Dein Leben, mein Leben: Wenn die Kinder erwachsen werden Gelassen zu bleiben, wenn die Kinder eigene Wege gehen, ist oft gar nicht so einfach

Zum Erwachsen werden gehört es, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, eigene Entscheidungen zu treffen, den eigenen Weg zu finden. Mit einigen Plänen tun die Eltern sich vielleicht schwer. Doch wenn sie und ihr Kind im Gespräch bleiben, kann eine Beziehung auf Augenhöhe gelingen.
 
Junger Mann sitzt lachend zwischen Umzugskartons
Für den Sohn bedeutet der Umzug in die eigene Wohnung einen weiteren Schritt zu mehr Selbstständigkeit. Die Eltern müssen wieder ein Stück loslassen.
Die Spannung war groß, als mein erster Besuch in der ersten eigenen Wohnung meines Sohns anstand. Okay, ich hatte mir fest vorgenommen, nicht überpingelig zu sein. Aber schließlich ist eine Wohnung (auch) ein sichtbarer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Wie würde er sich mir (und anderen) präsentieren, in seiner Einrichtung wie als Gastgeber in der Bewirtung? Welche Spuren seiner Erfahrungen im elterlichen Haushalt würde ich (wieder) erkennen? Auf welche (anderen) Vorlieben und Wertvorstellungen würde seine Wohnung hindeuten? Schon klar, dass er vor meinem Besuch gründlich aufgeräumt hatte und dass seine Wohnung im Alltag vermutlich etwas anders aussieht. Trotzdem kann ich nicht verhehlen: Die Ordnung, eine gewisse Sauberkeit und auch ein erkennbarer Stil im zusammengewürfelten Mobiliar gefielen mir. Kein Anlass jedenfalls zu der Sorge, unser Vorbild und unsere Erziehung könnten bei ihm anders als beabsichtigt gewirkt haben.
 
Das war nicht immer so klar. Im Jugend- und jungen Erwachsenenalter gab es immer wieder Phasen, in denen ich mich die Ansichten und das Verhalten unseres Sohns sehr verunsicherten. Was ist ihm wirklich wichtig? Mit welchen Freunden und Freundinnen trifft er sich? Was passiert in den angesagten Clubs bis in den frühen Morgen? Unser Sohn war eher sprachfaul und erzählte wenig, schon gar nicht über seine Gefühle. Und mir meinerseits war klar, dass mein Erziehungsauftrag in dieser Phase nicht bedeutete, mehr Regeln zu setzen (was eher eine Antihaltung provoziert hätte), sondern im Gespräch zu bleiben. Als Eltern wollten wir unsere Ansichten äußern, die Entscheidungen aber ihm überlassen – inklusive Konsequenzen. Dass die hart werden könnten, war uns sehr bewusst. Könnte er am Ende seinen Schulabschluss vermasseln? Drogen ausprobieren, bis hin zur Abhängigkeit und Straffälligkeit? So schwer es auch fällt: In dieser Phase helfen nur das Vertrauen, dass die Eltern mit der bisherigen Erziehung eine gute Grundlage gelegt haben, und der stetige Kontakt über alle Widrigkeiten hinweg – sei es auch nur ein wachsames Auge, um eingreifen zu können, wenn’s wirklich notwendig wird.
 
Die Aufgabe von Jugendlichen ist es, eine eigene Identität zu formen

Die Lebensaufgabe von Jugendlichen ist es, sich von ihren Eltern abzusetzen, ihr eigenes Leben zu finden, Schwerpunkte zu setzen in ihrer beruflichen und sozialen Entwicklung, kurz: ihre eigene Identität zu formen. Das ist ein Suchprozess, der am einfachsten damit beginnt, sich völlig von den Eltern abzusetzen. Früher genügten dafür lange Haare; bei den heutigen toleranten Eltern müssen sie schon blau sein, oder es müssen Tattoos, Piercings oder sonst etwas her, das möglichst nicht schon von Erwachsenen „besetzt“ ist. Je länger diese Suchbewegungen, dieses Ausprobieren von allem Möglichen und Unmöglichen anhält, desto härter wird die Geduld der Erwachsenen strapaziert; ihr Erziehungsziel, „dass das Kind irgendwann auf eigenen Beinen steht“, rückt ja in immer weitere Ferne. Sehr bald zeigt sich dagegen in vielen Familien, dass die Lebensstile der „Alten“ und der Jungen nicht mehr zusammenpassen. In unserem Fall zeigte sich das vor allem in den Schlaf- und Wachgewohnheiten: Unser nachtaktiver Sohn im Zimmer nebenan störte meinen Nachtschlaf empfindlich. Andere Eltern erzählten uns, dass ihr Familienleben in dieser Phase zu einer bloßen Wohngemeinschaft mutierte, bis auch das nicht mehr funktionierte. Viele ertappen sich dann mit Schrecken dabei, dass sie plötzlich Verständnis für den verhassten Spruch der eigenen Eltern entwickeln: Solange du deine Füße … Die Konsequenz ist der Auszug der Jungen aus dem Elternhaus – sofern der nicht vorher schon durch Ausbildungserfordernisse erzwungen war.
 
Und wenn sich dann zwar ein Ende der Probier-Zeit anbahnt, aber ganz anders, als die Eltern das erwartet und gewünscht haben? Wenn die „Kinder“ die Werte der Eltern, sich beruflich zu etablieren, eine Familie zu gründen … offenkundig nicht teilen? Oder politisch extreme Einstellungen und Verhaltensweisen entwickeln? Klar ist: Irgendwann ist der Erziehungsauftrag beendet. Zeitlich lässt sich das nicht eindeutig bestimmen: mit dem Ende der Schulausbildung? Dem Wahl- oder Volljährigkeitsal[1]ter? Die gesetzliche, finanzielle und seelische „Reife“ und Unabhängigkeit entwickeln sich bei den wenigsten jungen Leuten im Gleichschritt. Aber das Bauchgefühl sagt Eltern früher oder später (auch früher oder später als den Kindern): Es wird Zeit, die Rollen neu zu gestalten und eine Beziehung auf Augenhöhe zu leben.

Beziehung auf Augenhöhe

„Beziehung auf Augenhöhe“ bedeutet aber auch: Regeln für das Zusammenleben ausdiskutieren (und einhalten), sich auseinandersetzen, eigene Werte und Ansichten ein[1]bringen und ins Wort fassen und darauf hoffen, dass die andere Seite mitzieht. Dazu gehört aber auch: abwägen und gewichten, wo etwas gesagt werden muss und wo besser Schweigen angesagt ist. Denn auch die Menge spielt eine Rolle. In erster Linie kommt es darauf an, die Beziehung zu halten. Das grundlegende Verständnis muss bleiben: Du bist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben! Das fällt manchmal schwer, wenn die Jungen sich ganz anders entwickeln. Denn Anderssein löst Fremdheit aus, selbst beim eigenen Kind. Aber diese Fremdheit hilft auch beim Loslassen, zu dem Eltern von Geburt ihrer Kinder an herausgefordert sind. Das wichtigste Ziel von Erziehung ist nun einmal, dass sie fortschreitend selbstständig werden; dazu gehört auch, eine eigenständige Persönlichkeit mit individuellem Charakter zu sein und eben nicht eine bloße Kopie der Eltern.
 
Wie auch immer: Auf jeden Fall bleibt Müttern und Vätern das Interesse, die Hoffnung und die Sorge, ob der eingeschlagene Weg, der womöglich so fremd ist, ihren Nachwuchs glücklich macht. Das kann sehr schmerzlich auszuhalten sein. Andererseits kann der andere Weg der eigenen Kinder sie auch zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit den eigenen Werten herausfordern. Viele Eltern erleben das gerade in der Diskussion um die Fridays for future. Im besten Fall erweist sich das als Bereicherung der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung, so wie bei den Friedensdemos der früheren Generation. Denn natürlich können Eltern auch von ihren Kindern lernen.

Immer miteinander im Gespräch bleiben

Auf die finale Probe gestellt wird die neue Beziehung auf Augenhöhe in vielen Familien noch einmal, wenn der Sohn oder die Tochter den Eltern seine Frau oder ihren Mann (oder auch seinen Mann und ihre Frau) fürs Leben vorstellen. Spannend zu sehen, wen sie sich ausgesucht haben, worauf sie Wert legen (Lebensstil, Aussehen, Beruf, Charakter …). Und mit diesem Partner/dieser Partnerin kommt noch mehr Neues in die Familie – Einstellungen, Gewohnheiten, Prioritätensetzungen, Differenzen, die bereichern oder irritieren können. Wertigkeiten formen sich neu oder werden offenbar. Und wieder gilt: die eigene Meinung einbringen, wo es uns sehr wichtig oder erwünscht ist – aber nicht mit Absolutheitsanspruch einmischen. Das ist oft eine Gratwanderung, aus der nachhaltige Konflikte entstehen können, erfordert also ein feines Gespür. Aber in einer guten Beziehung ist auch das umso leichter lösbar.
 
Für mich und für meinen Sohn hat sich diese Strategie bewährt: die Hauptsache ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und die Beziehung über alle Schwierigkeiten und Verletzungen hinweg nicht abbrechen zu lassen. Die eigene Meinung kann ich sagen, sie wird auch oft geschätzt, aber sie darf das Gespräch nicht dominieren – und wo sie nicht gefragt ist, behalte ich sie lieber für mich. Denn das Leben meines Sohns ist nicht mein eigenes. Ich habe daran nur einen Anteil – und das ist schön.

 
Johanna Rosner-Mezler ist Familienbildungsreferentin in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, verheiratet, und hat zwei erwachsene Kinder.


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