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Wie Vera ihr inneres „Geheimnis“ wiederfand

Seit vier Jahren pflegt Vera ihren Mann Klaus. Er leidet an Alzheimer-Demenz, die Krankheit ist bereits im fortgeschrittenen Stadium. Die tägliche Pflege zermürbt sie. Ein Aushang in ihrer Gemeinde lässt sie neue Hoffnung schöpfen.
Klaus lebt schon länger in einer anderen Welt. Vergangenheit und Gegenwart sind dort eins geworden. Nur selten erkennt er noch Verwandte und Freunde, das Sprechen fällt ihm schwer, um sich selbst kann er sich schon länger nicht mehr kümmern. Vera muss 24 Stunden am Tag für ihn sorgen und ist dabei weitgehend auf sich allein gestellt. Längst hat sie seine frühere Rolle in der Ehe übernommen und muss sich um Dinge wie Reparaturen, Tanken oder Bankgeschäfte kümmern, die früher immer er erledigt hat. Sich mit ihren Freundinnen spontan zum Kaffeetrinken zu verabreden, ist nicht mehr möglich. Das alles belastet sie. Dazu kommt eine große Traurigkeit über den Verlust des geliebten Mannes, der zwar noch am Leben, aber nicht mehr der Mensch von früher ist. Damit klarzukommen kostet sie viel Kraft, zumal diese Trauer von ihrem Umfeld nicht wirklich wahrgenommen wird. „Der Mann lebt ja noch“, denken viele.  
 
Als in ihrer Gemeinde ein IKS-Kurs für die spirituelle Begleitung von Menschen mit Demenz angeboten wird, geht sie hin. Sie hofft, mit Gottes Hilfe neue Kraft schöpfen, die Herausforderungen der Pflege besser bewältigen und die Krankheit am Ende sogar akzeptieren zu können. Wenn vieles andere nicht mehr so wichtig erscheint, könnte die Religion ein Anker in der Erkrankung ihres Mannes werden. Das Leben würde wieder einen Sinn ergeben, sie selbst würde sich wieder lebendiger fühlen. Zu den Treffen kann sie ihren Mann sogar mitnehmen. Er wird dort kostenfrei betreut.
hände älterer frau halten hand pflegebedürftigen mannes
Die Herausforderungen der Pflege demenzkranker Partner besser bewältigen lernen, dabei unterstützen die IKS-Kurse. (Foto: imago / Martin Wagner)

Ein neues Schulungsmodell dient als Grundlage für die Treffen

Die Mitarbeiterin der Gemeinde führt den Kurs auf Basis der Empfehlungen von Dr. Maria Kotulek durch, Pastoralreferentin im Erzbischöflichen Ordinariat München. 2017 Jahr hat sie ein Schulungsmodell* veröffentlicht, das bei der Vorbereitung und Durchführung solcher ökumenisch ausgerichteten Gruppentreffen helfen soll. Neben der Klärung organisatorischer und gestalterischer Fragen sind darin die Abläufe der einzelnen Treffen ausführlich dargestellt, einschließlich des Gottesdienstes zum Abschluss des Kurses.
 
Beim ersten Treffen der Gruppe vergleicht die Leiterin die Demenz mit einer Lebensbibliothek, die durcheinandergeraten sei. „Welches Buch können Sie gerade mit ihren Angehörigen schreiben?“, fragt sie in die Runde. „Welches hätten sie gern geschrieben, können es aber nicht mehr?“ Vera denkt an die vielen Länder, die sie und Klaus noch bereisen wollten. Diese Bücher hätten einen ganzen Regalmeter füllen können! Als sie in der Runde davon erzählt, erhält sie viel Zuspruch von den anderen. Am Ende beten sie gemeinsam: „Guter Gott. Es fällt uns so schwer, uns zu verabschieden. Von den Lebensbüchern, die wir noch schreiben wollten. Von einem Menschen, der mehr und mehr in einer anderen Welt lebt. Sei bei unseren erkrankten Angehörigen und sei bei uns und allen Menschen, die jemanden pflegen. Schenke uns deine Nähe, deine Kraft und immer wieder lichte Momente mit unseren Lieben.“

Neues Buch: „Menschen mit Demenz spirituell begleiten“

Vera geht mit einem richtig guten Gefühl nach Hause und freut sich auf das nächste Treffen. Im gerade erschienenen neuen Buch von Dr. Maria Kotulek, „Menschen mit Demenz spirituell begleiten“**, möchte sie das Erlebte weiter vertiefen. Neben zahlreichen Beispielen für eine spirituelle und religiöse Begleitung von Menschen mit Demenz (gemeinsames Beten, Singen von Gotteslobliedern) werden darin auch verschiedene Kommunikationsmethoden für den Umgang mit demenziell veränderten Menschen vorgestellt.
 
Eines der vielen Beispiele darin gefällt Vera besonders gut. Es hilft ihr, so manche Äußerung von Klaus besser einordnen zu können. Auch hier sind es Bücher, die das Verständnis erleichtern sollen. Demnach sammeln Menschen ihre Erfahrungen und Eindrücke ihres Lebens wie in Büchern. Wenn eine Person 70 Jahre alt sei und dement werde, heißt es da, fallen die Bände von hinten langsam herunter (70, 69, 68 …). Irgendwann fühle sich dieser Mensch dann vielleicht als 15-Jähriger. Das erkläre manche Äußerung, die für das Umfeld oft unverständlich bleiben („Ich habe keine Tochter. Ich kenne dich nicht. Wer bist du?“). Im Kontext der heruntergefallenen Bücher wird die Äußerung wieder verständlich.
ältere Frau spielt mit älterem demenzkranken mann
Im Kurs lernt man die Krankheit Demenz besser verstehen. Das macht auch den Umgang mit betroffenen Angehörigen leichter. (Foto: imago / epd)

Vera versucht, die Spiritualität in den Pflegealltag zu integrieren

Vera geht gern zu den Treffen und hat sich mit einigen Teilnehmern sogar angefreundet. Die gemeinsame Erfahrung schweißt sie zusammen, gegenseitig spenden sie sich Trost. Eine Frau hat ihr davon erzählt, wie sie versucht, die Spiritualität sogar in den Pflegealltag zu integrieren, wie es auch Dr. Maria Kotulek in ihrem Buch beschreibt. Als Vera es selbst ausprobiert, staunt sie, was alles noch möglich ist und wie sich dadurch auch das Verhältnis zu Klaus verändert hat. Ihr gelingt es jetzt immer öfter, ihrem Mann Dinge zu ermöglichen, die er noch tun kann und in denen er Erfolg erlebt.
 
Auch wenn sie sich keine glücklichen Lebensereignisse mehr gemeinsam ins Gedächtnis rufen können, weil die Krankheit bereits zu weit fortgeschritten ist, singt sie Klaus jetzt regelmäßig aus dem Gotteslob und bekannte Volkslieder vor. Es überrascht sie immer wieder, welche Emotionen die Musik bei Klaus auslöst und damit verbundene Erinnerungen und Erfahrungen anspricht. Sie hat ihm sogar eine Trommel besorgt, mit der er einige Lieder begleiten kann. In besonders lichten Momenten bewegt er sich im Sitzen zur Musik leicht hin und her. Auch er scheint sich dann richtig lebendig zu fühlen. Selbst zum Lachen hat sie ihn gebracht, als sie ihm einen Jux-Artikel in die Hand gedrückt hat, den er schon als Kind lustig fand.

Sie spürt ihr „Geheimnis“ und die Nähe zu Gott jetzt auch im Alltag

Das Wichtigste für Vera ist jedoch, dass sich auch ihre innere Haltung durch den Kurs und die wiedergefundene Spiritualität verändert hat. Die Treffen haben ihr vor Augen geführt, dass jeder Mensch einen unergründbaren Mehrwert hat, ein „Geheimnis“. Sie spürt ihr „Geheimnis“ auch im Alltag wieder viel deutlicher als früher. Durch ihren Glauben fühlt sie sich wie verwandelt und deutlich stärker als zuvor. Sie ist nicht allein! Jetzt hofft sie, dieses „Geheimnis“ auch bei Klaus wiederfinden zu können. Denn sie weiß: Er hat es wie alle Menschen schon immer in sich getragen und wird es niemals verlieren.
     
*Dr. Maria Kotulek, „Seelsorge für Angehörige von Menschen mit Demenz“, Vandenhoeck & Ruprecht, 2017
 
**Dr. Maria Kotulek, „Menschen mit Demenz spirituell begleiten“, Schwabenverlag, 2018


Text: Christian Horwedel

Demenz
Schrammerstr. 3
80333 München
Telefon: 089 2137-4306
MKotulek(at)eomuc.de
Fachreferentin:
Dr. Maria Kotulek, Pastoralreferentin

Neuer Kurs in Pullach

Im Januar 2019 startet in Pullach ein neuer Kurs für Angehörige von Menschen mit Demenz. Im Flyer erfahren Sie mehr.

Informationen zu den IKS-Kursen

Im Interview klärt Dr. Maria Kotulek über Inhalte und Motivation der IKS-Kurse auf. Hier erfahren Sie mehr...