Die Armen Seelen im Fegefeuer Darstellungen im Purgatoriumsschrein von St. Georg, Hebertshausen und in Karnernische von St. Martin, Buch am Buchrain

Als Fegefeuer, lat. Purgatorium, bezeichnet man den Zwischenzustand der Seelen nach dem Tode, die, weder verdammt noch ohne Sühneschuld, ihre endgültige Läuterung erwarten. Die Hl. Schrift nennt zwar das Fegefeuer nicht explizit, macht aber Hinweise darauf und die Kirchenväter bezeugten diese Lehre. So wurde das Fegefeuer vom 1. und 2. Konzil von Lyon (1245 und 1274) zur Glaubenslehre erklärt und zahlreiche Heiligenvisionen, darunter auch eine der Hildegard von Bingen, berichten über den Zustand der dort verharrenden Seelen.
 
Die mittelalterliche Theologie nahm an, dass sich dieser Ort der Sühne im Inneren der Erde befindet, Dante dagegen verortete ihn auf einen hohen Berg. Bildlich dargestellt werden die Seelen in der Regel durch nackte Menschengestalten, die Pein des Fegefeuers wird durch lodernde Flammen veranschaulicht.
Hebertshausen, St. Georg, Purgatoriumsschrein, neue Arme-Seelen-Bilder
Hebertshausen, St. Georg, Purgatoriumsschrein, neue Arme-Seelen-Bilder
Die seit dem 14. Jahrhundert in Deutschland erhaltenden Darstellungen, die in barocker Zeit die weiteste Verbreitung erreichten, zeigen eindrücklich den Wunsch, auch Sündern und in Sünden Verstorbenen einen Weg zur Seligkeit offenzuhalten und zugleich wurde es durch diese Vorstellung den Lebenden ermöglicht, durch Gebet und Opfer einen Ablass ihrer Sündenstrafen zu erwirken. Arme-Seelen-Darstellungen kommen deshalb insbesondere im Zusammenhang mit dem Totengedenken vor und schmücken Karnernischen, also Nischen zur Lagerung der Gebeine, und Friedhofskapellen. Aber auch an Altären sind sie in der unteren Zone zu sehen, darüber zumeist Christus, auch die Hl. Dreifaltigkeit, Maria, Heilige und Engel als Quellen der Gnade, die um die Errettung aus dem Feuer angebetet werden.
 
Zahlreiche Arme-Seelen-Darstellungen sind auch in der Erzdiözese zu finden, zwei sollen hier exemplarisch vorgestellt werden. Die Nebenkirche St. Georg in Hebertshausen besitzt seit kurzem einen neu geschaffenen Purgatoriumsschrein und in St. Martin in Buch am Buchrain befindet sich eine kunstvoll bemalte Karnernische.

Der Purgatoriumsschrein der Nebenkirche St. Georg in Hebertshausen

An der Choraußenwand der jüngst restaurierten Nebenkirche St. Georg in Hebertshausen hängt ein hölzerner, verschließbarer Schrein, der an den Tagen des Arme-Seelen-Gedenken geöffnet wird. Dann zeigt der hochrechteckige Schrein eine bemalte Blechtafel, die dem ausgehenden 19. Jahrhundert entstammt. Mittig steht Christus am Kreuz auf einer Wolke, während zu seiner Linken der hl. Josef als Patron für einen guten Tod und zu seiner Rechten die hl. Barbara als Beschützerin vor einem jähem Tod bei ihm knien, um den Gläubigen als Fürbitter zu dienen. Beide sind durch Attribute ausgezeichnet: Josef trägt die Lilien der Reinheit bei sich und Barbara Turm und Kelch. Darunter tut sich das Fegefeuer auf und zwei Engel an den Seiten sind gerade dabei, die Seelen zu erretten, denn: „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand und keine Qual kann Sie berühren“ (Weish 3,1), so wie auf dem Schild unter dem Schrein zu lesen ist. Darunter wiederum befindet sich ein Gitterfenster, in dem zwei neu geschaffene Bilder mit Armen Seelen stehen, die noch auf ihre Errettung warten. Sie können dem Fenster entnommen werden und sollen zukünftig an Allerseelen andernorts aufgestellt werden.
 
So fügt sich dieser Schrein in das tradierte und neu konzipierte Gesamtareal mit Kirche, Friedhof, Aussegnungshalle und Kalvarienberg als Ort für Gebet, Feier und Gedenken, der hier in exponierter Lage auf der steil abfallenden Hangkante in Hebertshausen in enger Zusammenarbeit mit der politischen Gemeinde neu belebt werden konnte. Zugleich ist er ein erhebender Ort, der nicht zuletzt durch die farbigen Glasfenster des Künstlers Jerry Zeniuk und den dadurch geschaffenen Farbraum im Kircheninneren den Besucher mit reich erfülltem Herzen in die Welt entlässt und den Glauben an die Auferstehung nährt.
 

Die Karnernische in der Pfarrkirche St. Martin in Buch am Buchrain

Im Vorhaus der spätgotischen und barock überarbeiteten Pfarrkirche St. Martin befindet sich an der Westwand eine Karnernische, die besonders kunstfertig und ikonographisch wertvoll ausgemalt ist. Die barocken Gemälde stammen von Franz Albert Aiglstorffer und seinem Sohn Joseph aus Wartenberg.

Die überwölbte Nische zeigt an allen drei Seiten Bemalungen, die sich auf das Totengedenken, den Tod und die Vergänglichkeit beziehen. An der Westwand, als Hauptbild, ist der so genannte Gnadenbrunnen zu sehen. Christus als Schmerzensmann steht inmitten eines Brunnenbeckens, das auf einer Wolkenbank lagert, und aus seinen Wunden fließt Blut, sodass das Becken überläuft und die Armen Seelen, die darunter zu sehen sind, vom Blut benetzt werden. Das Motiv des Brunnens ist nahezu so alt wie die Christenheit, er spendet in jeder Epoche Leben. Als Gnadenbrunnen, der seit dem Spätmittelalter zu finden ist, hat er dieselbe Aufgabe: das Blut Christi als Elixier des Lebens, das die Armen Seelen aus dem Fegefeuer holt und zur Erlösung hinführt. Das Spruchbandband darüber kündet von der Verehrung der Wunden Christi und gibt zugleich den Anreiz zum Gebet:
 
„Euch Heilig Wunden Grüss ich von Herzen / durch bohrt Mit Nägl, Ach Gröster Schmertzen /
Ihr Seyt Als Rosen g’färbt mit Mut / und Rinnet Stets Nur Uns zu Güt.“ //
„betracht Mein Künd in Dißer Pein / Sitzen Villeicht Die Eltern Dein / Wan Du für Sie Würst lüsstig betten / kanst Herauf Gar leicht Errethen.“ //
 
An den Seiten sind in zwei Registern übereinander weitere vier Gemälde mit Spruchbändern zu sehen die sich auf Vergänglichkeit und Tod beziehen. Im Zentrum liegt stets der Totenschädel, an der Südwand mit Standessymbolen und der welkenden Rose und im Norden mit der abgelaufenen Sanduhr und der gebrochenen Kerze.
 
Die so genannten Vanitas-Symbole, also Symbole für Vergänglichkeit und Tod, waren in barocker Zeit besonders häufig und sind vielerorts an Grab- und Gedenksteinen zu entdecken. Die Karnernische in Buch am Buchrain ist ein besonders schönes Beispiel barocken Totengedenkens.
Text: Dr. Martina Außermeier, HA Kunst

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