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Pater Rupert Mayer: Seelsorge für die Zugereisten
Er war Jesuit, Seelsorger, Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten und Vater der Bahnhofsseelsorge im Münchner Hauptbahnhof: Pater...
Markus Krug ist seit seiner frühen Jugend fasziniert vom „Münchner Nothelfer“, Pater Rupert Mayer, der unzähligen Bürgerinnen und Bürgern geholfen und ein unbeirrbarer Gegner des NS-Regimes war. Ab Pfingstmontag wird er den Seliggesprochenen in der Inszenierung der Theatergesellschaft Bad Endorf darstellen. Die Spielleitung liegt bei Werner Hofmann, Theaterseelsorger der Erzdiözese.
Im Interview spricht der Laienschauspieler Krug aus Bad Endorf über die Anziehungskraft, die der Seliggesprochene auf ihn ausübt - und welche Facetten er ihm Zuge der Vorbereitung auf seine Rolle ganz neu entdeckt hat.
Herr Krug, Sie verkörpern in der Inszenierung der Theatergesellschaft Bad Endorf als Hauptdarsteller Pater Rupert Mayer. Was macht für Sie den Reiz dieser Rolle aus?
Markus Krug: Bei Pater Rupert Mayer sind es zwei Dinge. Einmal die Menschlichkeit: sein unglaublich großes Herz, seine Hilfsbereitschaft. Und auf der anderen Seite diese Geradlinigkeit: zu seinen Werten und zu seiner Einstellung, zu dem, was ihm wichtig ist, zu stehen. Sich nicht zu verbiegen. Das wurde im Nationalsozialismus ja mit allen möglichen Mitteln gemacht, die Menschen auf die andere Seite zu ziehen oder eben zu vernichten. In so einer Situation das durchzuziehen, bei seinen Werten zu bleiben, das ist für mich sehr beeindruckend.
Gibt es neben den menschlichen Werten auch etwas an seinem Glauben, das Sie besonders in den Bann zieht?
Ein Heiliger oder Seliger ist immer ein besonderer Mensch, der in seiner Zeit mit seinem Wirken in der Gesellschaft herausragt. Der eben nicht nur diese besonderen charakterlichen Eigenschaften hat, sondern auch eine Beziehung, eine Festigkeit im Glauben. Ich finde ein Zitat von Pater Rupert Mayer besonders schön:
Lade Bild...Pater Rupert Mayer„Wenn Gott es will, kann auch ein einbeiniger Jesuit ein tausendjähriges, gottloses Reich überleben.“
Das gefällt mir sehr gut – er hat es ja geschafft. Das zeigt auch diese Beziehung zu Gott: Er nimmt sein Schicksal an. Und das ist es, was ich verkörpern will: dass neben den Dingen auf der Erde, die man selbst bestimmen kann, man immer mal wieder in Situationen kommen kann, in denen man vielleicht auch einmal verzweifelt. Wo man an einem Weg steht, der nicht weiter geht. Und dann zu sagen: Vertrau einfach auf das: Der liebe Gott hat sich etwas dabei gedacht, auch wenn es in dem Moment nicht klar ist, wofür das gut ist.
Gibt es für noch weitere Kernbotschaften aus Pater Rupert Mayers Wirken, die Sie dem Publikum übermitteln möchten?
Die Grundwahrheit des Evangeliums für ihn ist: Jeder einzelne Mensch ist Gottes Geschöpf. Und eben nicht: Das Volk ist alles oder der Führer ist alles. Das ist der große Unterschied, den er macht. Und den er auch lebt, indem er Bedürftigen hilft – bis zu 70 Besuche am Tag hat er in seinem Büro gehabt in München von Menschen, die ihn um Hilfe gebeten haben. Er hat ganz klar gesagt: Lieber hilft er einmal zu viel, auch wenn es jemand vielleicht nicht bedarf, bevor er den einen vergisst, der es wirklich nötig hat.
Was wir versuchen, in dem Stück rüberzubringen, ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das steht auch in unserem Grundgesetz. Das zu schützen, das zu bewahren, das war im Kern das Anliegen von Pater Rupert Mayer, der damals dieses Gesetz ja noch nicht hatte. Aber im Endeffekt geht es um das: Jeder einzelne Mensch ist Gottes Geschöpf und die Menschenwürde ist unantastbar und steht über allem. Und ich glaube, wenn wir das bewahren und ein bisschen rüberbringen könnten mit dem Bezug auch zum Glauben, dann, denke ich, hätte man viel gewonnen – zumindest bei denen, die ab Pfingstmontag unsere Aufführungen besuchen.
An neun Terminen, von Pfingstmontag, 25. Mai, bis Sonntag, 28. Juni, kommt das Stück „Pater Rupert Mayer“ unter der Spielleitung von Franziska Deindl und Werner Hofmann im Volkstheater Bad Endorf zur Aufführung. Die Karten kosten zwischen 15 und 19 Euro, unter 16-Jährige zahlen auf allen Plätzen die Hälfte. Tickets sind im Vorverkauf online erhältlich.
Finden Sie sich auch persönlich in der Figur des Pater Rupert Mayer wieder?
Kardinal Reinhard Marx hat anlässlich des 150. Geburtstages von Pater Rupert Mayer gesagt, es würde uns allen wahrscheinlich schwerfallen, wie der Pater damals in einer NSDAP-Veranstaltung zu sitzen und aufzustehen und das Wort gegen all die Leute zu erheben. An der Stelle kann ich einfach nicht sagen, ob ich so wie Pater Rupert Mayer handeln würde – ich würde es mir wünschen. Ich habe vier Kinder, die alle mitspielen, die auch Ministranten sind. Ich versuche es vorzuleben, dass man sich nicht verbiegt, dass man aus einer Laune heraus niemanden anlügt oder schwindelt. Aber ob wir das dann in so einer Situation immer alle machen würden – das ist wirklich eine extreme Herausforderung und etwas, das ich bewundere. Aber ich weiß nicht, ob ich es durchhalten könnte.
Auf der anderen Seite: die Hilfsbereitschaft. Auch da: Man versucht es so gut wie möglich. Ich arbeite in München und dann hast du wieder einmal einen Bettler dasitzen. Und dann denkst du dir: Na ja, auf der einen Seite warnt die Polizei davor, dass man den Leuten etwas gibt, weil da oft Banden dahinterstehen und die einzelnen Menschen gar nichts bekommen. Und auf der anderen Seite denke ich mir, wenn man das hört, was man dann auch spielt vom Pater Rupert Mayer: dass man eigentlich doch etwas geben sollte. Man kann in die Menschen nicht reinschauen. Das ist sehr schwierig. Er ist schon ein Vorbild für mich. Ich glaube aber nicht, dass ich dem gerecht würde zu sagen: Ich mache das wie der Pater Rupert Mayer. An das kommt man nicht ran. Das wird im richtigen Leben, glaube ich, sehr schwierig sein.
Haben Sie denn durch die Rolle noch einmal einen anderen Zugang bekommen zu Pater Rupert Mayer? Sie beschäftigen sich jetzt zum dritten Mal im Kontext eines Theaterstücks mit ihm, waren erst einer der Schauspieler, später Spielleiter und jetzt sind Sie der Hauptdarsteller.
Wir hatten zwei Mal das gleiche Stück aufgeführt: 1992, als ich mitgespielt habe, und 2003 als Spielleitung. Das war nur in Nuancen verändert. Jetzt dagegen hat sich das Spielleiter-Team die Rolle des Pater Rupert Mayer noch einmal vorgenommen. Und es war ihnen wichtig, dass wir es insofern verändern, als dass wir den Bezug zum Jetzt herstellen. Wir haben ja drei Hauptdarsteller: Wir haben einen jungen, wie er eben in der Studentenzeit war, wir haben mich im mittleren Alter und wir haben den alten Pater Rupert Mayer, der in Kloster Ettal war mit Redeverbot und der dann auch aus seiner Geschichte vorliest. Der oft am Rand der Bühne sitzt und immer wieder auch im Spiegel zu sehen ist und diesen inneren Kampf mit sich austrägt. Das hatten wir vorher so nicht. Das ist eine große Facette, die mir gefällt, und auch, dass das neue Spielleiter-Team versucht, diesen Brückenschlag zu machen: Was gibt es denn den jungen Menschen heute? Was bedeutet das für mich?
Wir versuchen in unseren Szenen, die Zeitgeschichte und die Leute mitzunehmen und zu zeigen, dass es eben nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Ein Beispiel dafür ist die Beziehung zwischen Pater Rupert Mayer und Kardinal Faulhaber. Kardinal Faulhaber war erst auch ein Gegner des NS-Regimes und hat sich dann – aus welchem Grund auch immer – gebeugt, ist umgefallen. Wichtig ist zu zeigen, dass es auch innerhalb der Kirche vielleicht eine Spannung gab: Was ist der richtige Weg? Was der Kardinal gesagt hat, war für Pater Rupert Mayer nicht sein Weg, den er gegangen wäre. Aber er war natürlich ein einfacher Jesuiten-Pater und nicht der Kardinal. Und klar ist auch: Wenn man drin steckt in der jeweiligen Situation und Zeit, entscheidet man anders, als im Nachhinein, wenn man gemütlich auf der Couch sitzt mit den verschränkten Armen und sich das Ganze dann mal im Fernsehen ansieht.
Und für mich persönlich war es so, dass Pater Rupert Mayer so stur gewirkt hat in den ersten zwei Stücken und versucht hat, seine Anliegen durchzudrücken. Das versuchen wir jetzt zu ändern. Wir versuchen zu vermitteln, dass er mehr aus seiner inneren Stärke heraus an etwas festhält. Wir versuchen, dieses Gefühl rüberzubringen, dass er auch vor seinem Richter nicht nur als sturer Hund dasteht, der einfach gegen das System ist und den man jetzt brechen muss von der nationalsozialistischen Seite aus gesehen. Es ist ja überliefert, dass der Richter eher so ein bisschen auf seiner Seite war. Also muss Pater Rupert Mayer in irgendeiner Form etwas gehabt haben, was man mag. Und wo er immer wieder auch versucht hat, die nationalsozialistischen Personen, die vor ihm stehen, etwas zu überzeugen, ihnen klarzumachen, dass sie auf dem falschen Weg sind. Das sind Facetten, die ich vorher so nicht hatte. Und das gefällt mir heuer besonders gut.
Was meinen Sie: Was war das, womit er punkten konnte?
Dass er eben ein unglaubliches Charisma hatte, Menschen für sich zu gewinnen und ihnen den richtigen Weg zu zeigen. Er war sehr wortgewaltig in seinen Predigten und hatte bis zu 6.000 Zuhörer und das, was er gesagt hat, hat er gelebt, und damit war er sehr authentisch und glaubwürdig. Er konnte die Menschen mit einfachen Worten begeistern und überzeugen, dass das, was er da sagt, der richtige Weg ist. Das hat dazu geführt, dass sie dem sogenannten Nothelfer Münchens gefolgt sind und dann auch mit ihm solidarisch waren, als er inhaftiert worden ist. Sodass die Nationalsozialisten wirklich Angst hatten, ihn umzubringen, weil sie Angst vor dem Zorn des Volkes hatten.
Sie hatten vorhin schon die Aktualität angesprochen. Was genau lässt Sie denken, dass die Figur und Geschichte des Pater Rupert Mayer so gut in die heutige Zeit passt?
„Vergessen wir nie, dass wir immer ein Herz für die Armen, für die Kleinen, haben“, hat Pater Rupert Mayer gesagt. Oder: „Gegen all den Hass in der Welt hilft nur die Liebe, bedingungslose Liebe.“ Wir haben jetzt ja auch wieder diese Tendenzen mit Hass weltweit. Es gibt viele Beispiele, auch im Alltag. Jeder guckt so ein bisschen auf sich und alle anderen sind mir egal. Das ist schon auch im Umgang untereinander zu spüren: Da werden die Leute schnell aggressiv. Das ist vielleicht die Hektik, die Zeit, dieses in sich gekehrt Sein mit den sozialen Medien, die Anforderungen des Berufs, viele Dinge, die da passieren. Aber es geht eben schnell so, dass man weniger dieses Miteinander, dieses Positive bei den anderen sucht, sondern eher immer gleich negativ ist, sehr stark belehrend auch.
Sie haben sich im Zuge dieses Stücks auch sehr stark mit der Nazi-Rhetorik auseinandergesetzt. Gruselt es Sie manchmal, wenn Sie manche Politiker reden hören?
Ich fürchte, das wird auch bewusst eingesetzt, das wird abgewandelt, damit sich dann jemand rausreden kann. Aber vieles davon, habe ich das Gefühl, ist fast abgekupfert. Fast überall auf der Welt sieht man, fast schon wie aus dem Lehrbuch, Dinge ablaufen – da gruselt es einem schon. Vor allem wenn man sich damit auseinandersetzt und versucht das zu spielen.
Interview: Ursula Hinterberger, Online-Redakteurin
Markus Krug ist seit seiner Jugend als Laienschauspieler in Bad Endorf aktiv. Der 54 Jahre alte Vater von vier Kindern im Alter zwischen elf und 19 Jahren, die auch alle in dem Stück mitspielen, arbeitet als Bankangestellter in München und engagiert sich seit 2012 in der Kirchenverwaltung von Bad Endorf. Trotz seiner beinahe schon lebenslänglichen Faszination für Pater Rupert Mayer hat er erst einen kleinen Schubs gebraucht, um die ihm angebotene Rolle anzunehmen. „Als ich gefragt worden bin, ob ich die Rolle machen will, habe ich erst gedacht: Oh Gott, so einen wichtigen Seligen.“ Als er seiner Frau davon erzählte, habe ihn diese daran erinnert, dass ihm immer zwei Protagonisten ganz wichtig gewesen wären: Franz von Assisi und Pater Rupert Mayer. Letzteren hat er nun sogar verkörpert.