Pfarrer Klaus Hofstetter mit Brille und Bart in blauem Hemd, im Gespräch mit unscharfer Person im Vordergrund.
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Klaus Hofstetter hat auf seinen eigenen Ruf gehört und ist Pfarrer geworden. Als Leiter der Berufungspastoral hat er sich dem Thema ganz verschrieben.

Berufung: Das ist nicht wie der „Blitz vom Himmel“

Wie fühlt sich Berufung an, gibt es so etwas heute überhaupt noch? Und kann man auch von Berufung sprechen, wenn man nicht Priester, sondern beispielsweise Pilot wird? Pfarrer Klaus Hofstetter von der Berufungspastoral erklärt, wie man seiner Berufung nachspürt – und warum man nicht auf den Blitz vom Himmel warten sollte.

Pfarrer Klaus Hofstetter (57) leitet die Berufungspastoral im Erzbistum München und Freising. Seit 29 Jahren ist er Priester, war Diözesanjugendpfarrer und leitender Pfarrer im Chiemgau, bevor ihn Kardinal Reinhard Marx 2021 mit der Neuausrichtung der Berufungspastoral beauftragt hat. Für seine eigene Berufung Priester zu werden erhielt Hofstetter den entscheidenden Impuls im Alter von 16 Jahren: kein Blitz vom Himmel, sondern die Erfahrung von Gemeinschaft, Vertrauen und dem Wort Gottes. Heute sagt er: Berufung entsteht dort, wo Beruf und Ruf zusammenkommen – ob als Pilotin, Krankenschwester oder Priester. Im Interview spricht er über Zweifel und späte Berufungen, über Netzwerke, Social Media – und darüber, warum die Kirche für ihn trotz aller Umbrüche ein zukunftsträchtiger Ort zum Arbeiten bleibt.

Was verstehen Sie unter Berufung?

Klaus Hofstetter: Im Wort steckt viel drin: Beruf und Ruf. Beruf heißt, dass meine Arbeit zu mir passt, dass ich sie kann und dass sie mich erfüllt. Ruf bedeutet: Gott klopft an und lädt mich ein, meine Talente und Stärken zu entfalten und darin Sinn zu finden. Berufung ist, wenn beides zusammenkommt, das Menschliche und das Göttliche. Und das kann vieles sein: Metzger, Pilotin, Priester oder Pastoralreferentin.

„Berufung ist kein Malen nach Zahlen. “

Pfarrer Klaus Hofstetter, Leiter der Berufungspastoral im Erzbistum

Und wie findet man diesen Weg?
Oft über eine gewisse Unruhe, die da ist und nicht aufhört. Wer merkt, dass er permanent unzufrieden ist, sollte dem nachspüren und genauer hinschauen. Dann helfen Abwägen, Gespräche oder geistliche Begleitung, wie wir sie anbieten. Ich sage gern: Berufung ist kein Malen nach Zahlen, sondern ein Prozess. Man probiert, geht Schritte – und manchmal erkennt man erst im Rückblick, wofür sie gut waren.

Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie Ihre eigene Berufung gespürt haben?
Ziemlich genau. Ich war sechzehn, kam von einer Jugendwoche zurück, stellte mich in die Küche und sagte zu meinen Eltern: „Ich will Priester werden.“ Die haben gestaunt – aber völlig überrascht waren sie nicht, mein Vater hatte selbst einmal diesen Wunsch.

 

„Das war kein Blitz vom Himmel, aber ein intensiver Prozess, bei dem in dieser Woche klar wurde: In dieser Gemeinschaft unter Christinnen und Christen eine Rolle zu übernehmen, das ist mein Weg. “

Klaus Hofstetter, Leiter der Berufungspastoral im Erzbistum

Was war in dieser Woche passiert?
Ich war sehr schüchtern damals, wollte gar nicht hin, weil ich niemanden kannte. Dort waren dann Priester und Theologiestudenten, die uns gut begleiteten und mir meine Unsicherheit genommen haben. Wir haben das Wort Gottes gelebt, Gemeinschaft geteilt – und ich habe plötzlich gemerkt: Hier blühe ich auf. Weil ich gut kochen konnte, habe ich Spaghetti gemacht – die kamen bei den anderen richtig gut an, und ich spürte, da interessiert sich jemand für mich und wir haben diese gemeinsame Entdeckung des Evangeliums gemacht. Das war kein Blitz vom Himmel, aber ein intensiver Prozess, bei dem in dieser Woche klar wurde: In dieser Gemeinschaft unter Christinnen und Christen eine Rolle zu übernehmen, das ist mein Weg.

„Wir sind für Menschen da“

 Vor etwa vier Jahren haben Sie die Leitung der Berufungspastoral der Erzdiözese übernommen. Wie kam es dazu? 
Ich war damals Pfarrer am Chiemsee. Bei einem Gespräch mit unserem Erzbischof, in dem ich ihm aus meinem Alltag in der Gemeinde erzählte, hat er mich gefragt, wo ich mich in fünf Jahren sehe. Tatsächlich hatte ich damals gerade eine Ausbildung zum Berufungscoach gemacht, im Rahmen der man auch seine „Visionsgeschichte“ niederschreibt, die in fünf Jahren spielt. Davon habe ich erzählt. Der Kardinal hat zugehört, und was er hörte, schien ihm zu gefallen. Schließlich meinte er: Ich hab’s gewusst! Sie sind der Richtige, um die Berufungspastoral im Erzbistum weiterzuentwickeln: Sie sind ganz Priester. Sie leben den Zölibat in gesunder Weise, aber sind nicht verklemmt. Sie stehen mitten im Leben und sind als Mitglied der Fokolar-Bewegung Teil einer vitalen geistlichen Gemeinschaft. Das passt!

Dass Sie die Ausbildung zum Berufungscoach gemacht hatten, legt nahe, dass Sie in einer Position wie der Jetzigen landen könnten.
Schon … ich war einerseits geplättet, andererseits zog mich diese Idee an … Ich hatte auch davor als Priester schon immer auch Berufungspastoral gemacht. Ich war von 2004 bis 2011 Diözesanjugendpfarrer und Leiter des Erzbischöflichen Jugendamtes. In dieser Position habe ich ein breites Netzwerk geknüpft und war nah dran an jungen Menschen, die sich ihre Fragen an die Zukunft gestellt haben. Die sich gefragt haben, was sie mit ihrem Leben, was sie beruflich später machen möchten und auch, welche Rolle Glaube und Kirche dabei spielen könnte. Das war eine gute Vorbereitung. Es hat mir immer Freude gemacht zuzuhören, mit Menschen darüber zu sprechen, was sie umtreibt und auch Zukunftsfragen zu erörtern. Das passte.

Was will Berufungspastoral und wie arbeitet sie?
Wir sind für Menschen da, die spüren: „Da ist etwas in meinem Leben – und Gott spielt eine Rolle.“ Unsere Arbeit knüpft an die Arbeitgeberkampagne an: „Du gestaltest das Wir“. Sie ist geistlich ausgerichtet und stark vernetzt: mit Orden, Ausbildungsstätten, Jugendpastoral, Schulen. Wir bieten Exerzitien, Werkstatt-Tage, Pilgerwege oder Berufungscoachings an. Unser Kernteam ist klein – Schwester Erika Wimmer mit halber Stelle und ich – aber wir bauen auf ein wachsendes Netzwerk.

Wie sieht dieses Netzwerk aus?
Im November 2024 entstand die Idee: Wir wollten auch andere Menschen sichtbar machen, die für das Evangelium brennen und andere Menschen bei der Entdeckung und Gestaltung ihrer Berufung unterstützen können.

Wir haben dann viele Gespräche geführt mit Frauen und Männern aus verschiedenen pastoralen Diensten, darunter Pastoralreferenten, Gemeindereferentinnen, Diakone, Ordensleute und Priester. Und erfreulicherweise waren viele gleich bereit mitzumachen: Am Weltgebetstag um geistliche Berufungen konnten wir 21 Personen segnen und senden. Dieses Netzwerk, das unsere Anliegen als Berufungspastoral in die Dekanate trägt, wollen wir jedes Jahr zum Weltgebetstag erweitern.

Entscheidend sind nicht die Zahlen, sondern die Früchte

 Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?
Der Kardinal hat mir gesagt: „Sie brauchen keine Zahlen zu liefern.“ Berufung lässt sich nicht in Statistiken pressen. Natürlich führen wir Buch über Gespräche und Veranstaltungen: Und wir sehen, dass die Zahl der Kontakte steigt, besonders nach neuen Projekten: Homepage, Podcasts, Social Media, die Kampagne „Du gestaltest das Wir“. Öffentlichkeitsarbeit wirkt.

Doch entscheidend sind nicht die Zahlen, sondern die Früchte: Wenn statt zwei plötzlich sieben ins Priesterseminar eintreten. Wenn eine Lehrerin einen Schüler ermutigt, bei uns ein Praktikum zu machen. Oder wenn jemand einfach anruft und sagt: „Da ist etwas in mir, das will ich leben.“

Neben „analogen“ Orten der Begegnung kann man Sie auch auf Instagram antreffen. Sind Sie ein Influencer?
Meine 16-jährige Nichte meinte mal, ich sei ein „Sinnfluencer“. Das beschreibt ganz gut, was ich auf Social Media versuche. Ich habe keinen institutionellen, sondern einen persönlichen Account als Mensch, Christ und Priester. Ich poste Impulse, Predigtgedanken, manchmal Alltägliches. Es geht nicht um Followerzahlen, sondern um Authentizität. Auch da geht manchmal eine Saat auf, wenn Menschen mir plötzlich schreiben, „Klaus, darf ich mal mit dir reden?“ und daraus tiefere Begegnungen entstehen.

Berufung, das klingt erst einmal geradlinig und definitiv. Aber was, wenn jemand auf seinem Weg zweifelt?
Das kommt oft vor. Dann geht es nicht um schnelle Lösungen, sondern ums Begleiten: zuhören, beten, ins Gespräch bringen, auch andere Menschen einbeziehen. Manchmal heißt das, eine Zeitlang in der Unklarheit auszuhalten und treu weiterzugehen, bis neue Klarheit wächst.

 Welche Rolle spielen späte Berufungen?
Eine sehr große. Ich erinnere mich an eine Altenpflegerin, die nach vielen Jahren in diesem Beruf von ihren Kolleginnen ermutigt wurde, in die Seelsorge zu gehen – und heute mit ihrer ganzen Lebenserfahrung Menschen in Altenheimen begleitet. Oder Ehepaare, die gemeinsam fragen: „Wie können wir als Paar unsere Berufung leben?“ Und immer mehr Menschen mit 45 oder 50, die nach langer Berufserfahrung noch einmal neu aufbrechen. Diese Vielfalt zeigt: Berufung ist nicht nur etwas für junge Männer im Priesterseminar, sondern bunt, überraschend – und ein großes Geschenk für die Kirche.

 Was motiviert Sie bei Ihrer Arbeit?
Wenn Menschen kommen und sich öffnen, weil sie spüren, dass Gott sie ruft und ihnen ein Resonanzraum guttut – und daraus dann ein Weg entsteht. Ob ins Priesterseminar, in den Pfarrgemeinderat oder ins Ehrenamt: Das sind die Momente, die mich tragen.

 Ist Kirche ein besonders guter Ort, um Berufung zu leben?
Ja, wenn man Abenteuerlust hat. Die Kirche ist im Umbruch, vieles wird neu gedacht. Das ist herausfordernd, eröffnet aber auch große Gestaltungsmöglichkeiten. Es gibt kein fixes Rezept, wie Pastoral oder kirchliches Wirken heute gehen muss. Das öffnet Räume, in denen Erfahrungen und Kreativität eingebracht werden können. Die Kirche tritt heute bescheidener auf als früher, auch wegen der Krisen der letzten Jahre. Darin liegt eine Chance, ehrlich und authentisch neue Wege zu gehen. Für mich persönlich ist die Arbeit genau hier sehr erfüllend.

Zur Person

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Pfarrer Klaus Hofstetter leitet die Berufungspastoral im Erzbistum München und Freising. Seit 29 Jahren ist er Priester, war Diözesanjugendpfarrer und leitender Pfarrer im Chiemgau, bevor ihn Kardinal Reinhard Marx 2021 mit der Neuausrichtung der Berufungspastoral beauftragt hat. Hofstetter ist Mitglied der Fokolar-Bewegung, einer in 182 Ländern vertretenen geistlichen Bewegung von Menschen, die sich für Einheit und Geschwisterlichkeit engagieren.

Stabsstelle Berufungspastoral

Leitung: Pfarrer Klaus Hofstetter

Kapellenstraße 4

80333 München

089 2137-77312