Kardinal Marx mit schwarzem Jackett und Kollar spricht vor mehreren Mikrofonen zu Medienvertretern.
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In einem persönlichen Statement erklärt Kardinal Marx seine Entscheidung.

2021: Kardinal Reinhard Marx bietet Papst Franziskus den Amtsverzicht an

Im Mai 2021 hat Kardinal Reinhard Marx Papst Franziskus seinen Verzicht auf das Amt als Erzbischof angeboten – als Zeichen der Mitverantwortung für die Missbrauchskrise. Der Papst lehnte ab. Marx sieht die Entscheidung des Papstes als Auftrag.

Es sorgt weltweit für Schlagzeilen, als Kardinal Reinhard Marx im Mai 2021 dem Papst seinen Rücktritt als Erzbischof von München und Freising anbietet. In einem persönlichen Brief vom 21. Mai legt er Papst Franziskus seine Gründe für diesen Schritt dar, den er als seine „ganz persönliche Entscheidung“ beschreibt: „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“, erklärt er.

Das Angebot zum Amtsverzicht

2010 war das Ausmaß sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche bekannt geworden. Kardinal Marx ließ daraufhin ein erstes unabhängiges Gutachten zu Fällen in der Erzdiözese München und Freising seit 1945 erstellen. Die Untersuchungen hätten für ihn gezeigt, schreibt er dem Papst, dass es „viel persönliches Versagen und administrative Fehler“ gegeben habe, aber „eben auch institutionelles oder systemisches Versagen“. Dies aber, die Mitschuld der Institution und die Mitverantwortung, würden manche in der Kirche nicht wahrhaben wollen. Sie würden jedem Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend gegenüberstehen – eine Haltung, von der sich Marx klar distanziert. Die katholische Kirche sei an einem gewissen „toten Punkt“ angekommen und brauche einen „Wendepunkt“, der auch auf die systemischen Ursachen von Missbrauch eingehe, wie es etwa der „Synodalen Weg“ vorhabe.

Mit seinem Amtsverzicht wollte Marx ein persönliches Zeichen setzen für die Notwendigkeit neuer Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche, sodass dieser Punkt auch ein Wendepunkt werden könne. Seine persönliche Schuld und Mitverantwortung empfinde er „auch durch Schweigen, Versäumnisse und zu starke Konzentration auf das Ansehen der Institution.“ Der Perspektivenwechsel, Betroffene sexuellen Missbrauchs konsequenter in den Blick zu nehmen, sei noch nicht von allen und immer erzielt.

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„Nach der von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragten MHG-Studie habe ich in München im Dom gesagt, dass wir versagt haben. Aber wer ist dieses ,Wir‘? Dazu gehöre ich doch auch. Und das bedeutet dann, dass ich auch persönliche Konsequenzen daraus ziehen muss. Das wird mir immer klarer.“

Kardinal Reinhard Marx

Die Antwort des Papstes: „Mach weiter“

Papst Franziskus erklärt in einer ersten Reaktion auf den Brief, Kardinal Marx solle sein Amt als Erzbischof von München und Freising bis zur Entscheidung aus dem Vatikan zunächst weiter ausüben. Marx’ Brief wird in dieser Zwischenzeit, am 4. Juni 2021, veröffentlicht. In einer begleitenden persönlichen Erklärung betont Marx, dass ihm der Schritt nicht leichtfalle. Doch wolle er verdeutlichen: „Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene mögliche Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge.“

Dokumente zum Nachlesen

Hier finden Sie den Briefverkehr zwischen Kardinal Marx und Papst Franziskus sowie die Erklärung des Kardinals zum angebotenen Amtsverzicht:

Wie die Entscheidung des Papstes ausfällt, erfahren der Erzbischof von München und Freising und die Öffentlichkeit eine knappe Woche später. Am 10. Juni 2021 lehnt Papst Franziskus in einem in Rom veröffentlichten Brief den Amtsverzicht ab. In einem persönlichen, ausführlichen Schreiben geht er in mehreren Punkten auf das Schreiben von Kardinal Marx ein. Die Kirche habe es, so stimmt er zu, mit einer Katastrophe zu tun. Jeder Bischof müsse sich dieser Krise aussetzen, Verantwortung übernehmen und fragen: Was muss ich tun?

Wörtlich zitiert Papst Franziskus die Passage, mit der Marx sein Schreiben geschlossen hatte: „Ich bin weiterhin gerne Priester und Bischof dieser Kirche und werde mich weiter pastoral engagieren, wo immer Sie es für sinnvoll und gut erachten. Die nächsten Jahre meines Dienstes würde ich gerne verstärkt der Seelsorge widmen und mich einsetzen für eine geistliche Erneuerung der Kirche, wie Sie es ja auch unermüdlich anmahnen“. Franziskus schreibt dazu: „Und genau das ist meine Antwort, lieber Bruder. Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising.“

Kardinal Marx im schwarzen Mantel vor einem goldfarbenen, herzförmigen Mahnmal aus vielen kleinen Kreuzelementen im Dom.
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Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch

Die Missbrauchskrise hat die Kirche in Deutschland erschüttert und für immer verändert. Dies gilt auch für Kardinal Marx persönlich. Er weiß: Das Leid der Betroffenen geschah gerade dort, wo sie Geborgenheit und Heil erfahren sollten – und dauert oft lebenslang an. Wie die Aufarbeitung und der Austausch den Erzbischof und sein Amt prägen.

Auftrag der Erneuerung

Marx versteht das päpstliche Schreiben als Auftrag: angesichts der Geschichte vielfältigen Versagens neue Wege zu gehen. Er wolle „darüber nachdenken, wie wir gemeinsam noch mehr zur Erneuerung der Kirche hier in unserem Erzbistum und insgesamt beitragen können“. Was die von Missbrauch Betroffenen angehe, gelte es, ihre Perspektive noch stärker einzubeziehen. „Ich empfinde diese Entscheidung des Papstes als große Herausforderung. Danach einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen, kann nicht der Weg für mich und auch nicht für das Erzbistum sein.“

Dieser Auftrag kennzeichnet bleibend das Wirken von Kardinal Marx in der Erzdiözese München und Freising. Dabei unterstützen ihn viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich verschiedenen Aufgaben der Aufarbeitung und Prävention engagiert widmen. Und es bleibt gleichermaßen ein Auftrag für das überdiözesane und weltkirchliche Engagement des Kardinals, für Aufarbeitung und Prävention zu sorgen und Betroffenen in das Zentrum kirchlichen Handelns zu stellen.