Mädchen wendet sich mit wehendem Haar und geschlossenen Augen der untergehenden Sonne zu und faltet die Hände
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Jeder Augenblick unseres Lebens sei eine Antwort auf unser Gebet, sagt Michael Wagner.

Was ein gutes Gebet ausmacht? Es ist voller Leben!

Warum beten wir eigentlich, wo Gott doch ohnehin alles von uns weiß? Das erklärt Michael Wagner, Fachreferent für Liturgie im Erzbischöflichen Ordinariat. Seit rund einem Jahr verfasst er für den Instagram-Auftritt der Erzdiözese Gebetsimpulse. Eine Aufgabe, die es manchmal in sich hat.

Was viele vielleicht in erster Linie mit dem islamischen Glauben verbinden, gilt auch für die katholische Kirche: Wir sollten uns mehrfach am Tag Zeit nehmen für Gebete. Worauf es dabei ankommt, warum dieser Dialog mit Gott gewinnbringend sein kann und was Gebete mit Achtsamkeit zu tun haben, erläutert Michael Wagner, Fachreferent für Liturgie im Erzbischöflichen Ordinariat, im Interview.

Herr Wagner, warum beten wir eigentlich?

Michael Wagner: Beten hat einfach zu tun mit der engen Beziehung, die Gott mit uns Menschen hat oder wir Menschen mit Gott. Gebet ist ja nichts anderes, als dass ich mich hinwende zu Gott. Im Grunde ist das eine sehr intime Begegnung zwischen Gott und mir, wobei die Initiative von Gott ausgeht. Er hat uns zuerst angesprochen. Er hat mich zuerst geliebt. Er wollte, dass ich Teil seiner Schöpfung bin. Und alles, was ich tue, ist einfach nur die Antwort zu geben und insofern kann das ganze Leben, ist jeder Augenblick meines Lebens, eine Antwort auf mein Gebet. Und irgendwann wird das Gebet formaler: Das gemeinschaftliche Gebet ist schon sehr formalisiert, weil es einfach eine ganze Gebetsgemeinschaft einschließen muss.

Sind das grob die beiden Gebetsrichtungen, die Sie unterscheiden würden: das gemeinsame Gebet und das persönliche Gebet?

Ja. Aber die Welt ist nicht schwarz und weiß, dazwischen gibt es viele Graustufen, von kleiner Gemeinschaft bis zum Weltjugendtag in Rom mit Millionen junger Menschen.

Ist ein Gebet, das ich nur still für mich spreche, gleichberechtigt zu einem in Gemeinschaft?

Die Dinge darf man nicht gegeneinander ausspielen. Alles hat seine Berechtigung. Das Gebet in Gemeinschaft kann auch nur leben, wenn Menschen zusammenkommen, die schon eine Gebetserfahrung haben. Andere können davon lernen. Eine Gebetsgemeinschaft trägt immer den einzelnen mit. Man ist nicht alleine gelassen. Wer anfängt mit dem Beten, wird durch eine Gebetsgemeinschaft auch getragen.

Für Gebete ist es nie zu spät

Denken Sie, dass es wichtig ist, dass man Beten von klein auf vorgelebt bekommt? Ist es dann leichter bei der Stange zu bleiben oder später als bewusste Entscheidung?

Wenn man es von klein auf lernt, ist es vielleicht leichter. Man findet leichter hinein. Wobei das nicht gesagt ist, viele verlieren auch den direkten Draht. In schwierigen Momenten, in schwierigen Phasen des Lebens kann etwas abbrechen. Ich glaube aber, es ist nie zu spät, ins Gebet einzusteigen.

Und aus liturgischer Sicht: Inwiefern bereichert einen so ein Gebet?

Das gemeinschaftliche Gebet gehört seit Anfang der Kirche dazu. Es heißt schon in der Apostelgeschichte: Sie hielten fest an der Lehre der Apostel und an der Lehre der Gemeinschaft und an den Gebeten und an dieser Gebetsgemeinschaft. Und das hat die Kirche über all die Jahrhunderte durchgetragen. Wir können uns eigentlich glücklich schätzen über diesen Schatz, den wir in der Kirche haben. Wir schätzen ihn wahrscheinlich bloß nicht so sehr, dass wir der eigentlichen Verpflichtung nachkommen, uns diese Auszeiten auch zu nehmen. Der Glaube sagt ja, wir sollten mehrfach am Tag beten. Wir sollen uns Zeit dafür nehmen. Vom Glauben her bin ich eigentlich immer wieder dazu angehalten, mir diese Ruhezeiten zu suchen.

Der Glaube verändert sich auch beziehungsweise ist in die jeweiligen Lebensumstände eingebettet. Was muss denn ein modernes Gebet mit sich bringen, dass es auf Resonanz stößt?

Ich glaube, es muss authentisch sein, wahrhaftig sein, das Leben muss darin vorkommen. Man versucht vielleicht die Leser oder die Beter noch genauer in ihrer Lebenswirklichkeit zu treffen. Man braucht immer einen Aufhänger für ein Gebet, die suche ich natürlich sehr stark in der Bibel oder in den biblischen Texten, in den Sonntagstexten. Die Psalmen sind natürlich auch ein großer Gebetsschatz, und dann stelle ich mir immer wieder die Frage: Wo erlebt der heutige Mensch so etwas, wo reflektiert sich das in seiner Lebenswirklichkeit.

Zwei Hände halten schützend eine Kerze in der Dunkelheit
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„Im Grunde braucht es nicht viele Worte, keine geschliffenen Worte. Gott weiß, was mir am Herzen liegt.“

Michael Wagner, Fachreferent für Liturgie

Fließt in Ihre Gebete auch Persönliches ein?

Ohne das ginge es nicht. Sonst wäre es ein blutleeres Gebet. Ein Gebet muss immer authentisch sein. Es muss immer gespeist sein durch meine eigene Erfahrung, mein eigenes Leben, meine eigene Gebetspraxis. Natürlich versuche ich auch immer möglichst viele einzufangen. Manchmal ist es schwierig zu formulieren. Gebet braucht immer Wahrhaftigkeit, Authentizität. Es geht darum, Gott das Leben hinzuhalten, mit ganz einfachen Worten. Im Grunde braucht es nicht viele Worte, keine geschliffenen Worte. Gott weiß, was mir am Herzen liegt.

Aber wenn es Gott ohnehin weiß: Warum muss ich es ihm dann sagen?

Der Kern des Glaubens ist Begegnung zwischen Gott und Mensch. Und das braucht zwei Seiten. Glaube ist kein Monolog, den Gott mit uns führt, sondern es braucht immer die menschliche Antwort. Wenn wir keine Antwort geben würden, würde uns Gott nicht fallen lassen. Aber uns würde etwas abgehen.

Tipps: Erste Schritte im Gebet

Eine einfache Form, mit Gott ins Gespräch zu kommen, ist nach Ansicht von Liturgie-Referent Michael Wagner, Danke zu sagen für den Augenblick. Papst Franziskus hat deutlich gemacht, dass das Staunen über die Natur ein Ausgangspunkt sein kann. Auch ein Perspektivwechsel kann helfen: „Beim Gebet in der Liturgie erinnern wir uns zuerst an das, was Gott an uns getan hat, und loben ihn. Und dann hängen wir eigentlich erst die Bitte an.“ Die Logik dahinter ist einfach: Beim Loben wenden wir uns dem Anderen zu. Im Bitten sind wir eher bei uns.

Sind Gebete dann auch ein Mittel zur Reflexion ein Stück weit?

Ja, auch in dem Sinn, dass man über sich selbst hinauswächst. Ein Gebet geht für mich auch manchmal dahin, dass man eine Gegenfrage stellt: Warum jetzt? Warum in diesem Augenblick? Und in diesem Augenblick fange ich schon an über meine Situation nachzudenken. Und da bin ich schon mit Gott in einem Gespräch.

Instagram: Beten in der Welt sozialer Medien

Ist es eine Herausforderung, das auf Instagram relativ knapp halten zu müssen?

Ja. Insofern kämen eigentlich die klassisch-römischen Gebete dem sehr entgegen, die einen klaren strukturierten Aufbau haben mit sehr nüchternen, kurzen und wenigen Worten. Das fängt schon bei der Namensnennung, bei der Anrufung Gottes an, die im Lateinischen einfach kurz ‚Deus‘ heißt, also Gott. Ich habe aber sehr schnell gemerkt: So kann ich ein Gebet nicht auf Instagram machen. Klassische Gebete kennen auch nicht das Ich, sondern nur das Wir: Man spricht Gott in der Wir-Form an als Gebetsversammlung. Das ist das Plus, das Mehr, das wir haben gegenüber einem Sozialverband: dass wir eine Glaubensgemeinschaft sind und mit einer Hoffnung gehen dürfen.

Haben Sie das Gefühl, dass es Gebetsformen gibt, die ‚in‘ sind oder ‚out‘, gerade auch bei jüngeren Menschen?

Ja und nein. In vielen Pfarreien gehen zum Beispiel Rosenkranzgebete sehr zurück und überhaupt Andachten. Auf der anderen Seite gibt es Gemeinschaften, wo gerade ein Rosenkranzgebet immer wieder aufblüht, wo es Orte gibt, Inseln, vielleicht auch Gruppierungen, die gerade eine bestimmte Form sehr intensiv beten. Da gibt es auch die Möglichkeit, sich über das Internet miteinander zu verbinden. Da bilden sich Netzwerke. Eine ähnliche Erfahrung machen wir im Bereich der eucharistischen Anbetung, der ewigen Anbetung. Das ist in manchen Pfarreien schwer durchzuführen. Und an anderen Orten, in anderen Gemeinschaften schaffen die das an sieben Tagen, 24 Stunden lang vor dem Allerheiligsten Beter zu haben. In der großen Fläche ist eher ein Absterben, ein weniger Werden zu verzeichnen und an anderen Orten blüht das immer wieder auf.

Sind das dann Wallfahrtsorte, an denen so etwas mehr gelebt wird?

Das kann auch eine x-beliebige Pfarrei sein. Oft hängt es an konkreten Menschen, denen das wichtig ist, die das machen und an denen sich andere wie an einem Pol orientieren, mitmachen – da bildet sich dann eine Gemeinschaft, die das trägt. Das Gebet eines Einzelnen kann ausschlaggebend sein, das kann federführend sein, aber im Ende braucht es eine Gebetsgemeinschaft.

Die Kirche Maria Gern: Eine kleine Kirche auf grünem Hügel, umgeben von Herbstwald und Bergen im Morgenlicht.
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Hier finden Sie Gebete von Michael Wagner

Gott begegnet uns mitten im Leben – in Stille und Staunen, in Sorge und Dankbarkeit. Die Gebete von Michael Wagner, Fachreferent für Liturgie im Erzbischöflichen Ordinariat, schenken Worte des Vertrauens.

In unserer Zeit wird ganz viel Wert auf Achtsamkeit gelegt, es wird oft als ein Werkzeug gesehen, wie man besser mit den Herausforderungen des Alltags umgehen kann. Das und ein kleines Gebet zwischendurch als Dank für den Augenblick, sind doch eigentlich gar nicht weit voneinander weg, oder?

Ganz nah wäre das. Und wir haben es eigentlich in unserem Glaubensschatz. Aber es ist verschütt‘ gegangen. Dabei liegt es eigentlich in unserem Glauben mit drin.

Und warum denken Sie, ist das verschütt‘ gegangen?

Ich denke, das liegt an der Schnelllebigkeit unserer Zeit. Weil wir uns keine Zeit mehr dafür nehmen, keine Zeit mehr dafür haben. Vielleicht ist es auch uncool zu beten, mag auch eine Rolle spielen. Das hat im Alltag wenig Belang, ob die Sonne aufgeht, sie tut es halt. Und schon sind wir beim nächsten. Dann muss ich auch noch schnell die Börsenkurse überprüfen, und dann mache ich mich schon auf den Weg, und während der Busfahrt schaue ich schon nach, was an E-Mails ins Büro gekommen ist. Wir machen so viel gleichzeitig, surfen gleichzeitig auf mehreren Spuren und da geht das Leben, gehen die Augenblicke zum Anhalten, unter.

Und wenn auf Instagram dann noch zwischen zwei Tiktok-Videos ein Gebet daher schneit, befeuert das die Schnelllebigkeit nicht auch?

Möglicherweise. Da sind wir Teil davon. Aber vielleicht ist das die Möglichkeit, dass der eine oder andere kurz anhält – ein Gebet lang.

Zur Person

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Michael Wagner ist seit 2019 Fachreferent in der Abteilung Liturgie im Erzbischöflichen Ordinariat München. Nach seinen Studien der Religionspädagogik und kirchlichen Bildungsarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und der Liturgiewissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena bildete er sich von 2002 bis 2004 am Deutschen Liturgischen Institut in Trier fort und erarbeitete im dortigen Pastoralliturgischen Tutorium praktische Konzepte. 1993 bis 2019 arbeitete er als Gemeindereferent in den Pfarrverbänden Buchbach und Waldkraiburg.

Abteilung Liturgie

Leitung: Pfarrer Dr. Josef Rauffer

Schrammerstraße 3

80333 München

089 2137-1211

Michael Wagner

Fachreferent

089 2137-77144