Kardinal Marx im schwarzen Mantel vor einem goldfarbenen, herzförmigen Mahnmal aus vielen kleinen Kreuzelementen im Dom.
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Das Werk „Heart“ ist ein Mahnmal gegen das Vergessen des Missbrauchs.

Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch: Eine zentrale Aufgabe der Kirche

Die Missbrauchskrise hat die Kirche in Deutschland erschüttert und für immer verändert. Dies gilt auch für Kardinal Marx persönlich. Er weiß: Das Leid der Betroffenen geschah gerade dort, wo sie Geborgenheit und Heil erfahren sollten – und dauert oft lebenslang an. Wie die Aufarbeitung und der Austausch den Erzbischof und sein Amt prägen.

Mitverantwortung übernehmen, an der Seite der Betroffenen stehen und die Kirche erneuern: So ließe sich die Haltung von Kardinal Reinhard Marx angesichts der Katastrophe des sexuellen Missbrauchs vor allem an Minderjährigen im Raum der Kirche knapp zusammenfassen.

Als im Jahr 2010 das Ausmaß der Missbrauchsfälle in Deutschland bekannt wird, reagiert der Erzbischof von München und Freising erschüttert und leitet konkrete Maßnahmen in die Wege.

Erste Gutachten und Konsequenzen

Noch 2010 beauftragt Marx bei der Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) ein erstes unabhängiges Gutachten zu Missbrauchsfällen im Erzbistum in den Jahren zwischen 1945 und 2009. Man wolle den Betroffenen, soweit das menschlich möglich sei, Gerechtigkeit widerfahren lassen, ihr Leid anerkennen. „Und wir wollen aus den schlimmen Fehlern und Verfehlungen der Vergangenheit lernen“, sagt er bei der Präsentation des Gutachtens im Dezember. Dabei betont er: „Wir bitten als Kirche um Vergebung für das, was Mitarbeiter der Kirche getan haben“.

Mit Blick auf die Zukunft fährt Marx fort: „Unsere Einrichtungen, Pfarreien, Schulen und Jugendgruppen sollen sichere Orte für Kinder und Jugendliche sein – Orte, wo sie Geborgenheit und Schutz erfahren – Orte, an denen ihnen glaubhaft der Kern der christlichen Botschaft vermittelt und vorgelebt wird. Deshalb richten wir unsere Anstrengungen auf das Feld der Prävention.“ Der Schock dieses Jahres müsse „uns als Kirche wachrütteln, uns zur Umkehr bringen und uns zu einem neuen, geistlichen Aufbruch ermutigen“, so der Erzbischof weiter: „Ich kann nur davor warnen, nach diesen Erfahrungen einfach zur Tagesordnung überzugehen.“

Seit 2010 werden im Erzbistum München und Freising beständig weitere Maßnahmen zur Prävention, Intervention und Seelsorge etabliert. Weitere Studien – darunter die von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragte MHG-Studie (2014 bis 2018) – vertiefen die Erkenntnisse aus dem ersten unabhängigen Gutachten. MHG ist die Abkürzung für Mannheim, Heidelberg und Gießen – die Standorte der am Forschungsprojekt beteiligten Universitätsinstitute. 2022 folgt dann die Veröffentlichung des zweiten WSW-Gutachtens für die Erzdiözese München und Freising. 

Perspektive der Betroffenen

Von großer Bedeutung sind für Marx die Begegnungen mit Betroffenen, deren Perspektive anfangs zu wenig berücksichtigt worden sei, wie er immer wieder betont. Diese Gespräche hätten ihn verändert. Die Betroffenen und ihre Perspektive einzubeziehen und sie zu begleiten, sieht er als zentrale Aufgabe bei der Aufarbeitung und Prävention sexuellen Missbrauchs.

Kardinal Marx im schwarzen Anzug mit Kollar spricht mit mehreren Personen in weißen T-Shirts in einem Innenhof.
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Auf einer Radpilgerreise nach Rom werden Missbrauchsbetroffene 2023 bei einem Zwischenstopp in Bozen vom Bischof von Bozen-Brixen, Ivo Muser (li.), und Kardinal Marx begrüßt. Rechts im Bild: Richard Kick, Sprecher des Unabhängigen Betroffenenbeirats der Erzdiözese.


Gespräche, Anerkennungsleistungen und Beteiligungsgremien sollen dazu beitragen, die Erfahrungen und Erwartungen Betroffener stärker in den Mittelpunkt zu rücken. 2020 ruft Marx mit dem allergrößten Teil seines Privatvermögens die Stiftung „Spes et Salus“ (Hoffnung und Heil) ins Leben. Sie hat zum Ziel, Betroffene zu unterstützen und Missbrauch wissenschaftlich zu erforschen.

Aufbruch zu Reformen

In seinem Fastenhirtenbrief 2019 schreibt Marx, dass zwar bereits viel erreicht worden sei, aber die ergriffenen Maßnahmen allein nicht ausreichten: „Wirklich hinschauen und hinhören bedeutet auch zu sehen, wo falsche Machtstrukturen Hindernisse aufbauen, wo Rechthaberei, Eifersucht und Machtmissbrauch das Klima in der Kirche, in den Pfarreien, in unseren Gemeinschaften vergiften. Wir müssen verstehen, dass wir manche Ursachen des Missbrauchs nur dann überwinden, wenn wir der Wahrheit nicht ausweichen durch Beschwichtigungen und Tabus“, warnt der Erzbischof. Ihm geht es neben bestürzenden Einzelfällen auch um strukturelle Fragen – um kirchliche Machtverhältnisse, um priesterliches Selbstverständnis, um den Umgang mit Verantwortung und um Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche.

Ebenfalls 2019 beschließt die Deutsche Bischofskonferenz unter dem damaligen Vorsitz von Marx gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), den Reformprozess „Synodaler Weg“. Dabei stehen, ausgehend von der Aufdeckung des Missbrauchs im Raum der Kirche, zentrale kirchliche Themen zur Debatte: Zölibat, katholische Sexualmoral, klerikale Machtstrukturen, Frauen in kirchlichen Ämtern.

Goldfarbenes, herzförmiges Mahnmal aus Vierkantstahlgitter, auf einem Steinsockel vor einer Ziegelmauer platziert.
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Hilfe für Betroffene von Missbrauch

Die Erzdiözese München und Freising will Betroffenen sexualisierter Gewalt bestmöglich helfen. In dem Bewusstsein, dass das erlittene Leid nicht ungeschehen gemacht werden kann und dass die entstandenen Wunden oft nicht geheilt werden können, ist die Unterstützung Betroffener für alle Verantwortlichen ein zentrales Anliegen.

Angebot zum Amtsverzicht

Im April 2021 wird bekannt, dass Kardinal Reinhard Marx das Bundesverdienstkreuz erhalten soll. Marx bittet den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, die Auszeichnung nicht vorzunehmen: „Ich bin überzeugt, dass das mit Rücksicht auf diejenigen, die offensichtlich an der Auszeichnung Anstoß nehmen, und insbesondere mit Rücksicht auf die Betroffenen, der richtige Schritt ist“, begründet er seine Bitte, der der Bundespräsident nachkommt.

Im Mai 2021 bietet Kardinal Marx Papst Franziskus seinen Verzicht auf das Amt als Erzbischof von München und Freising an. In seiner persönlichen Erklärung teilte Marx mit, er habe in den vergangenen Monaten immer wieder über einen Amtsverzicht nachgedacht. Seine Bitte um Annahme des Amtsverzichts sei eine ganz persönliche Entscheidung. „Ich möchte damit deutlich machen: Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge.“

Papst Franziskus lehnt den Amtsverzicht ab und bittet Marx, seinen Dienst fortzusetzen und den Weg der Aufarbeitung und Erneuerungen weiterzugehen. Diese Entscheidung des Heiligen Vaters respektiert und akzeptiert Kardinal Marx im Gehorsam. Er erklärt dazu:

„Das bedeutet für mich und unsere gemeinsame Arbeit im Erzbistum München und Freising aber auch, zu überlegen, welche neuen Wege wir gehen können – auch angesichts einer Geschichte des vielfältigen Versagens – um das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen. Dabei steht der Bischof nicht allein und ich werde in den nächsten Wochen darüber nachdenken, wie wir gemeinsam noch mehr zur Erneuerung der Kirche hier in unserem Erzbistum und insgesamt beitragen können; denn der Papst greift vieles auf, was ich in meinem Brief an ihn benannt habe, und gibt uns wichtige Impulse. Es bleibt bei dem, was ich auch in meiner Erklärung unterstrichen habe: dass ich persönlich Verantwortung tragen muss und auch eine ‚institutionelle Verantwortung‘ habe, gerade angesichts der Betroffenen, deren Perspektive noch stärker einbezogen werden muss.“

Maßnahmen im Erzbistum

Zu den zentralen Maßnahmen gegen Missbrauch gehören im Erzbistum München und Freising:

  • Einrichtung zentraler Anlaufstellen im Erzbischöflichen Ordinariat – darunter die Stabsstellen „Prävention von sexuellem Missbrauch“ sowie „Beratung und Seelsorge für Betroffene von Missbrauch und Gewalt in der Erzdiözese München und Freising“
  • Einrichtung eines Betroffenenbeirats und einer Unabhängigen Aufarbeitungskommission
  • Einrichtung des Beraterstabs des Erzbischofs in Fragen des Umgangs mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger und schutz- oder hilfebedürftiger Erwachsener
  • Ausbau von Präventionsprogrammen und Schulungen für Haupt- und Ehrenamtliche
  • Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen, etwa dem Institut für Anthropologie (IADC, ehemals „Zentrum für Kinderschutz/CCP“) an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom
  • Transparenz: Regelmäßige öffentliche Erklärungen und Zwischenbilanzen

Engagement gegen das Vergessen und für Prävention

Kurz nach dem abgelehnten Amtsverzicht besucht Marx im Juli 2021 Garching an der Alz, einen der Orte des Missbrauchs im Bereich des Erzbistums: „Dass ein Pfarrer, der des Missbrauchs überführt war, bei Ihnen eingesetzt war, ist eine Katastrophe und ich entschuldige mich. Das System Kirche hat versagt“, erklärt er bei seinem Besuch in Garching an der Alz. Missbrauch sei ein „Verrat an der Botschaft Jesu“. Die Gespräche in Garching zeigten für ihn erneut, „dass Aufarbeitung eine lange Geschichte ist“. Sowohl die Kirche als auch er persönlich als Bischof hätten das unterschätzt, wie der Kardinal betont. Der Weg der Aufarbeitung sei noch lange nicht zu Ende.

„Mach weiter“: So steht es in der letzten Passage des Briefs von Papst Franziskus. Der Papst gab Marx mit der Ablehnung des Amtsverzichts einen Auftrag mit: Verantwortung zu übernehmen und die Kirche auf ihrem Weg der Erneuerung zu begleiten. Aufarbeitung, Prävention und die noch stärkere Berücksichtigung der Betroffenenperspektive sind dabei für den Erzbischof zentrale Aufgaben.

Die Aufarbeitung von Missbrauch und die Prävention bleibt ein zentrales Thema im Erzbistum. Es werden auch künstlerische Ausdrucksformen gesucht – in der bildenden Kunst, in Musik, Tanz und schauspielerischer Darstellung. Im Liebfrauendom in München wird Anfang 2025 das Mahnmal „Heart“ des Bildhauers Michael Pendry installiert – eine aus Stahl gefertigte Herzskulptur mit goldener Beschichtung, die emotionale Verletzlichkeit und zugleich einen Weg zur Heilung symbolisiert. Der Titel des Kunstwerks ist an Psalm 147,3 („Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.“) und lautet:

„Wer heilt die zerbrochenen Herzen?“

Das Werk entstand in enger Zusammenarbeit von Betroffenenbeirat, Künstler, EOM und Dompfarrei und wird dauerhaft in der Krypta verbleiben – als sichtbares Mahnmal gegen das Vergessen und Aufruf zur Wachsamkeit.