Papst Franziskus hat 2015 mit „Laudato si’“ die erste Umwelt- und Sozialenzyklika veröffentlicht. Darin forderte er einen ganzheitlichen Einsatz für die Schöpfung. Wie setzen wir sein Vermächtnis für mehr Klima- und Umweltschutz heute um?
Die Menschen tragen die Verantwortung für die Erde als „gemeinsames Haus“. Diese Botschaft aus der wegweisenden „Laudato si’“ ist heute mehr denn je ein Appell zum Handeln. Ein Gespräch mit Mattias Kiefer, Umweltbeauftragter der Erzdiözese München und Freising, über das Engagement, das durch die Enzyklika angestoßen wurde und über neue Herausforderungen.
Herr Kiefer, warum ist „Laudato si’“ nach wie vor aktuell?
Mattias Kiefer: Die ökologischen Katastrophen nehmen ungehindert ihren Lauf, auch wenn die Mehrheit dies lieber ignoriert. Zugleich geht die soziale Schere national wie global immer weiter auf. Was sich im Vergleich zu 2015 geändert hat: Vor allem die Lobby der fossilen Industrie und rechtspopulistische Kreise waren sehr erfolgreich damit, den Klima- und Artenschutz fälschlicherweise als ausschließliches Thema eines bestimmten Milieus sowie als Identitätsmarker in immer stärker polarisierten Kulturkämpfen darzustellen – als wenn der Erhalt der Lebensgrundlagen nicht Anliegen aller sein müsste.
Die erste Umweltenzyklika, die ein Papst je veröffentlicht hat, war ein Weckruf. Welche Botschaft hat Sie damals besonders angesprochen, mit welchen Hoffnungen sind Sie gestartet?
Besonders bewegt hat mich die klare Verknüpfung der sozialen mit der ökologischen Frage mittels des Scharniers der Gerechtigkeit. Außerdem der Bezug auf die eigene Würde als zentrales Argument auf die Warum-Frage (siehe „Laudato si‘“, Nummer 160). Und schließlich das Einbringen einer ökologischen im Sinne einer ganzheitlichen Spiritualität als wesentlicher Stütze für entsprechendes Handeln.
Aus theologiegeschichtlicher Sicht bedeutsam fand ich die Aussage von Papst Franziskus, dass der biblische Hege- und Pflegeauftrag aus dem Buch Genesis 2,15 als Maßstab für den sogenannten Herrschaftsauftrag aus Genesis 1,28 dienen muss. Damit wurde einem jahrhundertelangen Missbrauch dieser Schriftstelle endgültig der Boden entzogen.
Die Enzyklika hat mit dazu beigetragen, dass im Sommer 2015 die „Sustainable Development Goals“ (SDGs) der Vereinten Nationen und im Herbst 2015 auf der COP in Paris das Pariser Klimaabkommen beschlossen werden konnten. Dies waren zwei Meilensteine, die die Hoffnung nährten, dass die Menschheit endlich verstanden hatte, was auf dem Spiel steht: das Ende der Welt, wie wir sie kennen.
Was hat sich durch „Laudato si’“ in unserem Erzbistum verändert?
Unser Erzbistum hatte bereits vor Erscheinen der Enzyklika eigene diözesane Nachhaltigkeitsleitlinien veröffentlicht. Im Fortgang konnten ehemalige Projektstellen in feste Stellen umgewandelt werden. Zwei Förderlinien zum Klimaschutz wurden aufgelegt, Bildungsschwerpunkte umgesetzt, Förderanträge beim Bund gestellt und vieles mehr.
In den Pfarreien haben sich viele, auch motiviert durch die Enzyklika, auf den Weg gemacht, vor allem im Bereich der Energiewende, aber auch bei konkreten Bildungs-, Arten- und Naturschutzprojekten. Soll so etwas Erfolg haben, geht das nie ohne gute Zusammenarbeit aller Beteiligter – Haupt- und Ehrenamtliche gleichermaßen.
Lade Bild...Umweltbeauftragter Mattias Kiefer„Klimaschutz und Schöpfungsschutz haben nur Erfolg, wenn alle gut zusammenarbeiten.“
Was können wir von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der Umsetzung von „Laudato si’“ lernen?
Papst Franziskus beschreibt in seiner Enzyklika eine Haltung des kindlichen Staunens und Entdeckens. Von jungen Menschen können wir die Fähigkeit, neugierig und hoffnungsvoll auf die Welt zu schauen, (wieder) lernen. Bei der Umsetzung der Anliegen der Enzyklika ist ein solch offener und unvoreingenommener Blick enorm wichtig, weil es darum geht, eingefahrene Muster zu verlassen und neue Wege zu gehen.
Welche spirituellen Impulse aus „Laudato si’“ tragen Sie persönlich im Alltag?
„Laudato si“` beschreibt eine Spiritualität, die „nicht von der Leiblichkeit, noch von der Natur oder den Wirklichkeiten dieser Welt getrennt ist, sondern damit und darin gelebt wird, in Gemeinschaft mit allem, was uns umgibt“ (siehe „Laudato si‘“, Nummer 216).
Hier findet sich ein Kernanliegen des ganzen Pontifikats von Papst Franziskus, gebündelt in einem Satz. Und zudem hoch anschlussfähig, weil dies Jeder und Jede unmittelbar selbst erfahren kann: im Kreise der eigenen Lieben, unter Freundinnen und Freunden, im Wald, am Wasser, auf dem Berg.
Und wenn uns der Papst ganz am Ende der Enzyklika in der Nummer 244 zuruft „Gehen wir singend voran!“, dann hat er nochmal meine tiefste Zustimmung.
Wie wird „Laudato si’“ in unserem Erzbistum weitergeführt?
Auch zukünftig helfen, eine Grundhaltung zu leben, die sich aus unserem Glauben für Gottes Schöpfung einsetzt. Konkret wird das beim Schutz der Artenvielfalt, dem sparsamen Umgang mit Ressourcen, dem Streben nach Klimaneutralität und dem Fördern sozialer Gerechtigkeit. Diese Werte wollen wir weiter in der Praxis verankern und so die Botschaft von „Laudato si’“ weitertragen.
Lade Bild...Umweltbeauftragter Mattias Kiefer„Kirche hat die Verpflichtung, sich in gesellschaftliche Debatten einzubringen.“
Hat Kirche im Bereich Klima- und Artenschutz Einfluss auf Politik und Gesellschaft?
Sie hat auf Grundlage des Evangeliums die Verpflichtung, sich in wichtige gesellschaftliche Debatten einzubringen. Die Fragen nach der Zukunftsfähigkeit des Planeten und nach sozialer Gerechtigkeit zählen da sicher dazu. Ein wichtiger erster Schritt ist, dass die Kirche ihre eigene Botschaft ernst nimmt, danach handelt und mit gutem Beispiel vorangeht.
Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft schauen – was würden Sie sich wünschen, dass sich bis dahin sichtbar verändert hat?
In meiner Zukunftsvision singen Christinnen und Christen in Gottesdiensten regelmäßig den Lobpreis Gottes des Schöpfers und seiner Schöpfung. Kirchorte sind erkennbar als Orte des „buen vivir“, des „guten Lebens für alle“. Als Gesellschaft haben wir eingesehen, dass der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen keine Frage von Kulturkämpfen, sondern des buchstäblichen Überlebens ist. Geblieben ist hoffentlich, dass wir dann immer noch in Frieden und im Rahmen einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung leben dürfen.
Was kann Jede und Jeder von uns tun, um die Botschaft von „Laudato si’“ lebendig werden zu lassen?
Die Enzyklika lesen, sich eine eigene Meinung bilden und eine Haltung entwickeln, um aus „persönlicher Verwandlung heraus“ neue Gewohnheiten zu entwickeln, „bis es zum Lebensstil wird“ (siehe „Laudato si’“, Nummer 211). Und über all dem das Feiern und Singen nicht vergessen!
Mattias Kiefer hat Philosophie und Theologie studiert, ist seit 2007 Umweltbeauftragter der Erzdiözese München und Freising und seit 2010 Sprecher der AG der Umweltbeauftragten der deutschen (Erz-)Diözesen; er leitet die Abteilung Umwelt im Erzbischöflichen Ordinariat München.
Leitung: Mattias Kiefer
Kapellenstraße 4
80333 München