Die letzte Ehre erweisen Eine Obdachlosenbestattung geprägt von Anteilnahme, Trauer und Gemeinschaft

Obdachlose Menschen werden oft anonym bestattet. Denn eine Beerdigung kostet Geld und es braucht ein soziales Umfeld, das sie organisiert. An beidem mangelt es häufig. Aber das muss nicht immer so sein, wie eine Trauerfeier auf dem Münchner Friedhof Perlacher Forst eindrücklich zeigt.
 
Trauerfeier bei der Obdachlosenbeerdigung von Thomas Merz in der Aussegnungshalle des Friedhofs Perlacher Forst in München
Trauerfeier in der Aussegnungshalle des Friedhofs Perlacher Forst
20 Menschen sitzen in der Aussegnungshalle des Friedhofs Perlacher Forst. Vorne am Altar stehen viele weiße Kerzen, ein Mann rechts neben dem Altar spielt Gitarre, und kein Stuhl ist zwischen den anwesenden Personen frei. Sie kennen sich alle oder fühlen sich durch den Anlass ihres Kommens verbunden. Es ist das Urnenbegräbnis von Thomas Merz. Blutsverwandt ist keiner der Anwesenden, deshalb begrüßt Pastoralreferent Martin Holzner die Gemeinde mit „Liebe Freunde, Freundinnen und Mitbewohner von Thomas!“ Vorne steht ein Bild von Thomas Merz in einem weißen Rahmen: Es zeigt ihn Mitte 60 mit Brille auf der Nase, in einem bunten Hemd, zufrieden nach unten blickend.
 
Trauerrede von Pastoralreferent Pastoralreferent Martin Holzner zur Trauerfeier zur Beerdigung des Obdachlosen Thomas Merz
Pastoralreferent Martin Holzner spricht bei der Trauerfeier
Thomas Merz hat die letzten Jahre seines Lebens im Haus an der Knorrstraße in München gelebt, einer sozialen Einrichtung des Katholischen Männerfürsorgevereins München für alleinstehende, psychisch kranke und/oder suchtkranke wohnungslose Männer. Er war wohnungslos und hat in der Knorrstraße ein Zuhause gefunden. Genau deshalb war die Beerdigung, wie sie für Thomas Merz stattfand, nicht selbstverständlich.

„Im Normalfall haben die Angehörigen das Totenfürsorgerecht“, erklärt Christoph Krüger, Mitarbeiter im Haus an der Knorrstraße. Das bedeutet, die Angehörigen entscheiden, wie und wo die Bestattung stattfindet. „Da die Familie von Thomas Merz aber zerstritten ist, wäre das auf eine anonyme Bestattung, ohne jeglichen Namenshinweis hinaus gelaufen“, weiß Krüger. Dabei war Thomas Merz Wunsch doch „eine gscheide Beerdigung, gscheid katholisch“, wie Pastoralreferent Holzner berichtet.
 
Grab des Obdachlosen Thomas Merz auf dem Friedhof Perlacher Forst in München
Das Grab von Thomas Merz
Doris Seitner hat sich gemeinsam mit dem Katholischen Männerfürsorgeverein München für die Beerdigung eingesetzt, mit Anwälten auseinander gesetzt und einen Weg gefunden, die Beerdigung in Merz' Sinne stattfinden zu lassen. Sie hat die Kosten übernommen und gemeinsam mit Mitbewohnern, Mitarbeitern und Bekannten von Merz hat sie die Beerdigung organisiert.

Andächtig ist die Trauerfeier. Pastoralreferent Holzner nimmt Bezug auf das Evangelium Johannes 14,2: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“  Für Merz war es schwer eine Wohnung zu finden, aber viel mehr meine ja das Evangelium damit: Ein Zuhause im Leben bei Gott zu finden. Er erzählt von Merz' Leben, von seinem Wesen, beschreibt ihn als hilfsbereit, mutig, als jemanden, der für sich und andere einsteht und für eine gute Atmosphäre sorgt. Während seiner warmen Worte bricht draußen die Sonne durch die Wolken und lässt auch den Trauersaal ein wenig erstrahlen.
 
Pastoralreferent Martin Holzner spricht am Grab des Obdachlosen Thomas Merz auf dem Friedhof Perlacher Forst in München
Pastoralreferent Martin Holzner spricht vor Freunden und Weggefährten von Thomas Merz
Im Anschluss an die Trauerfeier macht sich der kleine Prozessionszug unter Kirchengeläut und pfeifenden Wind auf den Weg zum Gräberfeld für Obdachlose des Friedhofs Perlacher Forst. Jeder der Anwesenden hält etwas in der Hand: Einen kleinen Blumenstrauß, eine Rose, Bilder. Das Grab ist alles andere als anonym: Bunte Rosenblätter stehen bereit, ein Blumenstock gepflanzt in einer Obstkiste, ein Bild von Thomas Merz und ein schlichtes Holzkreuz.

Nach der Bestattung melden sich noch viele der Anwesenden zu Wort, sie erzählen von ihren Begegnungen mit Thomas Merz („Wir haben immer viel miteinander gelacht“), bedanken sich für seine Art („Er ist meinem Herzen, ich werde ihn nie vergessen“) und sprechen offen über ihre Trauer: „Ich vermisse ihn ehrlich gesagt jeden Tag."

Gemeinsam singt die Trauergemeinde, und jeder verabschiedet sich mit einer Handvoll Rosen und einer Schaufel Erde auf die Urne, während Doris Seitner ein Musikstück von Merz' Lieblingsmusikgruppe, den Embryos, spielt. Sie, die engste Bekannte von Thomas Merz, ist erlöst: „Ich bin glücklich, dass es eine so würdige Bestattung geworden ist.“

Für Pastoralreferent Martin Holzner war das die erste Obdachlosenbestattung: „An dieser Beerdigung ist besonders, dass keine Person aus reinem Pflichtgefühl teilgenommen hat. Jeder war aus aufrichtiger Anerkennung da“, erklärt er. Insgesamt sei eine Obdachlosenbestattung, genau wie alle anderen Beerdigungen auch, immer abhängig von den Angehörigen und dem Umfeld. Je engagierter diejenigen mitorganisieren und erzählen, desto leichter sei es. Für ihn selbst sei es schon eine Herausforderung zu überlegen, "wie ich den schwierigen Lebensweg des Verstorbenen anspreche, was ich erwähne und wie ich damit umgehe. Wichtig ist mir, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, die letzte Ehre erwiesen zu bekommen."
 
Text: Magdalena Rössert, Redakteurin beim Sankt Michaelsbund, November 2023

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