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„Er besitzt einen Blick auf die ganze Welt wie kein Papst vor ihm", sagt Pater Franz (li.) über Leo XIV.

So tickt unser Papst Leo XIV. – ein Augustiner erzählt

Vor knapp einem Jahr ist mit Robert Francis Prevost ein Augustiner zum Papst gewählt worden. Einer, der jahrelang eng mit ihm zusammenarbeitete und ihn seit Jahrzehnten kennt, ist der Augustinerpater Franz Klein vom Kloster Maria Eich in Planegg. Im Interview gibt er Einblicke, wie Leo XIV. ist und gerade auch in diesen unruhigen Zeiten agiert.

Am 8. Mai 2025 blickte die ganze Welt nach Rom. Als auf der Benediktionsloggia der Name von Robert Francis Prevost als Papst Leo XIV. verkündet wurde, hörte ein Mann besonders genau hin: Pater Franz Klein, Augustinerbruder im Kloster Maria Eich in Planegg. Denn den neuen Papst kennt Pater Franz bestens und schon lange. In Studienzeiten begegneten sie sich in Rom, blieben in Kontakt, und ab 2007 arbeitete Pater Franz in Rom als Generalrat sechs Jahre lang eng mit dem damaligen Generaloberen zusammen. Im Interview erzählt Pater Franz von ihren Begegnungen und seinen Eindrücken vom heutigen Papst.

Pater Franz, waren Sie überrascht, als Robert Prevosts Name auf der Benediktionsloggia im Petersdom verkündet wurde?

Pater Franz Klein: Einerseits ja. Aber als ich mich von ihm an dem Tag, an dem er ins Konklave ging, verabschiedete, hatte ich zu ihm gesagt: „Ich höre da so die Vögel zwitschern – was kommt, möge kommen. Und dafür wünsche ich dir alle Kraft, die du brauchst.“ Diese Ahnung rührte aus der Beobachtung, wie Papst Franziskus ihn seit 2023 im Vatikan positioniert hatte.

Wie empfanden Sie seine Wahl des Namens Leo XIV.?
Zunächst war ich erstaunt. Ich habe dann meinen Generalprior Alejandro Moral Antón gefragt, ob er sich einen Reim machen könne. Er meinte, Robert würde an Papst Leo XIII. anknüpfen, und zwar in zweierlei Hinsicht: Leo XIII. galt mit der Katholischen Soziallehre als der große Sozialpapst – und das ist auch ein Teil des Programms von Leo XIV. Und zweitens war Leo XIII. uns Augustinern sehr wohlgesinnt.

Wann sind Sie sich das erste Mal begegnet?
1982 in Rom, als ich dort studierte und er dort studierender Priester war. Wir haben damals einiges zusammen unternommen, weil wir beide gerne bei den italienischen Brüdern waren. Nach unserem Studium haben wir uns dann erst wieder 2003 getroffen. Ich war aus meiner Mission im Kongo zurück in Deutschland, er war nach seinen Stationen in Peru und Chicago in Rom. Als Generalprior, also Ordensoberer, kam er nach Deutschland zu einem Kapitel – unserer Versammlung – und dann in den folgenden Jahren immer wieder, wenn er alle Konvente besuchte.

In welcher Sprache unterhalten Sie sich eigentlich mit dem Papst?
Wir sprechen in der Regel Italienisch, manchmal Englisch. Er kann noch gut Spanisch sprechen. Deutsch kann er lesen, aber nur bedingt sprechen, das Gleiche gilt für Französisch. Wenn wir in Afrika zusammen unterwegs waren, habe ich für ihn meist vom Englischen ins Französische übersetzt.

Welche Eigenschaften halten Sie bei Papst Leo XIV. für bemerkenswert?
Er ist ein Mensch, der ganz bewusst Dinge mit sich im Gebet ausmachen kann. Ich bin auch ein betender Mensch, aber nicht so wie der Papst. Ich habe das auch früher schon erlebt, dass er sich extra für ein Gebet in eine Kapelle setzt. Und achten Sie mal darauf, wenn im Fernsehen eine Messe mit ihm übertragen wird, wie konzentriert er die Eucharistie feiert – das hat noch mal eine andere Intensität als bei vielen anderen Geistlichen.

Und ihn zeichnet aus, dass er wie kein Papst vor ihm einen Blick auf die ganze Welt besitzt. Als Generalprior der Augustiner hat er alle 46 Länder, in denen wir vertreten sind, bereist. Als Bischof in Peru hat er die letzten Winkel besucht. In Afrika war ich mit ihm in Gegenden, in die normalerweise kein Auswärtiger hinkommt. Es ist ein Unterschied, ob ich eine geführte Tour mache oder völlig unerkannt reise.

„Die Diskussionen, ob Leo XIV. konservativ oder liberal ist, gehen ins Leere.“

Pater Franz Klein OSA

Konnte man ihm seine Herkunft als Amerikaner anmerken?
Überhaupt nicht. Was sein Leben viel entscheidender geprägt hat als die Landsmannschaft, war das Aufwachsen in einem sehr katholischen Elternhaus – da gab es über Glauben keine Diskussion. Seine Heimat ist der Glaube, nicht irgendein Staat. Es war bemerkenswert, dass er in seiner ersten Ansprache als Papst weder die USA noch Peru erwähnt hat, sondern sagte: „Ich bin Augustiner." Das definiert ihn mehr als alles andere. Und er ist geprägt von der Frage der Einheit der Christen, vom Wort im Johannes-Evangelium: „Dass alle eins seien.“ Und diese Einheit kann in einer Vielfalt verwirklicht werden. Deshalb gehen die Diskussionen, ob Leo XIV. konservativ oder liberal ist, ins Leere.

Wie würden Sie ihn im Umgang beschreiben?
Er war und ist ein ruhiger Typ, der sich nie groß produziert hat. Er ist achtsam, kann Menschen gut führen und ist ein guter Zuhörer. Dass er jetzt einmal jährlich alle Kardinäle zu sich ruft, passt ins Bild und zeigt mir, dass er weiter die Meinung anderer hören möchte. Was mich am meisten an ihm beeindruckt hat, ist, dass er seinen Mitarbeitern etwas zutraut und delegieren kann. Ich habe es oft erlebt, dass er gesagt hat: „Du kannst das besser, mach du das!“

Könnten Sie ihm auch einmal die Meinung sagen?
Man kann natürlich nicht einfach zum Papst gehen und sagen: „Ey, hör mal zu!“ Da habe auch ich Respekt vor ihm, selbst wenn wir uns schon so lange kennen. Wir reden offen miteinander, aber das bleibt unter uns und geht niemanden etwas an. Wenn wiederum ihm etwas nicht passt, macht er das durchaus deutlich, aber in respektvoller Weise. Wir haben uns daher auch nie gestritten, sondern konstruktiv ausgetauscht. Wir konnten uns die Dinge einfach sagen – das ist ein großes Geschenk.

Ein ruhiger, besonnener Mensch, der zuhört – das hört sich nach dem genau richtigen Papst für diese Zeiten an …
Das empfinde ich so. Man hat das doch jetzt in der Auseinandersetzung, die Trump mit ihm angefangen hat, deutlich sehen können. Papst Leo XIV. hatte nur darauf hingewiesen, dass Krieg führen nicht im Sinne des Evangeliums ist. Dazu ist er berufen. Wie kann dann jemand, der einen Staat führt, so agieren?

Haben Sie sich seit seiner Wahl zum Papst wiedergesehen?
Am 8. Mai wurde er gewählt, in der Nacht haben wir uns geschrieben und am 13. Mai, zufällig mein Geburtstag, haben wir uns in Rom getroffen. Er hat mit uns eine Messe gefeiert und ich habe mich an die Orgel gesetzt. Nach dem Evangelium erklärte er: „Fangen wir mal mit dem Leichtem an: Franz, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“

Interview: Ralf Augsburg, Online-Redakteur
 

Zur Person

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Pater Franz Klein, geboren 1959, stammt aus dem unterfränkischen Schraudenbach. 1979 trat er in den Augustinerorden ein, 1986 wurde er zum Priester geweiht. Nach einem Kaplansjahr war er 1988 bis 1999 in der Mission in der Demokratischen Republik Kongo tätig. Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er Kaplan und bald darauf Pfarrer in Walldürn, dem bekannten Wallfahrtsort im Odenwald. Ab Sommer 2007 übernahm er im Konvent im baden-württembergischen Messelhausen das Amt des Priors, doch schon kurz darauf ereilte ihn der Ruf aus Rom: Beim Generalkapitel 2007 wurde er zu einem der Generalassistenten des Ordens gewählt (zuständig für Afrika und Nordeuropa) und damit für sechs Jahre zu einem engen Mitarbeiter von Robert Prevost. Nach zwei weiteren Amtszeiten zunächst als Generalassistent und später dann auch als Generalökonom in Rom kehrte Pater Franz nach Deutschland zurück und wurde am 1. März 2026 Konventuale des Konventes Maria Eich in Planegg, um dort in der Seelsorge mitzuarbeiten.