Bei der Männerseelsorge der Erzdiözese gibt es seit 2025 das Angebot der Motorradseelsorge. Treibende Kraft ist hier Pastoralreferent und – natürlich – Motorradfahrer Jörg Maier. Im Interview schildert er, wie es zu diesem Angebot kam, welche Pläne er verfolgt und wieso das Motorradfahren für ihn eine Vorstufe der Transzendenzerfahrung ist.
Herr Maier, wie kommen Motorrad und Seelsorge zusammen?
Jörg Maier: Es heißt: „Vier Räder bewegen den Körper, zwei Räder bewegen die Seele.“ Das würde jede Motorradfahrerin und jeder Motorradfahrer sofort unterschreiben. Der Sinn, mit dem Motorrad irgendwo hinzufahren, ist die Fahrt dorthin. Kein Mensch braucht ein Motorrad – ein Motorrad hat man, weil man es will. Es ist kein Mittel zum Zweck, sondern man fährt es ausschließlich um seiner selbst willen. Motorradfahren gehört nur einem selbst und zwingt einen in den Augenblick hinein. Man erlebt die Landschaft mit allen Sinnen, liegt in den Kurven, riecht das Sägewerk und die gemähten Wiesen, spürt das Bergauf und das Bergab und wie im schattigen Wald die Temperatur sofort absinkt. Man ist eins mit der Umgebung.
Und genau das möchte man ja auch mit einer Meditation anstreben, das Leben im Hier und Jetzt. Das ist die erste Stufe dessen, was wir theologisch Transzendenzerfahrung nennen. Das ist die Basis, an der ich ansetzen und von der aus ich mit der Motorradseelsorge noch einen Schritt weiter gehen möchte.
Wie kamen Sie konkret auf die Idee der Motorradseelsorge als Angebot der Männerseelsorge in der Erzdiözese?
Es gab zum Saisonstart im März und zum Saisonende im November jeweils Gottesdienste, die von Pastoralreferenten und Pfarrern, die selbst eine Affinität zum Motorradfahren besitzen, gefeiert wurden – und das war’s. Wir fanden, dass man Seelsorge aber nicht nur auf Liturgie beschränken sollte. Die Seelsorge wirkt ja insbesondere, wenn man auch zwischendurch Kontakte zur Zielgruppe hat. Also haben wir uns entschlossen, diese Lücke zu füllen.
Ich habe mich dann ein wenig erkundigt und herausgefunden, dass es die meisten Motorradzulassungen in Bayern gibt, mit München als Zentrum. Eine hier ansässige Firma hat zum Beispiel im vergangenen Jahr einen Rekord in der Firmengeschichte aufgestellt. Das Potenzial einer großen Zielgruppe, der wir unsere Angebote machen können, lag also auf der Hand. Bis jetzt hat die Seelsorge die Motorradfahrerinnen und -fahrer schlicht nicht erfasst – und in den Sonntagsgottesdienst kommen die auch nicht. Wenn das Wetter schön ist, sind sie auf der Straße. Und bei schlechtem Wetter schraubt man.
Ein Beispiel, das ich selbst erlebt habe: Ich war bei einem Mann, der Motorradteile verkaufte. Als ich ihn fragte, warum er sich davon trennt, sagte er mir, dass er keine Freude mehr am Fahren habe. Oha! Da wurde ich natürlich hellhörig. Und aus zehn wurden 90 Minuten. Es stellte sich raus, dass sein Sohn zwei Jahre zuvor bei einem Motorradunfall tödlich verunglückt war. Dieser Mann tauchte auch nicht in der Kirche auf. Aber als Motorradfahrer hatte ich sofort einen ganz anderen Zugang, eine ganz andere, eigentümliche Gesprächsebene. Da pendelt man zwischen dem seelsorglichen Anteil und Passagen über Technik, Bremsen, Straßenbelag. Am Ende gab er mir die Hand und meinte: „Gutes Gespräch!“
Es geht hier und gerade hier auch ohne klassischen Rahmen, bei dem man sich im Stuhlkreis gegenüber sitzt und mit sonorer Stimme Betroffenheitslyrik austauscht.
Haben Sie den Bedarf für solch einen Austausch allgemein wahrgenommen? Sind zum Beispiel die Motorradgottesdienste gut besucht?
Das sind sie. Dabei geht es aber auch nicht nur um die reinen Gottesdienste, sondern es gibt auch Zeit für das Miteinander davor und danach, bei dem natürlich das gemeinsame Interesse verbindet – man fachsimpelt über die Technik, ist sowieso von vornherein per du. Im Sommer wird dann noch die Biergartengarnitur rausgeholt und gegrillt. Ein großes Happening mit einem Gemeinschaftsgefühl unter Gleichgesinnten.
Leitung: Bernhard Zottmann
Schrammerstraße 3
80333 München