Im Erzbistum München und Freising hinterließ das „Jahrhundert der Märtyrer“ tiefe Spuren. Die Kirche erinnert an Männer und Frauen, die wegen ihres Glaubens verfolgt und getötet wurden. Wir wollen ihr Zeugnis bewahren, Hintergründe erforschen und Wissen darüber vermitteln. Als Beitrag zu Erinnerungskultur, Bildung und gesellschaftlicher Verantwortung.
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von Gewalt und ideologischer Unterdrückung. Im nationalsozialistischen Regime Deutschlands wurden Millionen von Menschen aus rassistischen und ideologischen Motiven verfolgt und ermordet. Davon waren auch Christinnen und Christen betroffen, wenn sie aus religiöser Überzeugung Kritik übten oder Widerstand leisteten. Aber auch in anderen meist kommunistischen Regimen wurden Christinnen und Christen verfolgt, zum Beispiel christliche Ordensleute, die missionarisch tätig waren.
Die Erinnerung an sie macht uns bewusst, wie Menschen damals unter dem Druck totalitärer Systeme aus Glauben und Gewissen heraus gehandelt haben. Auch heute sind Demokratie und Freiheit nicht selbstverständlich. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit ihrem Leben und Sterben Teil kirchlicher Erinnerungskultur und zugleich Aufgabe historischer und politischer Bildungsarbeit.
Märtyrer, die für ihren Glauben gestorben sind, gab es seit der Frühzeit des Christentums. Im 20. Jahrhundert allerdings erhielt die Geschichte der Blutzeugen eine neue historische Dimension. Papst Johannes Paul II. bezeichnete es sogar als „Jahrhundert der Märtyrer“. Allerdings unterscheiden sich die Martyrien des 20. Jahrhunderts von der frühen Christenverfolgung.
Wir sprechen heute von einem Märtyrer, wenn ein Mensch aus Hass gegen den Glauben getötet wurde. Ursprünglich bedeutet das aus dem Griechischen stammende Wort einfach Zeuge. In den Anfängen des Christentums bezeichnete der Begriff Menschen, die öffentlich Zeugnis für Jesus Christus ablegten, durch Verkündigung, Unterweisung und gelebte Glaubenspraxis.
Im Verlauf des 2. Jahrhunderts wird der Begriff zunehmend enger verwendet. Nur noch die Christinnen und Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, Leiden auf sich nahmen und getötet wurden, nannte man Märtyrer. Denn der Tod eines Christen wurde als Zeugnis für Christus verstanden. Erstmals belegt ist diese Verwendung für das Martyrium des Bischofs Polykarp um das Jahr 160 n. Chr.
Diese Blutzeugen lebten in modernen Staaten mit ausgeprägten Verwaltungs- und Repressionsapparaten. Viele gerieten in Konflikt mit politischen Ideologien, weil sie staatliche Forderungen nicht mit ihrem Glauben oder ihrem Gewissen vereinbaren konnten. In dieser Spannung zwischen Loyalität gegenüber dem Staat und innerer Verpflichtung gegenüber Gott trafen sie Entscheidungen, die sie bewusst in Gefahr brachten.
Das „Jahrhundert der Märtyrer“ hinterließ auch in unserem Erzbistum tiefe Spuren. Die Mitglieder der in München entstandenen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, wie Willi Graf, Christoph Prost oder Kurt Huber handelten aus einer ethisch und religiös geprägten Haltung heraus, die das Menschenbild des Nationalsozialismus grundsätzlich in Frage stellte. Der katholische Journalist Fritz Michael Gerlich trat in seiner in München herausgegebenen Zeitung „Der gerade Weg“ öffentlich gegen die nationalsozialistische Ideologie ein. Auch Pater Alfred Delp, damals Seelsorger in München-Bogenhausen, leistete Widerstand und wurde als Mitglied des „Kreisauer Kreises“ und vermeintlicher Mitwisser des 20. Juli hingerichtet.
Es war Papst Johannes Paul II., der 1994 in seinem Apostolischen Schreiben „Tertio millennio adveniente“ alle Ortskirchen aufforderte, das Martyrologium des 20. Jahrhunderts, also das Verzeichnis der Blutzeugen, anzulegen. Er sprach von den Märtyrern als den „häufig unbekannten Soldaten der großen Sache Gottes“. Seit dem 5. Jahrhundert schon wurden die Todestage von Märtyrern in Martyrologien festgehalten. Die Zeugnisse der Märtyrer des 20. Jahrhunderts dürften, so der Papst, nicht verloren gehen.
In Deutschland entstand daraufhin das Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, das im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erarbeitet wurde. Es umfasst annähernd 1000 Männer und Frauen aus unterschiedlichen historischen Kontexten, darunter Verfolgte des Nationalsozialismus, Opfer kommunistischer Diktaturen sowie Märtyrer aus Missionsgebieten.
Für unser Erzbistum München und Freising wurden 1999 unter Erzbischof Kardinal Friedrich Wetter 20 Blutzeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus identifiziert und öffentlich benannt, die ihren Geburts- oder Wirkungsort im Gebiet der Erzdiözese hatten, neben den katholischen Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ auch der bei seiner Hinrichtung erst 19-jährige Walter Klingenbeck aus der Pfarrjugend von St. Ludwig. Außerdem zehn weitere Menschen aus unserer Diözese, die als Ordensleute in verschiedenen Missionsgebieten ihr Leben verloren, darunter der Missionsbenediktiner Pater Dagobert Enk, der 1950 im Gefängnis von Pjöngjang starb, oder die Missionsdominikanerin Schwester Epiphany Schneider, die 1977 in Afrika getötet wurde. All diese Blutzeugen des Erzbistums München und Freising finden sich seit 2013 auch im Diözesanteil des neuen Gotteslobes (Nummer 704, Abschnitte 1 und 2).
Die Auseinandersetzung mit den Märtyrern des 20. Jahrhunderts ist eine Bildungsaufgabe, die unsere Erzdiözese ernst nimmt. Sie verbindet historische Forschung mit theologischer Reflexion und politischer Bildung.
Das Erzbistum München und Freising versteht seine Aufgabe darin, Zeugnisse von Blutzeugen zu sammeln, zu erforschen, zu vermitteln und im öffentlichen Gedenken präsent zu halten. Ihre Biografien eröffnen Fragen nach persönlicher Verantwortung, nach Handlungsspielräumen in Diktaturen und nach der Bedeutung von Gewissensfreiheit. In Rundgängen, Podiumsdiskussionen, musikalischen Lesungen und anderen Bildungsformaten werden sie konkret und personenbezogen vermittelt.
Gleich mehrere Stellen kümmern sich heute um das Gedenken an die Blutzeugen des Erzbistums München und Freising. Biografien und historische Zusammenhänge werden in Zusammenarbeit mit fachlich zuständigen Stellen erschlossen, darunter unser Archiv der diözesane Postulator für Selig– und Heiligsprechungsverfahren und der Fachbereich Gedenkstättenseelsorge und Erinnerungsarbeit. Dieser bringt seine Expertise in der historischen Einordnung, in der Arbeit an Gedenkorten sowie in der Entwicklung von Bildungsformaten ein. Der Beirat Märtyrergedenken, hervorgegangen aus einem Arbeitskreis des Diözesanrats der Katholiken, gibt zusätzliche Impulse für die kirchliche Erinnerung und unterstützt die Vermittlung der Zeugnisse.
Mehr zum Fachbereich Gedenkstättenseelsorge und Erinnerungsarbeit.
Leitung: Judith Einsiedel
Alte Römerstraße 75
85225 Dachau