München, 10. März 2026. Nach Ansicht von Kardinal Reinhard Marx darf Religion nicht für politische oder gar kriegerische Zwecke instrumentalisiert werden, sondern habe vielmehr die Aufgabe, kritisch auf Missstände in Politik und Gesellschaft aufmerksam zu machen. „Gott bei einem Krieg für die eigene Seite ins Spiel zu bringen, gehört sich für keinen Staat und keine Organisation. Hier müssen wir klar Stellung nehmen“, erklärte der Erzbischof von München und Freising am Montagabend, 9. März, im Gespräch mit Rabbiner Edward van Voolen, unter Anderem Mitglied im Gesprächskreis Juden und Christen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, und Imam Esnaf Begić vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück, bei einer Veranstaltung zur Bedeutung der öffentlichen Rede von Religionen im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit in München. „Es kann sein, dass ich als Bischof, wie auch der Papst es kürzlich getan hat, laut sagen muss: Schluss mit der Gewalt!“ Die Diskussion fand in den Räumlichkeiten der Carl Friedrich von Siemens Stiftung statt und wurde von der Eugen-Biser-Stiftung und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit München organisiert.
Kardinal Marx betonte im Gespräch die wichtige gesellschaftliche Rolle der Religionen, die letztlich auf die Rolle der Propheten in der Bibel zurückgehe: „Der Prophet geht auf den Herrscher zu und sagt zu ihm: Halt, so geht das nicht. Du gehst zu weit. Zum ersten Mal gibt es eine Institution, die sagt, der Staat hat Grenzen. Er hat über Gott, die Religionen und auch das Gewissen nicht zu bestimmen.“ Die darin wurzelnde „Trennung von Kirche und Staat war eine wichtige Entwicklung“ und sei auch ein „grundlegender Schritt auf dem Weg zum europäischen Freiheitsbegriff“ gewesen.
Religiöse Repräsentanten seien daher ein wichtiger Teil des öffentlichen Diskurses, wenn sie „dialogfähig sind, anschlussfähig und etwas Eigenes zu sagen haben.“ Der Erzbischof warnte, unter anderem im Hinblick auf die Konflikte im Nahen Osten und der Ukraine, vor Predigern aller Religionen, die für sich einen absoluten Wahrheitsanspruch reklamierten: „Die Wahrheit ist ein Horizont, auf den ich zugehe, nicht etwas, was ich besitze.“ Eine solche Haltung berge die Gefahr, zur Rechtfertigung für Gewalt zu werden, das habe sich historisch immer wieder gezeigt, wenn „im Namen der Religionen Gewalt ausgeübt worden ist, Heilige Kriege ausgerufen wurden.“ Unabhängig davon, ob und wie eine kriegerische Handlung gerechtfertigt sei, dürfe Gott niemals für eine solche vereinnahmt werden: „Gott hat mit Kriegen nichts zu tun.“ Dies sei „ein Missbrauch des Namen Gottes“ und entspricht „nicht dem, was wir vom katholischen Glauben her für richtig halten.“
Die Verantwortung der Religionen sei es nicht nur, Kritik auszuüben, sondern auch, „den Menschen eine Hoffnung zu geben, die sie sich selbst nicht geben können“, betonte Marx. Angesichts der Kriege und zunehmend gewalttätiger Rhetorik sei es wichtig, die Vision einer besseren Welt nicht aus den Augen zu verlieren: „Wir haben diese große Menge der Gewalt, die uns sehr beunruhigt. Aber wir werden doch nicht aufgeben! Denn wir wissen, es geht auch anders. Da müssen die Religionen einen Beitrag leisten.“
Seit dem Jahr 1952 veranstalten die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit jedes Jahr im März die „Woche der Brüderlichkeit“. In allen Teilen des Landes finden aus diesem Anlass Veranstaltungen statt, die auf das jeweilige Jahresthema aufmerksam machen sollen. Dieses Jahr steht die Woche unter dem Leitwort „Schulter an Schulter miteinander“. (fho)
Leitung: Dr. Christoph Kappes
Kapellenstraße 4
80333 München