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Ecuador: zwischen Gesundheitsnotstand und Ölpest Erzbistum München und Freising schnürt Zwei-Millionen-Euro-Hilfspaket

Bildmotiv: Ansicht Quito
Panoramaansicht von Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Die Coronapandemie und eine ökologische Katastrophe bringen die Bevölkerung des ganzen Landes an die Grenzen der Existenz.
Mit einem zwei Millionen Euro umfassenden Paket aus Hilfsfonds im Bereich Gesundheit, Bildung und karitative Hilfen und einem Corona-Nothilfefonds unterstützt das Erzbistum München und Freising das von der Pandemie schwer betroffene Partnerland Ecuador.

Die Menschen in Ecuador haben sich eingerichtet, in der Coronakrise. „Quédate en casa“: „Bleib zu Hause“, hört man aber immer seltener. Durch die strengen Ausgangssperren der vergangenen Wochen ist für viele ein Großteil der Einnahmequellen weggebrochen. Die Menschen müssen aber nach draußen, auf die Straße, wo sie sich ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner, als Händler, als Schuhputzer oder als Sammler von Recycling-Materialien verdienen. Nachts fahren jetzt auch wieder Autos, was in den ersten Wochen nicht zu beobachten war. Wer einen Passierschein hat, weil er z.B. Bananen oder Gemüse transportieren muss, wird von der Polizei und dem Militär nicht aufgehalten. An den Eingängen der Supermärkte stehen Desinfektionsmittel, es gibt Schleusen, wo Fieber gemessen wird und Markierungen auf dem Boden zeigen, wo man warten oder laufen darf. Gesichtsmasken werden fast an jeder Ecke feilgeboten. „Es sind so viele, dass zu fürchten ist, dass die Händler nach der Coronapandemie darauf sitzen bleiben“, sagt Markus Linsler, der die ecuadorianischen Diözesen bei Sozialprojekten berät. Die Preise für Lebensmittel sind in den vergangenen Wochen gestiegen.

„Seit der Coronapandemie gibt es plötzlich viele Bettler auf den Straßen, die konkret um Geld für Essen bitten, was man bisher so nicht gesehen hat“, erzählt Markus Linsler. „Es sind viele ältere Menschen darunter, aber auch Flüchtlinge aus Venezuela, junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die in den letzten Wochen keinerlei Unterstützung hatten. Bisher haben die Menschen auf sehr kreative Weise versucht, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Was aber, wenn die Zahl der Bedürftigen steigt und nicht jeder genug für seinen täglichen Bedarf erbetteln kann? Dann ist zu befürchten, dass die Kriminalitätsrate sprunghaft steigt“.

Lohnkürzungen und Angst vor Arbeitslosigkeit

Bildmotiv: Mann verpackt Bananen
Ecuador spart, Staatsunternehmen sollen geschlossen werden. Gehälter werden gekürzt, es droht hohe Arbeitslosigkeit.
Um die Staatsausgaben zu senken, fährt Ecuadors Präsident Lenín Moreno einen strikten Sparkurs durch die Reduzierung des Staatssektors und die Kürzung von Löhnen und Gehältern. Im öffentlichen Dienst wurde die Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden reduziert und die Gehälter bis zu 16,6 Prozent gekürzt. Von diesen Maßnahmen ausgenommen sind nur Ärzte, Polizisten und Soldaten. Sieben Staatsunternehmen sollen geschlossen, weitere privatisiert oder zusammengelegt werden, darunter auch die Post und die Fluglinie TAME. Arbeitnehmergesetze werden, was den privaten Sektor angeht, vielfach nicht mehr eingehalten. Einige Unternehmen haben die Löhne hier sogar bis um 25 Prozent gekürzt. Viele Geschäfte und Restaurants wurden während der strengen Ausgangsregelungen aufgegeben und stehen jetzt leer. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit ist groß. Allerdings regt sich auch Unmut über die von der Regierung beschlossene Kürzung der Gehälter. In den großen Städten wie in Quito, gehen die Menschen inzwischen auf die Straße und demonstrieren.  Pfarrer Martin Schlachtbauer, der seit 20 Jahren die Erzdiözese München und Freising in Quito vertritt, fürchtet, dass es in Zukunft zu Unruhen kommen könnte, wie im Oktober 2019, wo es zu einem Generalstreik und Protesten wegen der hohen Dieselpreise kam. Die Angst vor der Pandemie werde von der Regierung schamlos ausgenutzt, um Maßnahmen durchzusetzen, die 2018 schon beschlossen worden waren und wogegen sich die Bevölkerung derzeit nicht wehren könne, sagt er. Als größtes Übel bezeichnet der bayerische Pfarrer aber die allgegenwärtige Korruption, die gerade am Anfang der Pandemie spürbar wurde.

"Der gesamte Bildungssektor funktioniert derzeit nur virtuell"

Bildmotiv: Jugendliche mit Tablet
PCs und Laptops werden dringend gebraucht, um den schulischen Unterricht weiterführen zu können.
Angie Alcívar beobachtet von ihrem Fenster aus dem 7. Stock ihres Wohnhauses jetzt häufiger Überfälle auf dem Parkplatz gegenüber. Die 31-Jährige, die bei der ecuadorianischen Bischofskonferenz für die Partnerschaft mit der Erzdiözese München und Freising arbeitet, hat zunehmend Angst auf die Straße zu gehen. „Zum Einkaufen muss ich aber manchmal das Haus verlassen“, sagt Angie Alcívar, die derzeit im Homeoffice arbeitet und ihre neunjährige Tochter Camila betreut. Die Schule der Salesianer, auf die ihre Tochter geht, ist derzeit geschlossen, ein bereits zugesagtes Schulstipendium gecancelt. Der Unterricht ist jetzt online. So sitzt Camila von morgens 7.00 Uhr bis ca. 13.00 Uhr am Computer. Ihre Freundinnen und Freunde hat sie seit Wochen nicht mehr gesehen, deshalb spielt ihre Mutter mit ihr auf der kleinen Dachterrasse Basketball. Es ist die einzige Abwechslung, denn Angie Alcívar möchte nicht, dass Camila alleine auf die Straße geht.

Bis zum Ende des Schuljahres wird der Unterricht nur virtuell durchgeführt. Für viele Schulen stellt das eine enorme Herausforderung dar. An der Bistumsschule in Puyo, an der Schüler verschiedener indigener Gruppen gemeinsam lernen, stellt sich die Frage, wie das Schuljahr virtuell überhaupt beendet werden kann. Denn die Schülerinnen und Schüler aus den umliegenden Orten der Provinzstadt Puyo verfügen weder über ein modernes Smartphone noch über eine notwendige Internetverbindung. Der Schulbesuch ist nur in staatlichen Schulen kostenlos. Allerdings werden rund 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Ecuador an katholischen Schulen unterrichtet. Viele Eltern sind aber nicht in der Lage, das Schulgeld zu zahlen. „Außerdem stehen seit drei Jahren zugesagte Transferleistungen des Staates an verschiedene Diözesen in Ecuador immer noch aus“, kritisiert Markus Linsler, „viele kirchliche Schulen und damit auch die Diözesen stehen seit Jahren finanziell unter Druck.“ In mehreren Schulen wurde in den vergangenen Wochen eingebrochen und Computer und andere Gegenstände entwendet. Jetzt müssen Alarmanlagen angeschafft werden. „Es wird viel darüber geredet, wie es nach der Coronapandemie weitergeht. Nur an die Situation der jungen Menschen wird wenig gedacht. Dabei ist der Großteil der Bevölkerung sehr jung“, so Markus Linsler, „der gesamte Bildungssektor funktioniert, wenn überhaupt, derzeit nur virtuell und darin liegt die Schwierigkeit. Viele Kinder der indigenen Bevölkerung haben in ihrem Gebiet überhaupt  kein Internet oder besitzen keinen PC oder Laptop. Von Bildungschancen werden sie so abgeschnitten“.

Unterstützung regionaler Gesundheitsstationen und Lebensmittelspenden

Bildmotiv: Frau rreicht Maisfladen weiter
Die Einwohner sind dankbar für Lebensmittelspenden und finanzielle Zuschüsse für die gesundheitliche Versorgung.
Von offizieller Seite werden derzeit 39.098 an COVID-19 bestätigte Fälle angegeben (31.05.2020), davon sind 3358 bestätigte COVID-19-Todesfälle, weitere 2154 registrierte mögliche Todesfälle aufgrund COVID-19 und 3900 von der Krankheit Genesene. Doch die Tests sind unzuverlässig. „Wer an einem Tag positiv getestet ist, kann am nächsten Tag wieder negativ sein und umgekehrt. Das sorgt bei den Familien für große Aufregung.“ Pfarrer Martin Schlachtbauer kennt Familien, in denen es drei bis vier Corona-Erkrankte gibt und versucht sie, so gut es in dieser Zeit geht, zu unterstützen.  

Erleichtert ist er, dass die vom Erzbistum München und Freising angewiesene Summe von über einer Million Euro bereits in Ecuador angekommen ist. „Fast alle 24 Diözesen haben das Geld inzwischen abgerufen“ erzählt er. Von dem Geld aus dem Notfallfonds werden auch weiterhin Lebensmittelpakete für die Bevölkerung finanziert. Für die regionalen Gesundheitsstationen der Kirche sind ausreichend Schutzkleidung und Atemmasken vorhanden und werden weiterhin angeschafft. Langsam öffnen die Kirchen ihre Türen wieder. In den letzten Wochen fanden keine Gottesdienste statt. So hatten die Pfarreien auch keine Einnahmen aus den Kollekten. „Mehr denn je brauchen die Menschen jetzt vor allem eine seelsorgliche und psychologische Unterstützung. Doch dafür brauchen wir auch finanzielle Mittel“, sagt Pfarrer Schlachtbauer. „Es ist die Aufgabe der Kirche, den Menschen in dieser schwierigen Situation beizustehen, denn die Krise trifft vor allem die Ärmsten der Armen am härtesten“.

Umweltkatastrophe durch erdölverseuchtes Wasser trifft Indigene

Bildmotiv: Wasserfall
Eine ökologische Katastrophe bedroht das Leben der Indigenen. Die Lebensgrundlage Wasser ist erdölverseucht.
In Ecuador hat die Coronapandemie längst auch die Gebiete der Indigenen erreicht. „Man hat uns vergessen“ klagt die 24-jährige Lucy, die bei Puyo in einem Naporuñadorf lebt. Zu Beginn sind viele Indigene aus Guayaquil, der Küstenstadt, in der das Coronavirus besonders erbarmungslos wütete, in ihre Ursprungsdörfer zurückgekehrt. Wie viele der Menschen in den abgeriegelten Gebieten an dem neuartigen Coronavirus erkrankt sind, lässt sich nur schwer schätzen. Viele Indigene sind in die Berge oder in schwer unzugängliche Gebiete geflüchtet. Viele tragen eine Gesichtsmaske, behandeln Symptome mit Kräutern und Wurzeln und versuchen, so gut es geht, sich vor dem Coronavirus zu schützen. Das ist jedoch nur bedingt möglich, seitdem viele kein sauberes Wasser mehr haben. Anfang April hat sich hier eine von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkte, ökologische Tragödie abgespielt. In der Provinz Orellana sind die zwei größten Ölpipelines nach Erdrutschen am Vulkan Reventador gebrochen. Tagelang ist das Erdöl ungehindert in den Fluss Coca geflossen, einer der Hauptwasseradern im Amazonasbecken. Seitdem ist das Trinkwasser der Stadt Coca vergiftet, die Menschen werden hier mithilfe von Tankwagen mit Trinkwasser versorgt. Das erdölverseuchte Wasser ist auch in den Río Napo geflossen, durch die Felder und Wälder der Naporuña nach Peru und in den großen Amazonas hinein. Das Baden im Napofluss ist nicht mehr möglich. Für viele Indigene ist das jedoch die einzige Möglichkeit, überhaupt an Wasser zu kommen. Die Fische und das Wild wurden getötet. Das erdölverseuchte Wasser vernichtet auch die Ernte der Naporuña auf den Feldern, wie Bananen, Yuka und Kakao. Da das verseuchte Erdreich nicht abgetragen wird, erkranken viele Indigene an den Folgen dieser Umweltkatastrophe. Es wird ein Lebensraum zerstört, der mit seiner Artenvielfalt sicher einzigartig ist.
Text: Dr. Patrizia Wackers

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Seit 59 Jahren unterhält die Erzdiözese partnerschaftliche Beziehungen mit der Katholischen Kirche Ecuadors und kann auf eine lebendige Geschichte zurückblicken. Diözesanrat, Kolping, Landvolk und über 50 Pfarreien und Gruppen pflegen durch verschiedene Aktivitäten den Austausch mit den jeweiligen Partnerorganisationen. Das "junge Gesicht" der Partnerschaft vertreten durch den BDKJ und auf ecuadorianischer Seite die PJN trifft sich ebenso regelmäßig hier wie dort im Rahmen des "AK Amistad". Mehr ...

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