Engel tummeln sich auf einer künstlerischen Darstellung der Himmelfahrt Christi, während dieser von goldenen Strahlen umkränzt in Gottes Reich heimkehrt.
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Darstellungen der Himmelfahrt wie diese in der Lombardei sind angelehnt an das Lukasevangelium.

Christi Himmelfahrt: Warum die Reaktion der Jünger so bemerkenswert ist

Was ist eigentlich die Botschaft von Christi Himmelfahrt? Die Reaktionen der Jünger auf das Ereignis helfen, sie zu entschlüsseln: Hier wird etwas erzählt, das von großer Bedeutung für unser Leben ist.

Der Mai schenkt uns gleich mehrere Feiertage zum Ausruhen, Innehalten, Genießen und Feiern. Letzteres tun viele auf zünftige Art am „Vatertag“ an Christi Himmelfahrt. Was beide miteinander zu tun haben und warum viel mehr hinter diesem Feiertag steckt, als wir vielleicht auf den ersten Blick erahnen: Korbinian Stegemeyer von der Glaubensorientierung der Erzdiözese München und Freising erklärt im Interview ein großes „Aber“, um das es an Christi Himmelfahrt geht.

Wir feiern Christi Himmelfahrt. Im Gegensatz zu Fronleichnam oder Pfingsten können wir uns allein vom Namen her schon ganz gut vorstellen, worum es geht – oder?

Korbinian Stegemeyer: Der Begriff „Himmelfahrt“ könnte insofern auf eine falsche Fährte führen, weil wir ihn leicht mit so etwas wie „Raumfahrt“ verbinden und dann entsprechende Bilder im Kopf haben. Die ikonographische Tradition unterstützt das: In der Malerei fährt Jesus gewissermaßen gerade nach oben in einen räumlich vorgestellten Himmel auf.

Damit greift diese Bildtradition einen biblischen Strang auf – das, was Lukas im Evangelium und in der Apostelgeschichte erzählt: Jesus entfernt sich aus dem Bereich der Sichtbarkeit seiner Jünger, wörtlich:

„Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.“

Apostelgeschichte 1,1-11

Wenn wir aber die anderen biblischen Zeugnisse dazunehmen, wird das Bild größer und komplexer. Sie gehen alle davon aus, dass es eine bestimmte Zeit der Erscheinungen nach Ostern gibt – aber sie sind sich ebenso einig, dass diese Erscheinungen nicht die dauerhafte Präsenzform Jesu sind. Diese Zeit endet irgendwann.

Nach 40 Tagen?

Diesen Zeitraum finden wir so ausdrücklich nur bei Lukas. Er erzählt sehr anschaulich und strukturiert: 40 Tage nach der Auferstehung die Himmelfahrt, 50 Tage danach Pfingsten. Unser ganzes Kirchenjahr ist stark von seiner Erzählweise geprägt, weil sie uns hilft, die Ereignisse nachzuvollziehen und in Bildern zu fassen – man denke nur an die Weihnachtskrippe. Zum Nachfeiern und Sich-Vorstellen ist das großartig.

Man muss die Ereignisse aber immer im größeren Zusammenhang sehen. Die Einheit von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten finden wir etwa bei Johannes viel stärker. Aber auch dort gibt es eine Zeit der Erscheinungen, die dann endet und in die Zeit der Jünger und der Kirche übergeht.

Wenn Jesus zum Himmel auffährt und somit fortgeht – müssten die Jünger dann nicht traurig sein?

Genau das ist das Spannende: Was hat es mit der Reaktion der Jünger auf sich? Lukas erzählt es so:

„Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und es geschah, während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben. Sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück.“

Lukas 24,50-53
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Korbinian Stegemeyer, Theologischer Mitarbeiter der Glaubensorientierung in München

Das ist bemerkenswert – sie werfen sich vor jemandem nieder, der gerade ihren Augen entschwunden ist. Das zeigt: Auch bei Lukas wird die Himmelfahrt nicht so erzählt, als würde Jesu Präsenz einfach abbrechen, wie es das Bild von einer „Raumfahrt“ nahelegen könnte.

Er entzieht sich vielmehr in eine Dimension, die den menschlichen Sinnen entzogen ist – aber das bedeutet nicht, dass diese Dimension unserer Existenz weniger real ist. Sie ist dem Menschen als Beziehungswesen immer zugänglich. Deshalb gehen die Jünger mit großer Freude und Dankbarkeit zurück.

Dankbarkeit – obwohl sie Jesus nun nicht mehr als Freund neben und unter sich haben.

Tatsächlich ist das etwas, das man sich eigentlich wünschen würde: Jesus sehen zu können, ihm Fragen zu stellen, ihm von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Himmelfahrt bedeutet zunächst: Das ist nicht mehr der Fall. 

Und doch gibt es da ein großes „Aber“. Und dieses „Aber“ ist es, warum Christi Himmelfahrt doch ein Grund zum Feiern ist.

Jesus kehrt heim zu seinem Vater. Mit der Menschwerdung hatte es der Sohn Gottes ja auf sich genommen, dass sein Leben von all den Gebrochenheiten gekennzeichnet war, die uns so vertraut sind. Dieser Weg muss sich darin vollenden, dass er die Begrenzung von Zeit und Raum hinter sich lässt und wieder in die Unmittelbarkeit zu Gott geht. Das ist mit „Himmel“ oder „Paradies“ gemeint: nicht ein Ort, auf den wir zeigen können, sondern eine Beziehung, in der ich ganz zu Hause bin, weil ich ganz erkannt und ganz geliebt bin.

Was, wenn Christus nicht in den Himmelaufgefahren wäre?

Darum sagt Jesus im Johannesevangelium zu seinen Jüngern: „Die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich.“ Seine Nähe geht also nicht verloren – sie verändert sich. Die Freundschaft mit ihm endet nicht, sondern wird tiefer. Jesus entzieht sich dem sichtbaren Gegenüber, aber gerade dadurch wird er allen Menschen nahe.

Wenn die Botschaft von Weihnachten ist „Gott wird Mensch, das Licht kommt in die Welt“, Ostern uns von Auferstehung und Hoffnung erzählt, dass das Gute siegt und der Tod nicht das Ende ist – ist das dann die Botschaft von Christi Himmelfahrt? Dass Jesus für mich und alle Menschen immer da ist?

Genau dafür eröffnet die Himmelfahrt den Raum: Jede und jeder kann sich immer und überall zu ihm in Beziehung setzen, eine Freundschaft zu ihm eingehen und daraus leben. Und diese Beziehungsfähigkeit ist das Entscheidende auch für unser Leben miteinander. Jesus ist dort zu finden, wo das Herz unseres Lebens schlägt: in unseren Beziehungen.

Was bedeutet das für unser Leben ganz konkret?

Machen wir einmal ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn Jesus einfach als Auferstandener in Galiläa geblieben wäre? Ich bin mir sicher, er wäre über die Jahre und Jahrhunderte zu einer bloßen Kuriosität verkommen. Er hätte vielleicht als eine Art Guru oder als Pilgerziel eine gewisse Bedeutung behalten.

Doch er tritt in die Unmittelbarkeit zu Gott, die uns sonst nicht zugänglich ist. So führt uns die Freundschaft zu ihm in den tiefen, wesentlichen Bereich unserer Wirklichkeit – zu unserer Verbindung zu Gott. Mit ihm erfahren wir uns als Kinder Gottes und leben immer mehr als solche. Dieses In-Beziehung-Stehen ist eben mehr als ein Privatvergnügen neben all dem, was wir im Leben leisten und schaffen müssen. Es ist der Bereich, um den es im Leben eigentlich geht, das, was uns trägt.

So bringt auch Jesus unsere Existenz in Bewegung und gibt ihr eine Richtung: Die Freundschaft zu ihm führt uns in den tiefen, wesentlichen Bereich unserer Wirklichkeit – zu unserer Verbindung zu Gott. Mit ihm erfahren wir uns als Kinder Gottes und leben immer mehr als solche. Und unser Lebensweg erhält zu Ziel, einmal seine Unmittelbarkeit zu Gott zu teilen und so nach Hause zu kommen. Das bleibt uns nicht äußerlich wie ein kurioser Guru, das verwandelt unser Leben.

Christi Himmelfahrt sagt also etwas über den Sinn des Lebens aus?

Auf jeden Fall! Ich muss mir nicht durch Leistung ein Existenzrecht erarbeiten. Es ist schon einer da, dem ich mich anvertrauen kann, der mich einfügt in ein großes Netz und mit dem ich mich auf den Weg machen darf.

Zum Schluss noch ein Blick auf den Vatertag, der ja auf Christi Himmelfahrt fällt. Hat das etwas miteinander zu tun?

Das Brauchtum des Vatertags ist tatsächlich älter als die Bezeichnung selbst. Ursprünglich gab es an diesem Tag sogenannte Flurumgänge – also Prozessionen durch die Felder, die auch einen religiösen Charakter hatten. Die Felder wurden gesegnet, man war gemeinsam unterwegs – und es wurde auch gefeiert. Diese Tradition hat durchaus einen biblischen Bezug: Lukas erzählt ja, dass Jesus sich mit den Jüngern vor der Himmelfahrt auf den Weg zum Ölberg macht – sie also gemeinsam unterwegs sind.

Warum also nicht den Vatertag wieder stärker von dieser Seite her verstehen? Das passt eigentlich sehr gut zu dem, worum es an Christi Himmelfahrt geht: um Gemeinschaft, um Unterwegssein, um Beziehungen.

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Zur Person: Korbinian Stegemeyer

Korbinian Stegemeyer wurde 1994 in München geboren. Er studierte Theologie und Philosophie an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten, mit einem einjährigen Vertiefungsstudium zum Neuen Testament in Jerusalem. Seit 2023 ist er Theologischer Mitarbeiter in der Glaubensorientierung der Erzdiözese München und Freising und bereitet unter anderem Menschen auf die Taufe vor.

089 2137-77478