Eine Frau von schräg hinten, den Telefonhörer am Ohr. Vor ihr auf dem Schreibtisch liegen Block und Stift.
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Rund 35.000 Anrufe gehen pro Jahr bei der TelefonSeelsorge ein.

TelefonSeelsorge: Ein Thema kommt besonders häufig zur Sprache

Jeder Anruf, jedes Anliegen, jeder Mensch zählt. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr erreichbar – vertraulich und kostenlos. Ein Gespräch darüber, wer anruft und was in diesen Zeiten die häufigsten Sorgen und Nöte der Menschen sind.

„Jeder braucht mal Hilfe“: Unter diesem Motto sind rund um die Uhr Haupt- und Ehrenamtliche bei der TelefonSeelsorge des Erzbistums München und Freising im Einsatz. Rund 35.000 Anrufe pro Jahr gehen hier ein. Das kirchliche Angebot ist für alle Menschen da. Wer nicht telefonieren möchte, bekommt auch per Mail oder im Chat Unterstützung.

So erreichen Sie die TelefonSeelsorge

Die TelefonSeelsorge ist bundesweit rund um die Uhr unter folgenden Telefonnummern erreichbar: 0800 111 0 222 (katholisch) oder 0800 111 0 111 (evangelisch). Die Beratung ist anonym und kostenfrei. Nachts ist die TelefonSeelsorge in erster Linie für Menschen in akuten Notlagen da.

Sie erreichen die TelefonSeelsorge auch online: per Chat und Mail unter online.telefonseelsorge.de.

Tobias Lehner ist seit über zehn Jahren bei der TelefonSeelsorge im Einsatz und erzählt von vielen Gesprächen, die so unterschiedlich sind wie die anrufenden Menschen und ihre Lebenssituationen.

Welche Sätze hören Sie bei der TelefonSeelsorge besonders häufig?

Tobias Lehner: Das variiert sehr. Oft hören wir am Anfang den Satz: „Schön, dass ich durchgekommen bin.“ Oder, wenn jemand zum ersten Mal bei der TelefonSeelsorge anruft: „Ist das hier wirklich alles anonym?“ Die Antwort lautet dann: „Ja, natürlich. Darauf können Sie sich verlassen.“

Bei denen, die sich regelmäßiger melden, geht es oft direkt hinein in die Themen und Probleme. Bedrückend oft hören wir auch den Satz: „Ich habe heute oder schon tagelang mit niemandem gesprochen.“ Einsamkeit ist unser Topthema Nummer eins. 

Die TelefonSeelsorge ist auch online erreichbar

Wer ruft bei Ihnen an? Und wie oft kann man anrufen?

Kurz gesagt: Alle! Mit allem! Einmal pro Tag. Wir haben Anrufe aus allen Altersklassen, von etwa 13- bis über 90-Jährigen, mit allen Themen. Wir wollen allen Anrufenden ein Gespräch am Tag ermöglichen. Ausnahmen sind akute Krisen, die einen häufigeren Gesprächsrhythmus erforderlich machen können. Wir sind übrigens nicht nur telefonisch erreichbar, sondern auch per Chat und Mail unter online.telefonseelsorge.de. Vor allem die Digital Natives, die mit Computer und Handy quasi aufgewachsen sind, greifen eher in die Tasten als zum Hörer. 

Wie viele Anrufe erreichen Sie?

Unsere Mitarbeitenden heben im Jahr bis zu 35.000 Mal den Hörer ab – also haben wir an die 100 Kontakte pro Tag und pro Nacht, weil wir rund um die Uhr erreichbar sind. Spitzenzeiten sind der Abend nach 18 Uhr und die Wochenenden. Bei Chat und Mail sind es ca. 4.000 Kontakte im Jahr.

„Oft ist die TelefonSeelsorge auch ein Gradmesser für gesellschaftliche Probleme, ein Spiegel dessen, was die Menschen bewegt. “

Tobias Lehner, langjähriger Mitarbeiter der TelefonSeelsorge

Was sind häufige Anliegen?

Einsamkeit steht seit Jahren an Nummer eins. Dann folgen depressive Verstimmungen, familiäre Beziehungen und Stress. Natürlich spüren wir auch die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen. Das war bei Corona so, der Kriegsangst beim Überfall auf die Ukraine, den steigenden Preisen oder der Sorge, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt. Auch Suizidgedanken oder -absichten spielen direkt oder indirekt regelmäßig eine Rolle, online noch mehr und direkter als am Telefon. In Chat und Mail ist einfach die Hemmschwelle noch niedriger.

Viele Menschen erleben es als entlastend, auch ihre suizidalen Gedanken aussprechen zu können. Das ist gesellschaftlich ein großes Tabu. Gemeinsam überlegen wir dann, was ein nächster hilfreicher Schritt sein kann, um am Leben zu bleiben. Viele Menschen befinden sich in einer Phase des Abwägens. Das ist eine Chance für die Beratung. In akuten Fällen und wenn uns die Ratsuchenden ihre Adresse geben, können wir auch Hilfe organisieren. Hier bleibt die TelefonSeelsorge ihrem Auftrag der Suizidprävention treu. Das gehört zu unserer DNA.

Haben sich die Themen im Laufe der Jahre geändert?

Es gibt jahreszeitliche Themen, etwa rund um Weihnachten oder in den Sommerferien, wenn viele Menschen die Einsamkeit noch deutlicher spüren, weil dann alles geschlossen ist. Oft ist die TelefonSeelsorge auch ein Gradmesser für gesellschaftliche Probleme, ein Spiegel dessen, was die Menschen bewegt.

In vielen Gesprächen klagen Menschen zum Beispiel immer mehr darüber, dass sie Monate auf einen Therapieplatz warten müssen und sich ihre psychische Situation dadurch verschlimmert. Das ist ein Alarmsignal, das leider politisch und gesellschaftlich noch viel zu wenig beachtet wird.

Ein Löwe hält sich die Pfote vors Gesicht, Text Jeder braucht mal Hilfe.
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Ehrenamt bei der TelefonSeelsorge

Sie trösten, ermutigen und begleiten in Krisenzeiten: Ehrenamtliche bei der TelefonSeelsorge werden dafür umfassend ausgebildet und erleben ein unterstützendes Miteinander. Sie haben Interesse? So können Sie Teil des Teams werden.

Ratschläge zu erteilen, ist nicht das Ziel der Gespräche

Leitungsteam der TelefonSeelsorge in der Erzdiözese München und Freising vor einem Kreuz und zwei Roll-ups mit Kontaktinformationen. Von links: Alexander Fischhold, Andrea Fürnrohr, Ulrike Dahme und Raphael Koller.
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Leitungsteam der TelefonSeelsorge in der Erzdiözese München und Freising (v. links): Alexander Fischhold, Einrichtungsleiter und Stellenleiter München, Andrea Fürnrohr, Stellenleiterin Mühldorf am Inn, Ulrike Dahme, stellv. Stellenleiterin München, Raphael Koller, Stellenleiter Bad Reichenhall.

 

Wie viele Ehrenamtliche arbeiten für die TelefonSeelsorge?

Wir haben gut 120 Ehrenamtliche, die in unseren drei Dienststellen München, Bad Reichenhall und Mühldorf am Inn Dienst tun. Davon sind etwa 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer. In Bayern sind es rund 800 Ehrenamtliche, bundesweit etwa 7.500.

Wer eignet sich für das Ehrenamt und was sind die Voraussetzungen?

Wer bei uns mitarbeiten will, sollte psychisch belastbar sein, gut zuhören und darüber schweigen können. Er oder sie sollte darauf verzichten, Ratschläge zu erteilen. Wir wollen unsere Ratsuchenden ermutigen, ihre eigenen Lösungen oder nächsten Schritte zu finden. Auch mit dem PC sollte man einigermaßen umgehen können. Und vor allem 15 Stunden Zeit pro Monat mitbringen. Das schließt auch Nachtdienste mit ein, das ist ganz wichtig. In der Regel arbeiten wir von unseren Dienststellen aus, man muss also zu uns kommen. 

Wer sich interessiert für ein Ehrenamt bei der TelefonSeelsorge, kann sich melden unter telefonseelsorge@eomuc.de oder zu unseren Infoabenden kommen. Eine neue Ausbildung beginnt in der Regel jedes Jahr; sie dauert ca. neun Monate. Es findet ein Auswahlverfahren statt: Die Ehrenamtlichen sollen zu uns passen – und dieser anspruchsvolle Dienst zu den Ehrenamtlichen.

Finanzierung: Zu 95 Prozent durch Kirchensteuer

1962 ging die Münchner TelefonSeelsorge ans Netz. Später kamen Bad Reichenhall und Mühldorf am Inn dazu. Eine ökumenische Zusammenarbeit besteht mit der evangelischen TelefonSeelsorge. Zusammen mit den benachbarten Dienststellen ist die TelefonSeelsorge für die Menschen von Oberbayern bis Schwaben da.

Die Erzdiözese München und Freising finanziert die TelefonSeelsorge zu 95 Prozent aus Kirchensteuermitteln. Zuschüsse kommen von der Landeshauptstadt und dem Landkreis München sowie dem Landkreis Berchtesgadener Land.

Wie gehen Ehrenamtliche mit den Sorgen am Telefon persönlich um und was motiviert sie?

Die Motivation ist so verschieden, wie unsere Mitarbeitenden verschieden sind: der Gesellschaft etwas zurückgeben, etwas Gutes tun, die Zeit im Ruhestand sinnstiftend nutzen usw. Viele Mitarbeitende schätzen auch die Flexibilität des Einsatzes. Was den Umgang mit den Themen am Telefon angeht, die auch belastend sein können: Es finden einmal pro Monat Supervisionen mit externen Fachkräften statt. Es gibt regelmäßig Fortbildungen. Und natürlich stehen auch die Hauptamtlichen für Gespräche zur Verfügung. Niemand wird alleingelassen.

Welche Rolle spielen Glaube und Religion in den Gesprächen? 

Die TelefonSeelsorge ist ein kirchliches Angebot, aber wir sind kein Missionstelefon. Gleichwohl gibt es spirituelle Grundbedürfnisse, die in den Gesprächen auftauchen: der Wunsch nach Gebet und Segen, die Frage nach dem Sinn oder nach Gott. Und das ist häufiger der Fall, als viele denken.

Wichtig ist auch, dass die TelefonSeelsorge für viele Mitarbeitende zu einer neuen Form von Gemeinde geworden ist, in der sie das finden und leben, was sie sonst in der Kirche oder unseren Pfarreien vermissen. So ist und bleibt die TelefonSeelsorge ein Teil der Kirche – und ein echter „Dienst an den Rändern“.

Zur Person

Tobias Lehner ist Diplom-Theologe und Journalist. Er arbeitet seit 2015 bei der TelefonSeelsorge in der Erzdiözese München und Freising mit, zunächst ehrenamtlich und seit 2019 hauptamtlich. Lehner betreut den Bereich Onlineberatung mit und engagiert sich in der Öffentlichkeitsarbeit.
 

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Evaluation der TelefonSeelsorge in Bayern

Vital, wirksam, ökumenisch: Das sind die 17 TelefonSeelsorge-Stellen in Bayern. Zu diesem Ergebnis bekommt eine bundesweit einmalige Studie des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (zap) in Bochum. Mitarbeitende, Träger und Partner aus dem Psychosozialen Bereich wurden gefragt, wie sie TelefonSeelsorge (er-)leben. Ziel ist es, die TelefonSeelsorgen zukunfts- und krisensicher auszustatten. Die Ergebnisse der Studie können Sie hier nachlesen. 

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Studie zur TelefonSeelsorge

574 KB PDF

TelefonSeelsorge in der Erzdiözese München und Freising

Leitung: Alexander Fischhold

089 2137-2098

TelefonSeelsorge München

Leitung: Ulrike Dahme

089 2137-2098

TelefonSeelsorge Bad Reichenhall

Leitung: Raphael Koller

089 2137-74271

TelefonSeelsorge Mühldorf am Inn

Leitung: Andrea Fürnrohr

089 2137-74142