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Generalvikar Beer über Spiritualität, Vertrauen und die Gottesbeziehung mit Blick auf die Missbrauchskrise Weiteres Interview nach der Veröffentlichung der bundesweiten Missbrauchsstudie


Bitte beachten Sie im Folgenden:
Sowohl Textfassung als auch Video geben jeweils eigenständig den Wortlaut von Generalvikar Peter Beer wieder. Beide Fassungen sind unabhängig voneinander gültig. Abweichende Formulierungen ergeben sich aus der Logik des jeweiligen Formats.

Herr Generalvikar, sexueller Missbrauch ist auch ein Versagen des Systems Kirche. Was soll denn an dieser Kirche noch heilig sein?

Diese Frage drängt sich auf, wenn man bedenkt, dass schon vor 13 Jahren Papst Benedikt XVI. bei der Kreuzwegandacht 2005 im Kolosseum in Rom den vielen Schmutz gerade auch unter denen angesprochen hat, die im Priestertum Christus nachfolgen sollten. Besonders folgende Worte beziehungsweise folgendes Gebet, das er im selben Zusammenhang gesprochen hat, kommen einem bedrückend aktuell vor: „Herr, oft erscheint uns Deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen ist und ganz und gar leck ist. Und auf Deinem Ackerfeld sehen wir mehr Unkraut als Weizen. Das verschmutzte Gewand und Gesicht Deiner Kirche erschüttert uns.“ Wie viele Aussagen von Papst Franziskus zeigen, ist dieser in seiner Analyse des Versagens und der Sündhaftigkeit in der Institution Kirche nicht wirklich zurückhaltender. Denken Sie dabei nur an seine Weihnachtsansprachen an die Kurie und die Analyse von deren Krankheiten. Aber dennoch, vergessen wir eines nicht: Die Heiligkeit der Kirche hängt nicht alleine oder wesentlich von den Menschen ab, die diese Kirche bilden. Die Heiligkeit der Kirche ergibt sich aus dem Wirken des Heiligen Geistes im Kreis jener Menschen. In diesem Geist ist Jesus Christus unter uns anwesend und es gilt das, was er uns verheißen hat, nämlich, dass er bei uns bleibt alle Tage bis an das Ende der Welt (Mt 28, 20). Aller Schmutz, alle Sündhaftigkeit, alles Versagen werden uns daran zwar immer wieder zweifeln lassen, ändern aber nichts an der Gültigkeit dieses Versprechens. Wenn wir offenen Auges durch die Welt gehen, dann können wir auch das Wirken des verheißenen Geistes wahrnehmen: bei den vielen aufrichtigen Betern und Beterinnen; den zahlreichen selbstlos wirkenden Frauen und Männern in den kirchlichen Sozialdiensten; den Priestern, die zuverlässig in den Gemeinden die Heilige Messe feiern; den vielen begeisterten und engagierten Jugendlichen, den gastfreundlichen Ordensleuten, die mit ihren Gemeinschaften vielen Menschen Rückzugsorte bieten; und in vielem anderen mehr.
 
Wie kann man noch guten Gewissens in dieser Kirche Priester sein? Und wie geht es den Priestern damit, dass ihre Lebensweise und ihre Redlichkeit jetzt generell in Frage gestellt werden?

Es ist für Priester zum Teil verletzend, demütigend, demotivierend, desorientierend, wenn sie zu Unrecht und ohne jegliche Unterscheidung zusammen mit Tätern und Vertuschern generell in einen Topf geworfen werden. Dass da einige innerlich emigrieren, innerlich kündigen und sich zurückziehen, ist unter diesen Bedingungen gut nachvollziehbar. Andererseits ist es auch keine echte Alternative, aufzugeben. Gerade jetzt, in dieser für die Kirche schwierigen Situation, ist es eine Frage des Gewissens, des gewissenhaften Handelns, engagiert bei dem zu bleiben und für das entschieden einzustehen, für was wir uns bei unserer Weihe zum Priester entschieden haben: die Frohe Botschaft zu verkünden, die Liturgie zu feiern, für die Armen und Ausgegrenzten da zu sein, kurzum, Jesus Christus ganzheitlich in besonderer Weise nachzufolgen. Dazu gehört auch die Kreuzesnachfolge, die nie einfach ist. Es ist meiner Meinung nach durchaus berechtigt, die Kreuzesnachfolge in unseren Tagen auch darin zu sehen, stellvertretend für die Betroffenen den Folgen des Missbrauchsskandals nicht auszuweichen, sich der Kritik, dem Zorn, dem Schmerz zu stellen, bei der Aufarbeitung aktiv mitzuarbeiten, sich kraftvoll in Veränderungsprozesse einzubringen, auch wenn jene den Abschied von Liebgewonnenem bedeuten können, aber zugleich einer vertieften Erfüllung des Sendungsauftrags aller Christinnen und Christen dienen. Vor diesem Hintergrund ist ein engagiertes Priester-Sein gerade jetzt nicht nur eine Frage des Gewissens, sondern auch eine Herausforderung an das eigene geistliche Leben.

Wie ist die Lage für die Katholikinnen und Katholiken? Auf welcher Grundlage sollen die „normalen Gläubigen“ denn dieser Amtskirche vertrauen oder gar die Kirche verteidigen?

Unser Diözesanrat hat seine Gefühlslage kurz und knapp auf den Punkt gebracht: Es reicht! Katholikinnen und Katholiken sind nicht mehr bereit, eine Institution zu verteidigen, die Täter geschützt und Taten vertuscht hat. Sie wollen auch nicht mehr für diejenigen gerade stehen, die sie ihrer Meinung nach von einer echten sowie umfänglichen Teilhabe und Beteiligung an nachhaltigen Steuerungsmöglichkeiten kirchlichen Lebens ausschließen und über sie moralisch urteilen, ohne teilweise selbst basalen Regeln des Anstands und der Sitte zu entsprechen. Man fühlt sich an das Wort aus dem Lukasevangelium (Lk 11, 46) erinnert: „Weh auch euch Gesetzeslehrern! Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können, selbst aber rührt ihr keinen Finger dafür.“
Das Vertrauen in die Amtskirche ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Dieses Vertrauen lässt sich nicht einfach so kurzfristig wieder herstellen. Vertrauen lässt sich weder anordnen noch machen, es muss wachsen. Es bedarf dazu sicherlich eines längeren Prozesses, in dem die Vertreter der Amtskirche ihren in den letzten Wochen abgelegten Versprechen, Beteuerungen sowie Betroffenheitsbekundungen entsprechende Taten zeitnah und konsequent folgen lassen. Wahrscheinlich schadet es dabei nicht, sich immer wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen, dass wir alle früher oder später vor den Richterstuhl Gottes treten und uns die Frage gefallen lassen müssen, die Gott schon Kain gestellt hatte: Wo ist Dein Bruder/Deine Schwester? (vgl. Gen 4,2). Es wäre mehr als tragisch, wenn wir Amtsträger dann sagen müssten: Tut mir leid, weiß ich nicht. Ich habe sie/ihn mit meinem Verhalten enttäuscht, aus Deiner Kirche verjagt, aus den Augen verloren.
 
Taugt die Kirche noch als moralische Instanz?


Viele bestreiten das, und ich kann das in gewisser Weise auch verstehen. Missbrauchsskandal und Finanzskandal sind nur die prominentesten Beispiele dafür, wie groß die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist und warum die Institution Kirche als moralische Instanz in Frage steht. Die Anerkennung als moralische Instanz hängt daran, ob es mehr oder weniger widerspruchsfrei gelingt, konkret zu zeigen, worauf es ankommt, exemplarisch dies vorzuleben und kritisch-konstruktiv zu benennen, was es gegebenenfalls zu ändern gibt. Will die Institution Kirche ihre Rolle als moralische Instanz zurückgewinnen und ausfüllen, dann muss sie am Beispiel der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals zeigen, dass sie das gerade benannte kann. Konkret heißt das unter anderem: den Opfern eine Stimme geben, ohne Ausflüchte und Beschönigungen das Geschehene benennen, auf der Basis unabhängiger Aufklärung konsequent aufarbeiten, notwendige Veränderungen angehen.
 
Wie kann die Situation der Kirche aus dem Glauben gedeutet werden? Wandern wir als Kirche gerade durch ein finsteres Tal? Kann Gott da wirklich noch Stock und Stab sein?

Mir kommen in diesem Zusammenhang zwei Bibelstellen in den Sinn: jene von der Wanderschaft des Volkes Gottes durch die Wüste und jene von der Geschichte des Exils des Gottesvolkes in Babylon.
Was die Stelle des Exils in Babylon angeht, so befasst sich diese ja mit der Frage: Wie konnte das Volk Gottes in diese Lage kommen, in der Andere über es bestimmen, ihre Urteile fällen, die Bedingungen für den Alltag festsetzen und gewisse Freiheiten einfach eingrenzen oder streichen? Die Bibel schiebt die Schuld nicht auf diese Anderen, auf die Babylonier. Die Bibel sieht die Ursache für die Situation beim Volk Gottes selbst, das sich selbst in diese Lage gebracht hat, indem es sich mehr oder weniger von Gott abgewandt hat, zu wenig auf seine Gebote und Wege geachtet hat. Mir drängt sich auf dieser Folie der biblischen Geschichte da schon die Frage auf: Sind wir als Institution Kirche nicht zurecht in die Situation gekommen, dass Andere wie zum Beispiel Gerichte, die öffentliche Meinung, Politik und Parteien über uns urteilen und Forderungen stellen, weil wir zum Teil die Wege Gottes verlassen haben, weil wir nicht alle auf der Seite der Schwachen waren? In dieser Sichtweise sind die Anderen mit ihren kritischen Stimmen und Positionen nicht einfach die „Bösen“, die der Kirche schlecht wollen. Sie sind in diesem Fall echte „Kooperatoren“ Gottes, die der Kirche als Volk Gottes zurück auf den Weg helfen.
Bei der Geschichte der Wanderung des Volkes Gottes durch die Wüste in Richtung des gelobten Landes folgt der Befreiung vom Joch des Pharaos eine im wahrsten Sinne des Wortes lange Durststrecke, ohne genau zu wissen, wohin die Reise führt, mit vielen Unsicherheiten und Schwierigkeiten. Erst danach beginnt die gute Zeit im neuen Lebensumfeld. Ähnelt dies nicht unserer Situation? Wir haben zwar durch die möglichst klare Benennung und die beginnende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle begonnen, uns von den Fesseln des Schweigens und des Vertuschens zu befreien. Wie es aber genau weitergeht, welche systemischen Veränderungen für die Kirche noch ausstehen, wie das neue Angesicht der Institution Kirche sein wird, wissen wir noch nicht. Es wird Schwierigkeiten, Unsicherheiten und den Wegfall von Gewohntem geben – das wird weh tun. Und dennoch dürfen wir die Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben, da uns die Führung des Heiligen Geistes verheißen ist. Es ist an uns, die Zeichen der Zeit zu verstehen und auf Gottes Beistand zu vertrauen.
Was macht sexueller Missbrauch mit der Gottesbeziehung? Nehmen die Täter den Opfern ihren Glauben und ihre Heimat in der Kirche?

Manche Opfer sprechen von Gottesmord durch die Missbrauchstäter. Gerade weil Priester den Anspruch haben, in persona Christi zu handeln, wirkt sich ein Fehlverhalten von ihnen so verheerend aus, betrifft der Missbrauch nicht nur das Verhältnis zwischen Täter und Opfer, sondern im Erleben der Opfer immer auch die Beziehung zu Gott. In Folge davon kann es vorkommen, dass Gott selbst als Missbraucher beziehungsweise als Befürworter, Unterstützer des Missbrauchs erfahren wird. Sexueller Missbrauch durch Priester kann die Glaubensgrundlagen zerstören und spirituelles Leben auslöschen, zum spirituellen Trauma werden. Das sollte man immer im Sinn haben, wenn versucht wird, den sexuellen Missbrauch in der Kirche mit dem in anderen Bereichen der Gesellschaft wie zum Beispiel Sportvereinen zu vergleichen. Im Wissen um das zuvor Gesagte verbietet sich dies eigentlich von selbst.
 
Sollen wir Katholiken jetzt für Missbrauchsopfer beten – und ist damit alles wieder gut?

Beten ist immer gut. Im Gebet tragen wir die Dinge vor Gott, die uns bewegen. Dabei können wir das ins Wort fassen, was uns sonst sprachlos macht; können uns dessen bewusst werden, was wir sonst übersehen; können zu eigenen Fehlern und Schwächen stehen, die wir sonst verschweigen; werden neue Horizonte eröffnet, wo wir nicht mehr weiter wissen; stellen wir das beziehungsweise die in den Mittelpunkt, was beziehungsweise die bisher nahezu übersehen wurden. Das alles spricht dafür, dass wir viel und noch mehr beten sollten. Aber übersehen wir nicht: Das Gebet entbindet uns nicht von unserer ganz konkreten Verantwortung, die auch ganz konkretes Handeln in dieser Welt verlangt. Es ersetzt nicht die Aufklärung der Taten, die Bestrafung der Täter, den Versuch der Wiedergutmachung für das Geschehene, die Prävention zur Vermeidung von zukünftigen Missbräuchen.
 
Sollen wir für die Täter auch beten? Dürfen Täter Vergebung erfahren?

In Erweiterung des Gebots der Feindesliebe ist die Möglichkeit zur Vergebung für den Täter sicherlich wichtig, aber nicht um den Preis der Wahrheit. Vergebung kann es nur dann geben, wenn auf Seiten des Täters echte Reue vorhanden ist, Umkehr vollzogen wird, Sühne und Buße geleistet werden. Zum Beispiel kann das heißen, sich der Strafverfolgung zu stellen, sich um Wiedergutmachung zu bemühen, gegebenenfalls eine Therapie zu machen. In diesem Sinne kann man auch für Täter beten, damit ihnen Reue, Umkehr, Sühne und Buße möglich werden. Es wäre falsch, vorschnell unter Berufung auf Barmherzigkeit und die Christenpflicht zur Vergebung Unrecht mit einer frommen „Sauce“ zuzuschütten, das Leid der Opfer zu verdecken, ihre Stimmen zu unterdrücken und nicht den langen sowie beschwerlichen Weg der Aufarbeitung von Schuld zu gehen. Wird dieser Weg in unverantwortlicher Weise abgekürzt, kann dies auch dazu führen, dass theologische Grundüberzeugungen wie die von der Forderung nach Vergebungsbereitschaft zum Komplizen der Täter werden. Unter Berufung auf diese Überzeugungen werden dann eventuell die strafrechtlichen Konsequenzen einer Tat einfach ausgeblendet, Anzeigen der Tat unterbleiben und dem Täter bleiben Freiräume für neue Taten.
 
Will die Kirche Täter und Opfer wieder versöhnen?

Ich denke, der kirchliche Dienst an der Versöhnung ist wichtig. Von Seiten der kirchlichen Akteure sollte jedoch Folgendes nie vergessen werden. Erstens: Die Täter sind selbst Vertreter der Kirche, so dass im Versöhnungsprozess die kirchliche Seite Schwierigkeiten haben kann, als redlicher Vermittler wahrgenommen zu werden. Zurückhaltung und das Wissen um die eigenen Grenzen sind angezeigt. Zweitens: Der kirchliche Dienst an der Versöhnung darf nicht zum gesetzwidrigen Insidergeschäft verkommen, nach dem Motto, die Angelegenheit regeln wir unter uns, zum Beispiel ohne externe unabhängige Expertise, ohne Strafverfolgungsbehörden. Drittens: Der kirchliche Dienst an der Versöhnung ist Teil eines mehrperspektivischen Aufarbeitungsprozesses, das heißt, Theologie und Spiritualität ersetzen nicht psychologische Begleitung, therapeutische Maßnahmen, finanzielle Leistungen zur Anerkennung erlittenen Unrechts. Viertens: Der kirchliche Dienst an der Versöhnung sollte den sozialen Aspekt nicht außer Acht lassen. Jedes Missbrauchsgeschehen findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern immer auch in einem bestimmten sozialen Umfeld beziehungsweise Klima. Diejenigen, die dieses prägen, besonders in der Gemeinschaft der Kirche, haben sich auf Wirkungen und Auswirkungen ihres Handelns zu befragen, Verantwortlichkeiten bewusst zu machen, Beteiligungen zu klären. Hier greift ganz deutlich der Satz in 1 Kor 12.26: Leidet ein Glied des Leibes Christi, so leiden alle Glieder.
 
Warum gibt es so viele Priester unter den Tätern? Männer, die ihr Leben doch eigentlich ganz in Gottes Dienst stellen sollten?

Priester haben sich dafür entschieden, um des Himmelreiches willen sexuell enthaltsam zu leben. Dies ist eine sehr große Herausforderung, wenn man bedenkt, dass mit dieser Entscheidung die Sexualität nicht einfach verschwindet und in angemessener Weise in ein enthaltsames Leben integriert werden muss. Um dies zu lernen und einzuüben, gibt es die lange Zeit der Vorbereitung im Priesterseminar; darüber hinaus bleibt dies aber eine lebenslange Aufgabe. Damit dies gelingt, braucht es unter anderem qualifizierte Begleitung, ein stabiles geistliches Leben, viel Ehrlichkeit zu sich selbst und zu anderen, nicht wenig Kraft, um in schwierigen Situationen oder Lebensabschnitten durchzuhalten. Nicht wenigen Priestern scheint eine Integration ihrer Sexualität in ein enthaltsames Leben nicht wirklich zu gelingen. Wir müssen uns fragen, an was dies liegt, um gut unterstützen zu können und diesbezüglich notwendige Veränderungen vorzunehmen. Hierfür braucht es mehr Anstrengung, mehr Realismus und mehr Geradlinigkeit.
 
Steht nach all der Schuld, die der Klerus auf sich geladen hat, das Weiheamt generell in Frage?

Ich denke, das Weiheamt als solches muss nicht in Frage stehen. Was wir aber sehr wohl in Frage stellen sollten, ist die Art und Weise, wie darauf vorbereitet und wie es ausgestaltet wird. Wenn die Weihe bedeutet, in Person Christi zu handeln, dann kann das doch nicht heißen, dass dies ausschließlich für das Zeitintervall der heiligen Messe Bedeutung hat. Dann muss dies doch auch Konsequenzen für das ganz normale alltägliche Leben haben. Da braucht es eine gründliche Zeit der Vorbereitung, des Einübens und des sich immer wieder Prüfens, Befragens, wie ich als Geweihter Jesus Christus immer besser nachfolgen kann beziehungsweise wie ich wieder auf den Weg der entschiedenen Nachfolge zurückkomme. Das Weiheamt sollte nicht als billige Möglichkeit missverstanden werden, es sich im Leben besonders bequem zu machen oder spezielle gesellschaftliche Meriten günstig zu erwerben. Das Weiheamt ist bei aller Freude und allem Glück ebenso eine Herausforderung, Anstrengung und manchmal große Mühe – weshalb sich übrigens der Inhaber eines Weiheamtes nicht als besonders heroisch und deshalb verehrungswürdig vorkommen muss, denn schließlich wird es Ehepaaren nicht anders ergehen, die in ihrer Ehe Christus nachfolgen wollen.
Braucht es nicht ein synodales Prinzip, eine Kirche, in der Geweihte sich auf das Spirituelle und Theologische konzentrieren und gewählte Laien die Kirchenleitung haben?

Drei Punkte sind wichtig. Erstens: Es sollte der oder die leiten, der oder die es kann. Der reine Wille oder eine theoretische Absichtserklärung helfen da nicht wirklich weiter. Zweitens: Es gibt verschiedene Arten der Leitung, zum Beispiel geistliche Leitung oder Verwaltungsleitung. Jede dieser Arten von Leitung hat so ihre Tücken und Herausforderungen, so dass man gut beraten ist, genau zu prüfen, wer wofür welche Voraussetzungen mitbringen muss. Drittens: Leitung im kirchlichen Bereich ist nie nur eine Frage der Funktionalität, sondern auch und in besonderer Weise eine von theologisch-spiritueller Dimension. Wenn jeder und jede von uns Kind Gottes ist, jeder und jede mit den ihr/ihm je eigenen Charismen beschenkt ist, wir alle gemeinsam Volk Gottes sind und den Leib Christi bilden, dann kann es nicht nach dem „Führerprinzip“ mit einer scharfen Trennung von Oben und Unten gehen. Es braucht Beteiligung und Teilhabe. Ein geeignetes Instrument dafür ist die Synodalität, die vor allem vom Aufeinander-Hören und gemeinsamer Beratung geprägt ist.
 
Was muss passieren, damit die Kirche kein „weltlich Ding“ wird, sondern in ihrer Dimension als Anbruch des Gottesreiches erfahrbar bleibt?

Im Römerbrief (14,17) heißt es: „Das Reich Gottes (…) ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“ Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Wenn wir im Glauben alle Menschen als Kinder Gottes verstehen dürfen, dann sollte es für die Gemeinschaft der Kirche ein Selbstverständliches sein, auf der Seite der Ausgegrenzten, der Armen und Schwachen zu stehen. Fremdenhass, Missbrauch in unterschiedlichsten Formen und Gewalt dürfen da keinen Platz haben. Als Glaubende sind wir uns bewusst, dass wir mit Gott versöhnt sind, dass er uns annimmt, wie wir sind, dass wir immer wieder zu ihm umkehren können. Das schafft einen tiefen inneren Frieden für sich selbst und mit anderen. Streitereien, Parteiungen, Neid, üble Nachrede untereinander konterkarieren das nur. Wenn wir uns als Glaubende von Gott geliebt wissen dürfen, die von ihm nicht verlassen werden, dann gehört es zur Gemeinschaft der Glaubenden, Freude und Hoffnung in die Welt zu bringen. Pessimismus, Lethargie, Egozentrismus sollten dieser Gemeinschaft fremd sein.
Diese wenigen Beispiele zeigen: Kirche als Anbruch des Reiches Gottes wird erfahrbar, wenn Glaubensinhalte und theologische Aussagen im Alltag lebendig werden, für den Alltag Konsequenzen haben. Glauben muss leben, nicht nur reden.
 

Zur Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz

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