„Gerade jetzt ist die Gelegenheit für die Ehrenamtlichen, sich einzubringen und kreativ zu werden“

Wegen der Folgen der Corona-Pandemie steht den Pfarreien im Erzbistum eine ungewöhnliche Advents- und Weihnachtszeit bevor. Es gilt, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln, wie die Vorbereitungszeit auf Weihnachten und die Festtage unter Corona-Bedingungen begangen werden können. Ein Gespräch mit Katharina Maier, stellvertretende Vorsitzende des Diözesanrats, über die Rolle der Ehrenamtlichen in der Corona-Zeit, die Zusammenarbeit mit den Hauptamtlichen und darüber, warum Menschen sich in der Kirche engagieren.
Portrait Katharina Maier
Katharina Maier
Wir haben in diesem Jahr wegen Corona eine sehr spezielle Advents- und Weihnachtszeit vor uns. Wo werden Ehrenamtliche gerade jetzt in der Kirche gebraucht?
Katharina Maier: Das wird ganz stark davon abhängen, wie sich der Lockdown entwickeln wird. Aktuell konzentriert sich meiner Wahrnehmung nach wieder viel auf die Liturgie, also wirklich nur auf die Gottesdienste, weil die meisten Veranstaltungen verboten sind. Das macht es in meinen Augen sehr schwer, pauschal eine Antwort zu finden. Außerdem ist das von Pfarrei zu Pfarrei sehr unterschiedlich. Bei uns in St. Georg in Freising zum Beispiel wird es von der Kolpingsfamilie und vom Frauenbund einen digitalen Adventskalender geben, bei dem über E-Mail an einen bestimmten Verteiler jeden Tag ein kleiner Impuls verschickt wird. Analog werden die Impulse auch im Schaukasten zu sehen sein.

Ich glaube, gerade jetzt ist die Gelegenheit für die Ehrenamtlichen, sich selbst Nischen zu suchen, Orte, wo sie ihr Wissen und ihre Kompetenzen einbringen können. Wichtig ist jetzt, kreativ zu werden. Das, was wir die letzten 20 Jahre gemacht haben, wird so dieses Jahr nicht funktionieren, da bin ich mir relativ sicher.

Ich möchte ausdrücklich dazu aufrufen, dass Pfarreien und Verbände ihre geplanten Projekte beim Diözesanrat melden, sodass wir sie quasi als Best-practice-Beispiele auf der Homepage oder im Newsletter veröffentlichen können, um auch anderen Pfarreien zu zeigen, was möglich ist.
 
Wo haben in den vergangenen Monaten Ehrenamtliche einen wesentlichen Beitrag zum kirchlichen Leben in Pfarreien und an anderen Orten geleistet?
Schwierig war es, als sich viel auf die reine Liturgie, den reinen Gottesdienst konzentriert hat. Was aber möglich war: Es haben viele Wortgottesdienste stattgefunden, die auch von Ehrenamtlichen geleitet wurden. Ich war bei vielen Gottesdiensten als Ordnerin mit dabei, um meinen Teil dazu beizutragen, dass Gottesdienste möglich sind. Es hat viele Angebote gegeben, die Menschen bei den Einkäufen unterstützt haben. In den Verbänden ist viel online passiert. Es wurde geschaut, wie geht es den Mitgliedern oder in den Pfarrgemeinderäten, wie geht es den Gläubigen. Das ist ein wichtiger Teil von Seelsorge. Vielen waren sehr kreativ und haben Veranstaltungen draußen abgehalten statt drinnen. Das wird jetzt im Winter natürlich schwieriger.
 
Was bringt Menschen dazu, sich in der Kirche zu engagieren?
Der Glaube an die Botschaft Gottes – dass das etwas so Positives ist, dass es möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden soll. Ich persönlich engagiere mich auch aus dem vielleicht etwas naiven Ansatz, die Welt dadurch ein Stück zu verbessern. Auch das Gefühl der Gemeinschaft ist mir ganz wichtig, und das geht glaube ich vielen anderen genauso. Das Gefühl, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, gemeinsam etwas zu schaffen, gemeinsam die Botschaft Gottes in die Welt zu tragen, ist ein gutes Gefühl. Zudem lernt man unglaublich viel. Ich habe in meinen Ehrenämtern wahnsinnig viel gelernt, was mir jetzt in meinem Berufsleben zugutekommt.
 
Was zum Beispiel?
Wie es ist, sich vor einer Menschenmenge hinzustellen und zu reden. Ich habe mein Engagement bei der Kolpingjugend angefangen und war dort vier Jahre lang Diözesanleiterin. Dann steht man eben bei einer Diözesankonferenz vor 40, 50, 60 Menschen und spricht auch einmal frei. Man lernt, für seine Inhalte einzustehen, wenn man zum Beispiel in einer Antragsdiskussion steht und kritisch über Themen diskutiert wird. Und noch etwas finde ich wichtig, auch für die Gesellschaft: dass, wenn man sich inhaltlich über Themen streitet und sich total uneinig ist, man sich abends trotzdem zusammensetzt und miteinander redet, als ob am Tag nichts gewesen wäre. Man kann sich uneinig sein über Inhalte, aber deswegen ist der andere noch lange nicht blöd! Das menschliche Miteinander ist mir ganz wichtig. 
 
In welchen Bereichen engagieren sich Ehrenamtliche in der Kirche und speziell im Erzbistum?
Es gibt ganz wenige Bereiche, in denen sich Ehrenamtliche nicht engagieren. Angefangen von den Gremien in den Pfarreien, dem Pfarrgemeinderat und der Kirchenverwaltung, in Vorstands- und Leitungsämtern in den Verbänden, im Gottesdienst als Wortgottesdienstleiter, Kommunionausteiler, Lektoren, in der Jugendarbeit, der Seniorenarbeit, der Familienarbeit. Genauso bei der Caritas, beim Pfarrbriefaustragen, in Kirchenchören. Ich persönlich bin beispielsweise auch noch an der Sternsingeraktion beteiligt. Es gibt ein unglaublich breites Angebot, das von Ehrenamtlichen getragen wird. Ich bin mir sicher, dass ich bei Weitem nicht alles aufgezählt habe.
 
Wird dieses Engagement bei den Hauptamtlichen wertgeschätzt?
Unterschiedlich. Es kommt immer darauf an, welche Menschen da zusammenarbeiten und wie sie persönlich eingestellt sind. Ich habe bisher meistens sehr hohe Wertschätzung erfahren. Oft reicht ein Danke. Wertschätzung sollte beim Ehrenamt in den seltensten Fällen materiell sein. Den Hauptamtlichen sollte bewusst sein, dass ich das in meiner Freizeit mache, dass ich kein Geld dafür bekomme.

Ich fordere eine gewisse Wertschätzung aber auch ein. Ein plakatives Beispiel: Ich hatte erwähnt, dass ich mich bei uns in der Pfarrei als Ordnerin für die Gottesdienste gemeldet hatte. In unserem Hygienekonzept steht, dass nach dem Gottesdienst die Ordner und der Zelebrant oder die Zelebranten gemeinsam die Kirche putzen. Überall, wo jemand gesessen hat, wird einmal drüber gewischt. Es war ganz lange so, dass sich die Zelebranten nicht dafür zuständig gefühlt haben, sodass immer nur die Ordner das gemacht haben. Zu zweit eine Kirche zu putzen, in der unter Corona-Bedingungen um die 100 Menschen reinpassen, macht keinen Spaß! Da bin ich dann tatsächlich einmal grantig geworden. Seitdem funktioniert es relativ gut.

Die Wertschätzung meiner Zeit ist mir persönlich wichtig. Ich habe da bisher meistens Glück gehabt. Aber ich bin mir absolut bewusst, dass das nicht überall so ist. Dass das Wissen und die Zeit der Ehrenamtlichen ganz oft für selbstverständlich genommen werden.
 
Sehen andere Gläubige das ehrenamtliche Engagement und schätzen es wert?
Auch da gibt es einige, die das absolut schätzen und wirklich sehen. Genauso gibt es aber auch diejenigen, die es für selbstverständlich nehmen oder es überhaupt nicht wertschätzen, die nur das als wichtig ansehen, was die Priester machen. Das ist oft frustrierend.
 
Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Empfehlung, damit die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen gut funktioniert?
Eine offene Kommunikation auf Augenhöhe. Nicht: Wir haben entschieden, das wird gemacht, und ihr dürft es umsetzen. Sondern offen kommunizieren und die Ehrenamtlichen mit einbeziehen in Entscheidungen.
Wie sind die Ehrenamtlichen organisiert und von wem werden sie betreut?
Wenn jemand gewählt ist, zum Beispiel in den Pfarrgemeinderat, sind wir über den Diözesanrat die Vertreter. Ähnlich ist es bei den Verbänden. Da gibt es auch Strukturen von der Ortsebene, teilweise Kreis- oder Bezirksebene bis zur Diözesanebene und darüber hinaus. Ich bin mir aber dessen bewusst, dass wir damit bei Weitem nicht alle Ehrenamtlichen und schon gar nicht alle Gläubigen erreichen und sich wahrscheinlich auch nicht alle vertreten fühlen.

Unser Anspruch als Diözesanrat ist es, Ansprechpartner und Unterstützer für Engagierte in Räten und Verbänden in unserer Erzdiözese zu sein. In der letzten Zeit ist ganz viel online passiert. Ich bin sehr beeindruckt davon, was unsere Geschäftsstelle alles auf die Beine gestellt hat. In meinen Augen gibt es schon ein sehr gutes Angebot zur Aus- und Weiterbildung von Ehrenamtlichen. Es ist natürlich immer noch Luft nach oben. Auch ist die Frage, warum das nur der Diözesanrat machen muss. Beim Projekt „Dem Glauben Zukunft geben“ von 2008 bis 2010 war eine der Hauptforderungen die viel zitierte Ehrenamtsakademie, die, soweit ich das verstanden habe, vom Ordinariat eingerichtet werden sollte. Ob es jetzt gerade eine Ehrenamtsakademie sein müsste oder etwas anderes, weiß ich nicht. Aber von Seiten des Ordinariats ein solches Angebot für Ehrenamtliche, für die Laien zu schaffen, wäre auch wieder ein Zeichen der Wertschätzung. Es würde zeigen, dass die Ehrenamtlichen gesehen werden.
 
Wo kann jemand sich hinwenden, der Lust hat mitzumachen, sich zu engagieren?
Die erste Kontaktstelle wäre wahrscheinlich die Pfarrei und Verbände vor Ort, weil die am besten überblicken kann, was es vor Ort an Möglichkeiten gibt. Ansonsten sind sicherlich die Katholischen Kreisbildungswerke ansprechbar, gegebenenfalls kann auch der Diözesanrat vermitteln.

Was sollte so eine Person mitbringen?
Ich glaube, dass jeder etwas hat, das er einbringen kann, was wertvoll ist für unsere Kirche. Wichtig wäre ein bisserl Freizeit. Man muss dann nur die passende Stelle finden. Aber in den allermeisten Fällen gelingt das ganz gut.
 
 
Katharina Maier, Historikerin, ist stellvertretende Vorsitzende des Diözesanrats und vertritt dort vor allem die Verbände. 
Interview: Christina Tangerding, freie Redakteurin

Diözesanrat der Katholiken
Telefon: 089-2137-1261
Fax: 089-2137-27 1261
dioezesanrat(at)erzbistum-muenchen.de
http://www.erzbistum-muenchen.de/dioezesanrat
Vorsitzender:
Prof. Dr. Hans Tremmel

Diözesangeschäftsführer:
Josef Peis

Gemeinsam Kirche sein

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