Inmitten des gutbürgerlichen Stadtteils Neuhausen steht der gläserne Bau der Pfarrkirche Herz Jesu. Architektur, Raumstruktur und Ausgestaltung sind völlig neuartig und doch reich an traditionellen Bezügen.
1890 Errichtung einer Notkirche (1944 durch Bombenangriff zerstört) / 1948-51 Neubau durch Friedrich Haindl (1994 durch Brand zerstört) / 1998-2002 Neubau der Kirche nach Plänen der Münchner Architektengemeinschaft Allmann, Sattler, Wappner
Leitidee ist der Dialog von Offenheit nach außen und Geborgenheit im Inneren, getragen und geführt durch das Licht als Inbegriff des Transzendenten. In die schlichte, kubische Glashülle sind dreiseitig Holzlamellenwände aus hellem Ahorn eingestellt, die das allseitig einfallende Tageslicht subtil modellieren und zielgerichtet zum Altarbereich mit seiner Rückwand aus Metallgewebe lenken. Aus dem niedrigen, dunklen Eingangsbereich unter der Orgel führt der Weg in eine sich stetig steigernde Lichtfülle und Weite. Diese geht mit einer unmerklichen Neigung des Bodens einher, so dass der Raum wie selbstverständlich zum hellen Altarstein strebt. Lichtschächte im Boden beschreiben die fünf Wunden Jesu, wobei die namengebende Herzwunde sich im Mittelgang zwischen Taufe und Altar befindet. In seltener Konsequenz ist das Licht in all seinen Facetten und Qualitäten gegenwärtig.
Der spektakulärste Teil der Kirche offenbart sich zu besonderen Anlässen: Zwei fassadenhohe Portalflügel öffnen sich in einladender Geste zum Kirchplatz und deuten diesen zum Atrium der Kirche um. Die tiefblau leuchtende Glasgestaltung des Briten Alexander Beleschenko zeigt eine eigens erdachte „Nagel-Schrift“, die an uralte Keilschriften erinnert. Die so „übersetzten“ Textpassagen sind dem Passionsbericht nach Johannes entnommen, der zentralen Grundlage für die Herz-Jesu-Verehrung und somit für das Patrozinium der Kirche.
Der Kreuzweg des Münchner Fotokünstlers Matthias Wähner zeigt zeitgenössische Fotoaufnahmen der seit dem Mittelalter als authentisch verehrten Stationen der Via Dolorosa in Jerusalem. Im radikalen Verzicht auf das Bild Jesu tritt der narrative Charakter zugunsten des Ursprungsgedankens eines Kreuzwegs zurück: Das individuelle Abgehen des Leidenswegs Jesu und die damit verbundene persönliche Meditation und Compassio. Transparent und vor den gläsernen Außenwänden stehend, wirken die Bilder durchlichtet nach innen wie außen.
Im Eingangsbereich der Kirche befindet sich als einziges Bildwerk des Vorgängerbaus ein expressiver Kruzifixus des Münchner Bildhauers Karl Knappe von 1960. Aus einem massiven Stamm schält sich die Figur des Gekreuzigten, eine bildnerische Konzeption, in der Knappe einen unmittelbaren Schöpfungsbezug sah. Die deutlich sichtbaren Brandspuren setzen einen Kontrapunkt zu den feinen Oberflächen der Architektur und erinnern an das Schicksal der alten Kirche. Zugleich werden Assoziationen zum Leiden Jesu am Kreuz geweckt.
Anfahrt mit ÖPNV (U1, Haltestelle Rotkreuzplatz), barrierefreier Zugang