Auf einmal ist der Partner, ist die Partnerin nicht mehr da. Nicht, weil man sich auseinandergelebt und getrennt hat, sondern durch den Tod. Man selbst bleibt zurück mit den Kindern, die ebenfalls mit dem Verlust zu kämpfen haben. Eine Betroffene erzählt – und hilft anderen.
Allein mit der Verantwortung. Allein mit der Trauer. Allein mit der Überforderung. Wie können Verwitwete umgehen? Wenn sie sich doch auch um ihre Kinder kümmern müssen? Das Erzbistum bietet Betroffenen Beratung und Begleitung an – darunter von einer Frau, die dasselbe Schicksal erlebt hat.
Dorothea Hahn musste miterleben, wie ihr Mann tödlich verunglückte. Bei einem Bergunfall vor inzwischen 23 Jahren. Zeit zur Bewältigung des traumatischen Geschehens fand sie damals nicht. „Von jetzt auf gleich ging es für mich darum, unser Überleben zu sichern“, erzählt die heute 67-Jährige. Die beiden Töchter waren 15 und 17 Jahre alt. Sie arbeitete Teilzeit, ihr Mann war der Hauptverdiener. Also sah Dorothea Hahn zu, möglichst schnell wieder Vollzeit zu arbeiten. Gleichzeitig galt es, den Haushalt zu organisieren und für die Töchter da zu sein.
„Ich lebte in ständiger Sorge, ob es meinen Kindern gut geht und wie sie sich entwickeln können. Es war eine anstrengende Zeit“, erinnert sich die Mutter. Drei Jahre lang funktionierte sie – bis der Zusammenbruch kam. Erst dann nahm sie sich Zeit für sich und ihre Trauer. Diese Erfahrung brachte sie letztlich dazu, heute selbst verwitwete Menschen mit Kindern ehrenamtlich zu beraten und zu begleiten.
In ihrer Krise halfen ihr Schweigeexerzitien. Über eine befreundete Theologin erfuhr sie außerdem von einer Gesprächsgruppe von Verwitweten mit Kindern der Erzdiözese im Landkreis Freising. Dorothea Hahn, Protestantin, fühlte sich dort sehr gut aufgehoben und begann selbst eine Seelsorge-Ausbildung für Ehrenamtliche. „Ich merkte, dass das für mich ein guter Weg ist.“ Wie sich das Schicksal bisweilen fügt, suchte just zu dem Zeitpunkt das Erzbistum München und Freising jemanden, der sich in München um verwitwete Alleinerziehende kümmert. Da die Freisinger Betreuerin keine Zeit für eine weitere Gruppe hatte, übernahm sie.
Lade Bild...Dorothea Hahn, selbst verwitwete Mutter, leitet ehrenamtlich eine Gesprächsgruppe von Verwitweten mit Kindern„Schaut euch Fotos an mit den Kindern, geht gemeinsam zum Grab, hört nicht auf, über sie oder ihn zu reden, teilt Erinnerungen, auch lustige Situationen.“
Es zeigte sich allerdings, dass die Teilnehmenden vor allem an Einzelgesprächen interessiert waren. Seitdem bietet sie diese über das Haus Dorothee ehrenamtlich an. Die Begegnungsstätte für alleinerziehende Frauen und Männer in München bietet ein buntes Programm von der Geburtsvorbereitung, dem regelmäßigen Baby-Treff bis hin zu verschiedenen Gesprächsgruppen. Darüber hinaus gibt es vielfältige thematische Angebote sowie Beratungen in Lebens-, Erziehungs- und Rechtsfragen.
Die Art der Betreuung fällt dabei sehr unterschiedlich aus. Manchmal genügt ein Gespräch, da die Betroffenen vor allem organisatorische Fragen haben. Bei welchen Behörden müssen sie sich melden, wie erhalten Sie Witwen- und Halbwaisenrente? Oder sie wollen wissen, wo ihr Kind mit Gleichaltrigen in ähnlicher Situation zusammenkommen kann.
Daneben begleitet Dorothea Hahn Menschen auch über längere Zeiträume, telefonisch, im Haus Dorothee oder in einem Café – wie es am besten passt. Dabei muss nicht viel gesprochen werden. „Mit einem Vater bin ich weitgehend schweigend beisammengesessen. Er hatte das Bedürfnis nach Zeit“, erzählt Dorothea Hahn. Nach einer Weile öffnete er sich, weniger, um Rat zu bekommen, wichtiger war es für ihn, Bestärkung zu erfahren.
Meist melden sich Frauen bei ihr. Als Türöffner dient in den Gesprächen, dass Dorothea Hahn selbst betroffen ist und die Menschen deshalb wissen: Da ist eine, die kennt, was ich durchlebe.
Was viele Betroffene beschäftigt, ist die Frage, wie sich die Erinnerung an den geliebten Menschen aufrechterhalten lässt. „Schaut euch Fotos an mit den Kindern, geht gemeinsam zum Grab, hört nicht auf, über sie oder ihn zu reden, teilt Erinnerungen, auch lustige Situationen“, rät Dorothea Hahn.
Ein weiteres wiederkehrendes Thema: Das Kind soll zum Therapeuten, will aber nicht. „Die Entscheidung sollte nicht rational gefasst werden. Beobachten Sie das Kind und spüren Sie nach, was für es richtig ist, drängen sie es nicht“, rät Dorothea Hahn. Ihre Erfahrung ist, dass sich Erwachsene auch selbst unter Druck setzen: Darf es sein, dass das Leben erst mal so weitergeht wie bisher? „Man darf erst mal ruhig alles weiterlaufen lassen. Die Frage ist, was ist richtig für mich? Der Kleiderschrank muss nicht ausgeräumt werden, wenn der innere Impuls dazu noch nicht da ist. Und wenn das Kind am Schreibtisch vom gestorbenen Papa Hausaufgaben machen will, ist das in Ordnung. Das kann die innere Verbindung aufrechterhalten.“
Grenzen sind der Beratung gesetzt, wenn der therapeutische Bereich berührt wird. Dann vermittelt Hahn an andere Einrichtungen weiter. Denn seelsorgliche Beratung und Gruppen- oder Einzelgespräche sollen und können therapeutische Hilfen nicht ersetzen, sondern sie unterstützen und ergänzen.
Neben dem Gesprächsangebot speziell für verwitwete Elternteile sowie Trauergottesdiensten hat das Erzbistum ein breites Veranstaltungsangebot, das sich an alle Alleinerziehenden richtet. Es gibt Ferienfreizeiten und Ausflüge, regelmäßige Treffen in unterschiedlichen Gruppen und Themen-Wochenenden wie „Mit Tönen verwöhnen“, „Mein Vater und ich“ oder „Meinem Kind ein Gegenüber sein“.
Lade Bild...Claudia Mayr schätzt die Themenwochenenden für verwitwete Alleinerziehende sehr. Inzwischen ist die vierfache Mutter selbst ehrenamtliche Trauerbegleiterin„Die Wochenenden waren meine Strohhalme, meine Rettungsinseln. Man nimmt so viel mit, auf allen Ebenen.“
„Die Themenwochenenden können sehr tief gehen“, sagt Claudia Mayr, deren Mann 2017 ein halbes Jahr nach der Diagnose an Krebs starb. Sie war mit vier kleinen Kindern völlig auf sich allein gestellt. „Diese Wochenenden waren meine Strohhalme, meine Rettungsinseln“, erzählt sie. „Man nimmt so viel mit, auf allen Ebenen.“ Allein schon, dass sie sich nicht ums Essen kümmern musste, war für sie etwas Besonderes. Dazu die neuen Kontakte, der Austausch, die behandelten Themen, bei denen viel gelacht werden kann, aber auch die Tränen fließen dürfen. „Das dient der Persönlichkeitsentwicklung. Dadurch stehe ich auch meinen Kindern anders gegenüber“, sagt Mayr, die inzwischen selbst als Trauerbegleiterin tätig ist.
„Im kommenden Jahr werden wir auch ein Wochenende anbieten, das sich speziell an verwitwete Elternteile richtet„, berichtet Susanne Ehlert, Fachreferentin der Alleinerziehendenseelsorge im Erzbistum. Denn bei allen Überschneidungen gebe es auch Herausforderungen für verwitwete Menschen, die nicht mit Trennung und Scheidung zu tun haben: die Trauer, der Verlust, der erzwungen ist, womöglich völlig unvorhergesehen kam, die alleinige Verantwortung für die Kinder. “Manchmal realisieren verwitwete Menschen erst nach einer Weile, dass sie auch alleinerziehend sind.“
Die Angebote des Erzbistums stehen Menschen aller Konfessionen offen, sowohl die Wochenenden und Freizeiten als auch die Begleitung durch Dorothea Hahn. Den christlichen Glauben spricht die Seelsorgerin in ihrer Beratung dann an, wenn sie merkt, dass er den betroffenen Menschen wichtig ist. Dann kann es auch sein, dass zum Abschluss gemeinsam gebetet wird. Ansonsten schlägt sich der Glaube vor allem in ihrer Überzeugung nieder, „wie sehr wir beschützt sind“. Und darin, dass sie es wichtig findet, dass Menschen begleitet werden.
Leitung: Susanne Ehlert
Schrammerstraße 3
80333 München
Leitung: Regina Knoblich
St.-Michael-Str. 88
81671 München