Ein Kreuz der Hoffnung inmitten der Tragödie

Am Sonntag, 27. September 2020, begehen die Erzdiözese München und Freising und die katholische Kirche in Ecuador einen gemeinsamen Gebetssonntag. Er findet jährlich am vierten Sonntag im September statt und ist Teil der weltkirchlichen Partnerschaft, die die Erzdiözese und das südamerikanische Land seit mehr als 50 Jahren miteinander verbindet. In diesem Jahr beten die Gläubigen in der Erzdiözese besonders für die Ecuadorianerinnen und Ecuadorianer, die von der Coronakrise in besonderer Weise betroffen sind und angesichts der Situation in ihrem Land vor großen Herausforderungen stehen.

Eduardo Guillén aus einem Vorort in Guayaquil wollte am 30. März 2020 nur Medikamente aus der Apotheke besorgen. Am nächsten Tag kam er mit hohem Fieber und Atembeschwerden zurück und verstarb wenig später. Auch seine Nachbarin, Juanita Zambrano, bekam plötzlich hohes Fieber und Atembeschwerden. Doch es gab keinen Platz im Krankenhaus für die 82-Jährige und auch keinen Sauerstoff. Am 4. April verstarb sie zu Hause. Eine Röntgenaufnahme ihrer Lunge zeigte die für Covid-19 typischen Veränderungen.

Juanita Zambrano, Filomena Baque, Eduardo Guillén, Ángela Analuisa, Julián Anchaluisa, Rosa Flores: Hinter jedem Namen steht ein Schicksal. Nachbarn und Angehörige haben für sie zwei fünf Meter lange weiße Kreuze auf die Straße gemalt. Nachts, während der Ausgangssperre, haben sie Kerzen angezündet und, in ausreichendem Abstand zueinander, gebetet, erzählt Pater Clever Barzallo, Präsident der Pastoral der Caritas, in Guayaquil. So hat er auch für seine Mutter, Juanita Zambrano, das Seelenamt auf der Straße gehalten.

Strenge Ausgangsbeschränkungen und Kurzarbeit

Die offizielle Statistik in Ecuador spricht im September von 127.643 an dem neuartigen Virus Erkrankten und 7330 Todesfällen (Stand: 23.09.2020). Die Dunkelziffer dürfte jedoch weitaus höher liegen.

„Meine Eltern arbeiteten als Lehrer“, erzählt Diana Terán, ehemalige Incoming-Freiwillige des Erzbistums München und Freising. „Im März wurden die Schulen geschlossen. Seitdem haben sie kein Gehalt mehr bekommen. Kurz darauf sind beide an Corona erkrankt, aber ich konnte sie nicht pflegen. Wegen der strengen Ausgangsbeschränkungen war das nicht möglich, ich wohne zwei Stunden entfernt. Außerdem gehöre ich wegen einer Herz-Kreislauferkrankung zur Hochrisikogruppe. Jetzt fahre ich wieder mit dem Bus zur Arbeit“, sagt die 26-Jährige. „Aber ich habe Angst, mich anzustecken.“ Bei ihrem Arbeitgeber in Quito arbeitet Diana inzwischen in Kurzarbeit. Da auch ihr Bruder seine Arbeit verloren hat, verkauft er jetzt auf der Straße Chuzo, Brathähnchen mit Reis. Doch das Geld reicht nicht zum Leben. Er hat eine Frau und drei Kinder.

„Es ist schwer, die Hoffnung nicht zu verlieren“

weiße Kreuze auf der Straße erinnern an die Corona-Opfer in Ecuador
Weiße Kreuze auf der Straße erinnern an die Opfer der Pandemie.
Während der strengen Ausgangsbeschränkungen musste Max Loayza seine drei Restaurants in Guayaquil schließen. Schon im März erkrankten sein Schwiegervater und seine Frau Amira an Covid-19. Da bereits zu diesem Zeitpunkt die Krankenhäuser überfüllt waren, versorgte er sie zu Hause, wusch für sie und kochte das Essen. Sein Sohn half ihm in dieser Zeit, Medikamente und ärztliche Hilfe zu besorgen.

Er sei dabei an den Rand seiner Kraft gekommen, denn nachts habe er oft nur zwei Stunden schlafen können, erzählt der gläubige Unternehmer. Mehrere Jahre war er als Präsident des katholischen Laienrats tätig und deswegen auch schon öfter auf Einladung des Diözesanrats in München. Dass sich durch die Coronapandemie die wirtschaftliche Situation in Ecuador so schnell verschlechtert hat, das betrifft auch ihn. Von seinen drei Restaurants in Guayaquil hat er nur noch eines geöffnet. Allerdings arbeitet Max Loayza fast ausschließlich auf Bestellung und damit täglich mit Verlust. Er erwirtschaftet damit nur 35 % seines bisherigen Umsatzes. Am meisten sorgt er sich aber um seine 35 Angestellten, die er nicht mehr alle beschäftigen kann.  Staatliche Hilfen gibt es keine und ein bereits zugesagter Kredit, den er bei der Bank aufnehmen wollte, um die Löhne und seine Betriebskosten zu zahlen, wurde kurzfristig wieder abgelehnt. „Es ist schwer“, sagt er „die Hoffnung nicht zu verlieren“.

Ehrenamtliche aus Pfarreien verteilen Lebensmittelpakete

In Ecuador haben inzwischen hunderttausende Menschen infolge der Coronapandemie ihre Arbeit verloren. Rund ein Drittel der Angestellten im öffentlichen Dienst arbeiten inzwischen in Kurzarbeit. Im August gingen rund 300 Ärzte und Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen in Guayaquil auf die Straße, um zu protestieren. Wegen der wochenlangen Überlastung der Krankenhäuser waren sie zu Beginn der Coronapandemie eingestellt worden. Jetzt will man sie nicht weiter beschäftigen.

Obwohl der Ausnahmezustand Mitte September auslief und damit eine Vielzahl von Einschränkungen, ist die Normalität in vielen Bereichen nicht zurückgekehrt. Die Zahl der Menschen, die auf den Straßen Ecuadors um Essen betteln, ist erschreckend gestiegen. Darunter sind ältere Menschen, aber vor allem auch venezolanische, junge Familien.

Der Erzbischof von Guayaquil, Monsignore Luis Cabrera, nutzte zu Beginn der Coronapandemie seine Kontakte zu staatlichen und privaten Institutionen und startete mithilfe der nationalen Diakonía Lebensmittel Bank Lebensmittelpakete für rund 1,5 Millionen Menschen. Dabei nutzte er die Infrastruktur der Pfarreien. Viele Ehrenamtliche verteilen Lebensmittelpakete an die Familien, die aufgrund der strengen Ausgangsbeschränkungen nicht mehr ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Der Transport wurde von verschiedenen Unternehmen organisiert und von Teilen der Armee begleitet. Mit diesem Hilfsangebot konnte er alle neun Regionen rund um Guayaquil erreichen. Auch in anderen Diözesen Ecuadors wurden auf diese Weise Lebensmittelpakete verteilt.

Gottesdienste im Internet und Radio

Da die Kirchen mehrere Monate geschlossen waren, hat das Erzbistum Guayaquil damit begonnen, Gottesdienste und Sendungen über Internet und Radio anzubieten, hat aber auch Hotlines eingerichtet, um schnelle Hilfe für die Menschen zu organisieren. 

Seit der Pandemie haben die Schulen geschlossen und bis mindestens Ende Dezember 2020 gibt es keinen regulären Schulunterricht mehr. Da jedoch nicht alle Menschen im Amazonasgebiet über einen Internetanschluss und die notwendigen Computer verfügen, heißt das, dass viele Kinder nicht weiter am Unterricht teilnehmen können, kritisiert Markus Linsler, der für die Erzdiözese München und Freising in Ecuador soziale Projekte begleitet. „Hier wird langfristige Hilfe nötig sein, auch über die Coronapandemie hinaus, wobei das größte Problem ist, dass keiner weiß, wann sie endlich endet“.
Text: Dr. Patrizia Wackers

Wer mit einer Spende helfen möchte

... findet hier die Angaben zum Spendenkonto der Erzdiözese für Spenden nach Ecuador

Kontoinhaber: Erzdiözese München u. Freising
Liga-Konto:  DE87 7509 0300 0002 1700 00
Verwendungszweck: "Spende Corona-Hilfe Ecuador"

Die Spender-Adresse muss auf dem Überweisungsträger mit angegeben werden, sofern eine Spendenquittung gewünscht wird.
Die Spende wird beispielsweise für Food Banks (eine Art Station, von wo aus Lebensmittelpakete zu den Haushalten gebracht werden) eingesetzt oder für die Ausstattung eines Computersaales für Schüler/innen.

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Die Ecuador-Partnerschaft

Seit 59 Jahren unterhält die Erzdiözese partnerschaftliche Beziehungen mit der Katholischen Kirche Ecuadors und kann auf eine lebendige Geschichte zurückblicken. Diözesanrat, Kolping, Landvolk und über 50 Pfarreien und Gruppen pflegen durch verschiedene Aktivitäten den Austausch mit den jeweiligen Partnerorganisationen. Das "junge Gesicht" der Partnerschaft vertreten durch den BDKJ und auf ecuadorianischer Seite die PJN trifft sich ebenso regelmäßig hier wie dort im Rahmen des "AK Amistad". Mehr ...

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