Angebote der Männerseelsorge Sich selbst und dem Geheimnis Gottes auf der Spur

Portrait freundlicher älterer Mann
Männerseelsorge: Männer begleiten auf ihrem Weg der Umbrüche und neuen Herausforderungen (Bild: unsplash / Gus Moretta)
Glauben Männer anders? Im Interview mit der Münchner Kirchenzeitung verrät Ernst Würschinger, seit zwölf Jahren Leiter der Männerseelsorge im Erzbistum München und Freising, wie sich für Männer der Zugang zum eigenen Glauben verändert hat und wie es dem Fachbereich gelingt, Männer auf ihrem persönlichen Lebensweg zu begleiten.
Münchner Kirchenzeitung (MK): Herr Würschinger, warum braucht es eine eigene Männerseelsorge?
Ernst Würschinger: Nach der Emanzipation der Frauen und der Veränderung ihrer Rolle war klar, dass diese Entwicklung auch Auswirkungen auf die Männer haben würde und dass es wichtig ist, Männer aus seelsorglicher Sicht auf dem Weg des Umbruchs zu begleiten. Denn es gibt auch bei den Männern keine klaren Rollenbilder mehr. Das Verständnis vom Mann- oder Vatersein hat sich verändert. Und in dieser noch andauernden Aufbruchssituation möchten eben auch Männer von der Kirche begleitet werden.

MK: Wie ist die Männerseelsorge entstanden?
Ernst Würschinger: Ganz praktisch ist es damals so gekommen, dass ich von meiner Frau gefragt wurde, ob ich nicht einmal ein Männerseminar anbieten wolle, vielleicht für Väter mit Kindern. Das habe ich dann gemacht und festgestellt, dass es von Anfang an ein großer Renner war. Diese Wochenenden haben sich schließlich vermehrt und ich wurde gefragt, ob ich das nicht für die ganze Erzdiözese machen wolle. Ich habe im Laufe meiner Arbeit festgestellt, dass sich, wenn Männer unter sich sind, eine ganz eigene Dynamik entwickelt und dass eine große Kraft von diesen Treffen ausgeht. So war der Weg zur Männerseelsorge nicht mehr weit.
MK: Was genau macht die Männerseelsorge?
Ernst Würschinger: Wir beobachten erst einmal, wie es den Männern heutzutage geht – über gesellschaftliche Entwicklungen, weltweite Studien und natürlich auch Erfahrungen, die wir in unserer Arbeit machen. Darauf versuchen wir mit unserem Angebot zu reagieren und Seminare anzubieten, in denen Männer ihr eigenes Männer-Dasein in den Blick nehmen können. Wir bringen sie außerdem in Kontakt mit der christlichen Weisheit, dem christlichen Menschenbild sowie mit psychologischen Erkenntnissen. Darüber hinaus begleiten wir auch immer wieder Gruppen, vor allem in der Arbeit mit Vätern, die in Trennungssituationen leben und ganz besonders Unterstützung brauchen.

MK: Welche Schwerpunkte hat die Arbeit der Männerseelsorge?
Ernst Würschinger: Wir sind in der katholischen Männerarbeit sehr biografieorientiert und begleiten die Männer daher in ihrer jeweiligen Lebenssituation. Früher hat man den Männern gesagt, was sie tun sollen. Diese Zeit ist vorbei. Männer wollen sich nicht belehren lassen, Männer möchten begleitet werden und sich untereinander solidarisch austauschen über ihre Fragen und Themen. Das beginnt mit dem Vaterwerden, geht über die berühmte zweite Lebenshälfte für Männer zwischen 45 und 50. Dann folgt die dritte Lebensphase bis hin zur vierten, wo man sich dann wirklich bewusst zusammensetzt und schaut, wie wird’s denn mit dem Älterwerden, wenn ich meine körperlichen Grenzen spüre, die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit.
MK: Wie sieht das Angebot der Männerseelsorge konkret aus – vielleicht an einem Beispiel?
Ernst Würschinger: Ein aktuelles Beispiel wäre das Seminar „Das Beste kommt noch – älter werden in Gelassenheit“. Jedes, dieser Seminare, ist immer ausgebucht. Das Älterwerden fühlt sich für Männer anders an als für Frauen. Gerade wenn sie noch voll in der Arbeit waren, bedeutet es einen großen Umbruch, wenn die Arbeit wegfällt. Das hat Auswirkungen auf die Identität der Männer. Sie müssen sich an ganz neue Situationen gewöhnen, müssen häufig neue Kontakte suchen, müssen versuchen, die Zeit sinnvoll zu nutzen, die ihnen gegeben ist. Und sie bekommen nicht mehr die Bestätigung, die sie im Beruf hatten. Da lohnt es sich, genau hinzuschauen, wie die Zeit nach dem Beruf werden wird. Das ist für jeden sehr individuell. Aber es ist gut, wenn man sich ein bisschen vorbereitet auf diesen völlig neuen Lebensabschnitt.

MK: Welche Angebote haben Sie für jüngere Männer, z. B. junge Väter?
Ernst Würschinger: Ungefähr die Hälfte unserer insgesamt 40 Angebote ist für Väter gedacht. Da ist alles dabei: vom Babystreicheln und -füttern bis hin zur Pubertät treffen sich Männer unterschiedlichen Alters, um mit ihren Kindern ein Wochenende zu verbringen in einem familiengerechten Haus, wo sie sich untereinander austauschen können – immer mit pädagogischer Begleitung. Hier geht es darum, wertvolle Zeit mit den Kindern zu erleben. Denn „bewusst Vatersein“ ist ein großes Anliegen für die heutigen Männer.
Portrait Ernst Würschinger März 2018
Ernst Würschinger, Leiter der Männerseelsorge, ist mit Herzblut bei der Arbeit. (Bild: SMB)
MK: Wie läuft ein Seminar beispielhaft ab? Stuhlkreis – ja oder nein?
Ernst Würschinger: Die Mischung macht’s. Es gibt verschiedene Schritte bei jedem Seminar: Auf das Kennenlernen, bei dem man ziemlich schnell auf eine Ebene kommt, folgt immer erst eine Entspannungsphase. Ich versuche, den Männern zu helfen, zur Ruhe zu kommen, denn sie sind häufig sehr stark geprägt durch ihren beruflichen Alltag und die Spannung zur Familie. Sie möchten gute Väter sein, gute Mitarbeiter und natürlich auch gute Liebhaber. Männer sind häufig unter Druck. Das ist also eine wichtige Phase in unserem Seminar: ein Stück Druck herauszunehmen, damit die Männer in ihre eigene Mitte kommen, sich selber wieder spüren lernen. Elemente der Stille schätzen Männer unheimlich. Und dann kommen die Impulse – aus Psychologie, Theologie, christlicher Weisheit, auch aus der Mystik, wo es dann darum geht, zu schauen, was lebe ich denn, was gibt mir denn wirklich Kraft und Sinn. Da geht’s dann schon ans Eingemachte und da ist auch häufig große Betroffenheit im Raum. Und Männer sind durchaus in der Lage, miteinander im Kreis zu sitzen, wenn ehrlich miteinander gesprochen wird. Das ist bei uns der Fall.

MK: Welcher Typ Mann kommt zu den Angeboten?
Ernst Würschinger: Wir haben 20 % Nicht-Katholiken in unserem Teilnehmerkreis immer stabil über die ganzen Jahre. Circa 10 % sind evangelisch und 10 % nicht konfessionell-orientiert. Und es kommen Männer aus allen beruflichen Bereichen: vom Oberarzt bis zum Bauern, Lehrer, Handwerker, Freiberufler. Das macht die Arbeit unglaublich spannend. Bei uns geht’s um das Männerleben und da fallen die Schablonen sehr schnell weg.
MK: Männer gehen mit persönlichen Anliegen wie dem Glauben sehr zurückhaltend um. Haben Sie bei der Männerseelsorge damit zu kämpfen?
Ernst Würschinger: Bei uns geht es nicht generell darum, über den Glauben zu reden, sondern es geht um die Frage „Was trägt mich?“, „Wer trägt mich?“, „Woraus schöpfe ich Kraft?“. Und da kommt das Wort „Gott“ nicht permanent vor. Wir versuchen eher zu umschreiben, was das Geheimnis ist, das wir Gott nennen. Und dabei sind Männer sicherlich etwas zurückhaltender als Frauen. Mir ist es ein großes Anliegen, auf die Erfahrungsebene zu kommen. Dass wir also nicht von Schablonen und Worthülsen reden, sondern dass wir von uns selbst reden – wohin geht mein Leben, woher komme ich und was gibt mir Sinn? Da sind wir natürlich bei ganz intimen Dingen, die mit theologischen Formen so nicht ganz einfach auszudrücken sind.

MK: Kommen die Teilnehmer auch, weil sie wissen, dass sie nicht in ein so dogmatisches Gefüge eintauchen?
Ernst Würschinger: Ja, ich denke schon. Die Ausschreibung unseres Programms ist zurückhaltend angelegt. Es geht immer darum, dass wir Männern etwas bieten, dass wir Männer unterstützen wollen und dass wir sie neugierig machen wollen. Wir wollen ihnen etwas geben und in erster Linie nicht etwas von ihnen fordern, so wie das früher der Fall war. Diese Zeiten sind vorbei.
MK: Welche Rückmeldungen erhalten Sie zu Ihren Angeboten?
Ernst Würschinger: Die Feedbacks sind überragend. Ich bin immer wieder erstaunt und begeistert. Es ist eine Arbeit, die ankommt und das sehen wir eben auch anhand der Rückmeldungen sowie der sehr großen Teilnehmerzahlen. Wir haben auch viele Wiederholer dabei, die jedes Jahr zwei- bis dreimal kommen und sich eine Zeit der Ruhe und des Sich-Besinnens gönnen.

MK: Wie wird sich der Bereich Männerseelsorge entwickeln?
Ernst Würschinger: Natürlich hoffe ich, dass sich unser Fachbereich irgendwann erweitert und wir uns personell vergrößern. Außerdem ist ein Ziel, dass wir uns weiterhin noch stärker vernetzen auch mit nicht-kirchlichen Initiativen. Das Angebot wird sicherlich auch mit der voranschreitenden Emanzipation der Männer wachsen. Und damit, wie sie ihr eigenes Verständnis weiter ausbauen von „Ich bin gerne Vater, ich möchte für meine Kinder sorgen. Und ich bin gerne Partner, ich möchte etwas für meine Partnerschaft tun.“ Je größer dieses Bewusstsein bei den Männern wird, desto größer wird auch die Nachfrage nach entsprechenden Angeboten und unserer Arbeit sein.
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Männerseelsorge, Erzdiözese München und Freising
MK: Wie glauben Männer bzw. glauben Männer anders?
Ernst Würschinger: Männer sind sehr unterschiedlich – Gott sei Dank. Daher hat auch jeder Mann seinen eigenen Weg zu Gott, so wie Kardinal Ratzinger einmal gesagt hat: „Es gibt so viele Wege zu Gott wie es Menschen gibt.“ Aber generell ist es schon so, dass man bei Männern weniger mit theologischen Floskeln arbeiten, sondern eher von der Erfahrungsebene her kommen sollte. Gott als  Tremendum, also als Geheimnis, sollte immer wieder eine Rolle spielen im Denken und im Reden. Und dafür ist eben auch der Bereich der Stille wichtig, dass jeder für sich die Möglichkeit hat, nach innen zu schauen. Der Weg zu Gott führt immer über das eigene Innere. Wenn es uns gelingt, die Männer das spüren zu lassen, dann sind wir auf einem sehr guten Weg.

Interview: Anja Dittmar, Sankt Michaelsbund


Männerseelsorge
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Fachbereichsleiter:
Ernst Würschinger, Pastoralreferent

Wolfgang Tutsch
Master Mental Health,
Dipl.-Sozialpädagoge,
Referent des Fachbereichs
E-Mail: wtutsch@eomuc.de 

Aida Sporrer
Sekretärin
E-Mail: asporrer@eomuc.de