Die Klage ins Wort bringen Ludwig Schmidinger, Seelsorger an der KZ-Gedenkstätte Dachau, geht in Ruhestand. Ein Besuch

Ludwig Schmidinger, Seelsorger an der KZ Gedenkstätte Dachau
Ludwig Schmidinger blickt auf mehr als 13 Jahre Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau zurück.
Der Arbeitsplatz von Ludwig Schmidinger ist einer der außergewöhnlichsten, die ein Pastoralreferent haben kann. Einer, den man sich internationaler, abwechslungsreicher, aber auch anspruchsvoller kaum vorstellen kann. Die Rede ist von der katholischen Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau. Seit 2008 hat Schmidinger sie geleitet, nun geht er in Ruhestand.
 
Rund eine Million Menschen besuchen die Gedenkstätte jährlich, aber sie alle kommen, um bald wieder zu gehen. Nur die Schwestern im Kloster Karmel Heilig Blut, das sich nördlich an die Lagermauern anschließt, sind noch da, wenn um 17 Uhr die Tore geschlossen werden. Wie funktioniert Seelsorge an einem Ort, wo niemand wohnt? „Einfach da sein für die Menschen“, sagt Schmidinger und erzählt von den Besuchern aus aller Herren Länder. Viele, die einen Rundgang über das weitläufige Gelände unternehmen, hätten nach den gesammelten Eindrücken das Bedürfnis nach einem Gebet und müssten „irgendwo hin mit ihren Fragen und Gefühlen“. In der katholischen Todesangst-Christi-Kapelle fänden sie einen Ort zum Innehalten, berichtet Schmidinger.
 
Ludwig Schmidinger, Seelsorger an der KZ Gedenkstätte Dachau
Oft war Ludwig Schmidinger in der Todesangst-Christi-Kapelle und im Karmel Heilig Blut im Einsatz.
Da sein für die Menschen
 
Zu seinem Aufgabenbereich gehörten auch Führungen für Schulen und Besuchergruppen sowie Veranstaltungen zur Fort- und Erwachsenenbildung. Als Seelsorger sei ihm dabei ein Anliegen gewesen, mehr als nur die historische Dimension der Geschehnisse im 1933 errichteten ersten Konzentrationslager zu beleuchten, sondern auch „Ansätze einer Deutung“ und „eine Perspektive“ mitzugeben. Das können freilich keine einfachen Antworten sein – zu verstörend und schwer fassbar sind die Verbrechen, an die in der Gedenkstätte erinnert wird. Aber im Gespräch mit Schmidinger wird erahnbar, was der christliche Glaube an diesem neuralgischen Punkt bieten kann: eine Fläche, auf die man seine zunächst oft unaussprechlichen Fragen und Gefühle legen darf. „Klage und Trauer ins Wort bringen, auch das ist eine Form von Seelsorge“, erklärt Schmidinger.
 
Kein Wunder, dass die Arbeit nicht immer einfach war. Noch nach Jahren stelle sich auch ihm immer wieder die Frage, wie Gott so viel Leid habe zulassen können – doch diese Frage sei wohl falsch gestellt, Gott sei kein Puppenspieler oder Strippenzieher, der einfach nur eingreifen hätte müssen, denkt Schmidinger laut nach. Oft habe er selbst im Kloster Karmel einen Anlaufpunkt für die eigenen Sorgen gefunden und räumt ein: „Alleine würde man es hier nicht aushalten.“ Nur durch menschliches Miteinander sei es möglich gewesen, die Seelsorgearbeit zu bewältigen – mit engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit den Schwestern im Karmel und vor allem mit den evangelischen Kollegen. Die Zusammenarbeit über Konfessionsgrenzen hinweg zählt Schmidinger zu den schönsten Seiten seiner Tätigkeit. „Dachau ist ein ökumenischer Ort“, findet er.
 
Baracken im KZ Dachau
Jede Häftlingsbaracke, in der Lagersprache auch „Block“ genannt, gliederte sich in vier „Stuben“. Diese bestanden aus einem Wohnraum sowie einem Schlafraum mit hölzernen Doppelstockbetten.
Begegnungen mit ehemaligen KZ-Häftlingen
 
Ein großer Lichtblick seien auch immer die Begegnungen mit ehemaligen KZ-Häftlingen gewesen, oftmals im Rahmen eines von ihm organisierten Zeitzeugengesprächs. Viele, erzählt Schmidinger mit Bewunderung, seien mit einem inneren Frieden und ohne Hassgefühle nach Dachau gekommen oder hätten sich sogar geradezu überschwänglich für die Einladung bedankt.
 
Im Gespräch mit Schmidinger fällt auf, dass er auch nach zwei Stunden noch immer nicht über die Täter und ihre Taten spricht, sondern nur über Persönlichkeiten, die das KZ Dachau erlebt und überlebt haben – oder darin zu Märtyrern wurden. „Der Ort ist wie ein Vergrößerungsglas für die Frage, wie der Mensch ist – im Schlimmsten wie im Besten“, ist der Seelsorger überzeugt. Nachdenklich blickt er sich in der Todesangst-Christi-Kapelle um, in der er zum 61. Weihejubiläum kommende Woche ein letztes Mal als Gedenkstättenseelsorger eine Andacht halten wird. Und fragt: „Wenn die Steine stellvertretend für die Häftlinge reden könnten, was würden wir hören?“
 
Text: Joachim Burghardt, MK-Redakteur, Juli 2021