Kardinal Marx: „Europa muss sich neu auf den Weg machen“

Der Erzbischof von München und Freising fordert mehr Einsatz für eine bessere Welt in Europa

München, 11. Mai 2026. Kardinal Reinhard Marx hat dazu aufgerufen, Europa als Beitrag und Bezugspunkt für eine bessere Welt zu gestalten und zu erhalten. „Wenn wir nur aus Angst heraus, ohne Fantasie und ohne Leidenschaft das europäische Projekt voranbringen, weil es nun mal da ist, ist das zu wenig“, sagte der Erzbischof von München und Freising im Rahmen der Feier des Europatages 2026 am Montagvormittag, 11. Mai, an der Europäischen Schule in München. Europa stehe an einem entscheidenden Wendepunkt, betonte er: „Wir müssen uns neu auf den Weg machen und zeigen, wofür wir stehen und was wir zu sagen haben – nicht nur für uns, sondern für eine bessere Welt!“   

Der Kardinal warnte davor, aus Europa eine Festung zu machen, in der es nur noch darum gehe, sich „bis auf die Zähne zu bewaffnen“, militärisch stärker zu sein als die anderen und den eigenen Wohlstand gegen die Armen der Welt zu verteidigen. „Das ist zu wenig.“ Er erinnerte daran, dass Europa schon immer die Kraft gehabt habe zu verbinden, zu integrieren, offen und neugierig auf die Welt zu sein – ohne dass die Kehrseiten Europas wie Kolonialismus und Ausbeutung vergessen werden dürften. „Europa hat eine enorme schöpferische Kraft, kann viel Gutes in der Welt bewirken und etwas Neues voranbringen. Mir ist wichtig, dass das in Zukunft nicht verlorengeht.“

Größe und Elend Europas seien schon immer eng mit dem Christentum verbunden gewesen, unterstrich er. „Ohne das Christentum können wir Europa nicht verstehen. Das Menschenbild der verantwortlichen Freiheit, dass eben nicht nur der eigene Nutzen zähle, sondern dass jeder Einzelne mit anderen Menschen und der Gemeinschaft verbundenen sei, ist christlich geprägt.“ Aus der revolutionären Botschaft der Bibel, dass jeder Mensch ein Bild Gottes sei, „ist alles andere entstanden, was wir über Freiheit, Solidarität, Gemeinschaft, Rechte des Individuums und Freiheit des Gewissens wissen“, so Marx. „Wir können den Glauben nicht erzwingen. Aber ohne die Vergewisserung über die Herkunft dieser Ideen werden wir die Zukunft verlieren!“

Zugleich verwies der Kardinal darauf, dass in einer Gesellschaft ohne das Christentum nur noch das Materielle bleibe: „Demokratie ist Respekt voreinander und die Fähigkeit, aufeinander zu hören. Eine Wirtschaft, die nur noch auf Profit aus ist, ein blinder, primitiver Kapitalismus, ist nicht vereinbar mit der großen Idee Europas.“ Er wünsche sich, so Marx, dass Europa seinen Beitrag für eine bessere Welt leiste, „damit die anderen Länder nicht nur auf unsere Vergangenheit aus Krieg und Unterdrückung verweisen, sondern sagen: ‚Von euch können wir lernen, wie man ein gutes Gemeinwesen bauen und einen Beitrag leisten kann für die gesamte Welt, etwa zur Bewahrung der Schöpfung.‘“ (hor)