine Zeit für sich hatten und Väter keine Zeit für Haushalt und Kinder. Heute empfinden wir das als Problem – gut so. Aber ich habe mich entschieden, im Moment auf den wöchentlichen Besuch im Sportstudio zu verzichten und dafür Zeit für die Familie zu haben.

Für mich versuche ich jedenfalls, mir nicht noch mehr Druck zu machen und lieber positiv auf das zu schauen, wozu ich alles komme, wie vielschichtig und reich mein Leben ist. Und darauf zu setzen, dass irgendwann auch wieder Zeit ist für anderes.

 
Text: Sabine Schulte lebt mit ihren drei Kindern (2, 7 und 12) und ihrem Mann in Münster und arbeitet als Pastoralreferentin in einer Pfarrei.

 

 

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