Am Rande des Bildes legt eine Frau mit traurigem Blick ihren Kopf auf ihre Arme
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Einsamkeit trifft so viele Menschen, dass es bei weitem kein Randproblem darstellt. Darauf macht eine aktuelle bundesweite Aktionswoche aufmerksam.

Fast jeder Zweite betroffen: Wie Einsamkeit junge Menschen trifft – und was wir tun können

Es ist wohl die Altersgruppe, die man am wenigsten mit Einsamkeit verbinden würde. Doch Studien zeigen: Fast jeder zweite junge Mensch ist betroffen. Woran man Einsamkeit erkennt – und was dagegen helfen kann.

Die Coronakrise scheint inzwischen weit entfernt. Geblieben sind jedoch tiefe Spuren – besonders bei jungen Menschen, die durch Lockdowns und Einschränkungen genau jene Lebensphase verloren haben, die für persönliche Entwicklung sowie berufliche und private Weichenstellungen so prägend ist. Heute sind viele von ihnen erwachsen – und oft einsam.

„Zu erkennen und überhaupt benennen zu können, dass Einsamkeit der Grund für die eigene Traurigkeit ist, ist bereits ein großer Schritt, in jeder Altersgruppe“, sagt Christina Unterhaslberger vom Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDI) des Caritas-Zentrums Miesbach. „Die jungen Betroffenen sind meist gar nicht allein. Sie haben ein Umfeld, fühlen sich aber emotional einsam, weil ihnen das Gefühl von Verbundenheit fehlt.“

„Wir sind soziale Wesen. Verbundenheit zu spüren, ist ein Grundbedürfnis – ähnlich wie Essen oder Trinken.“

Christina Unterhaslberger, Psychologin (Caritas)

Gerade im Übergang ins Erwachsenenleben sei diese Verbundenheit entscheidend: um sich selbst kennenzulernen, sich auszuprobieren und Orientierung zu finden. Welcher Beruf passt zu mir? Wie möchte ich leben? Begegnungen mit anderen seien dabei oft prägend. „Sie inspirieren und motivieren – etwas, das Eltern allein irgendwann nicht mehr leisten können“, erklärt Simone Gilch. Sie ist ebenfalls Beraterin beim SPDI und hält anlässlich der aktuellen bundesweiten „Aktionswoche gegen Einsamkeit“ mit Unterhaslberger Vorträge zum Thema.

Menschen brauchen einander

Diese Erfahrung aus der Coronazeit ist vielen noch präsent: Während der Lockdowns fehlte der Austausch schmerzlich. „Wir sind soziale Wesen. Verbundenheit zu spüren, ist ein Grundbedürfnis – ähnlich wie Essen oder Trinken“, erklärt Unterhaslberger. „Deshalb löst Einsamkeit im Körper eine Stressreaktion aus. Evolutionsbiologisch ist das sinnvoll: Der Stress motiviert uns, wieder Kontakt aufzunehmen und unser Rudel nicht zu verlieren.“

Das Problem heute: Der Verlust des „Rudels“ bedroht nicht mehr unmittelbar unser Überleben. Deshalb bleiben viele in einer Spirale der Einsamkeit hängen. Die Folgen können gravierend sein: psychische Erkrankungen wie Depressionen, aber auch körperliche Belastungen durch Stress, Angst oder Schlafprobleme, die langfristig Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen können. „Bis man Einsamkeit als Ursache erkennt, vergeht oft viel Zeit – wenn sie überhaupt erkannt wird“, ergänzt Gilch.

Hinzu kommt: Über Einsamkeit wird ungern gesprochen. „Es ist ein schambesetztes Thema. Viele denken: Was sollen andere von mir denken, wenn ich keine richtigen Freunde und Kontakte habe?“, sagt Gilch.

Dabei sind sie mit diesem Gefühl nicht allein. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2024 sind 46 Prozent der jungen Menschen zwischen 16 und 30 Jahren von Einsamkeit betroffen, zehn Prozent davon schwer. Das zeigt sich deutlich auch in anderen Beratungsstellen und Seelsorgeeinrichtungen. Die TelefonSeelsorge in der Erzdiözese München und Freising bestätigt auf Nachfrage: „Einsamkeit und Isolation gehören seit vielen Jahren zu den häufigsten Themen in unseren Beratungen per Telefon, Chat und Mail. Im vergangenen Jahr kamen sie in 17 Prozent aller dokumentierten Gespräche zur Sprache. Das betrifft alle Altersgruppen – aber besonders auch Jugendliche und junge Erwachsene“, berichtet Tobias Lehner, langjähriger Mitarbeiter der TelefonSeelsorge.

„Wenn Eltern merken: Mein Kind wirkt nicht mehr glücklich, zieht sich dauerhaft zurück, nimmt an nichts mehr teil und es fehlt jede Leichtigkeit – dann sollte man aufmerksam werden und professionelle Hilfe holen.“

Simone Gilch, Systemische Therapeutin (Caritas)

Neben den Folgen der Lockdowns beobachtet man dort noch ein weiteres Phänomen: junge Menschen, deren Alltag vollständig durchgetaktet ist und die viel unter Menschen – und dennoch einsam sind. Der häufigste Satz am Ende eines Gesprächs und zugleich ein Anfang: „Danke, darüber konnte ich bisher noch mit niemandem sprechen.“

Woran wir Einsamkeit erkennen können

In die Beratung beim Caritas-Zentrum Miesbach kommen häufig zunächst die Eltern, berichten Gilch und Unterhaslberger. Dabei sei wichtig zu unterscheiden: Rückzug in der Pubertät sei zunächst normal. „Die Jugendlichen durchlaufen eine enorme Veränderung und brauchen Zeit für sich“, sagt Gilch. Alarmzeichen seien eher: „Wenn Eltern merken: Mein Kind wirkt nicht mehr glücklich, zieht sich dauerhaft zurück, nimmt an nichts mehr teil und es fehlt jede Leichtigkeit – dann sollte man aufmerksam werden und professionelle Hilfe holen.“

Unterhaslberger ergänzt: „Eltern geraten in große Not, wenn ihre erwachsenen Kinder kein soziales Netzwerk mehr haben und nicht ins Leben finden.“ Manche verbringen ihre Zeit am Computer, ohne sich dabei aber auszutauschen. Andere verlieren sich in sozialen Medien und vergleichen sich mit vermeintlich perfekten Leben – was die eigene Traurigkeit noch verstärkt.

In den schlimmen Fällen verlassen junge Erwachsene nicht einmal mehr zum Essen ihr Zimmer. „In der Beratung geht es dann oft darum, Eltern dabei zu unterstützen, ihre erwachsenen Kinder nicht dauerhaft zu versorgen, sondern eher zu einer Art ,Coach an der Seitenlinie‘ zu werden.“

Was Eltern tun können

Wie können Eltern dabei unterstützen, dass junge Menschen wieder ins Leben, in ein Miteinander finden? Freundschaften und soziale Netze entstehen nicht von heute auf morgen. Deshalb empfehlen die Beraterinnen kleine Schritte:

  • Darüber sprechen: „Das klingt banal, aber wenn Kinder klein sind, sprechen wir ganz selbstverständlich mit ihnen. Später vermeiden wir oft gerade die offensichtlichen Themen“, sagt Gilch. Sätze wie: „Du bist nur noch zu Hause – wie kann ich dich unterstützen?“ könnten ein guter Einstieg sein. Vergleiche wie „Dein Bruder schafft das doch auch“ seien dagegen wenig hilfreich.
  • Sich austauschen und Hilfe holen: Eltern können und müssen nicht alles allein lösen. Beratungsangebote oder Gespräche mit anderen Betroffenen können entlasten.
  • Mit kleinen Schritten beginnen: nicht sofort große Veranstaltungen planen, sondern niedrigschwellige Kontakte fördern – etwa kleine Besorgungen übernehmen lassen oder Familienrituale wie gemeinsame Mahlzeiten stärken.
  • Beratung und Hilfe holen

Hilfreich seien außerdem organisierte Gruppenangebote. Das Caritas-Zentrum in Miesbach bietet seit rund einem Jahr entsprechende Gruppen für junge Erwachsene an. „Wir beobachten eine sehr positive Entwicklung bei den Teilnehmern“, sagt Unterhaslberger. „Die ersten Treffen waren noch zurückhaltend – inzwischen organisieren sich die jungen Erwachsenen selbst und bringen viele Ideen für gemeinsame Aktivitäten ein.“ Auch in anderen Regionen lohne sich die Nachfrage bei der Caritas.

Neben der Caritas und der TelefonSeelsorge mit ihren anonymen Beratungsangeboten per Telefon, Chat und Mail ist die Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) in der Erzdiözese eine bewährte Anlaufstelle. Ratsuchende finden dort Einzelangebote wie Beratungen für die ganze Familie, ein breites, fundiertes Kursspektrum und hochqualitative Online-Beratung. Alle diese Einrichtungen stehen, unabhängig von Kirchenzugehörigkeit, allen Menschen offen. Orientierung bietet zudem das Kompetenznetz Einsamkeit (KNE) – ein bundesweites, vom Bund gefördertes Netzwerk, das 2021 ins Leben gerufen wurde und Forschung, Praxiswissen und Hilfsangebote zum Thema bündelt. Einsamkeit – ein lang unterschätztes Thema – gerät gesellschaftlich und politisch stärker in den Blick.

Wieder mehr aufeinander zugehen

 „Wahrscheinlich gibt es niemanden, der das Gefühl der Einsamkeit nicht kennt – und das sollte uns zu denken geben“, sagt Gilch. Wichtig sei: Das Thema gehe uns alle an, auch wenn es uns gerade nicht betrifft. Einsamkeit zieht sich durch alle Altersgruppen.

Die Mitarbeiterinnen des SPDI beobachten, dass Menschen früher häufiger miteinander Blickkontakt gehabt hätten und ins Gespräch gekommen seien. Heute dominierten der Blick aufs Handy statt Verbundenheit, die auch in kurzen Begegnungen möglich sei – wie beim Warten in der Bäckerei. „Man denkt vielleicht, solche Alltagskontakte seien unbedeutend. Aber sie haben einen enormen Einfluss auf unser Wohlbefinden.“

Ein kurzes Gespräch mit der Nachbarin? Für den einen vielleicht nur ein beiläufiger Moment, für sie aber vielleicht der wichtigste des Tages.

Vortrag unserer Gesprächspartnerinnen

Simone Gilch (systemische Therapeutin) und Christina Unterhaslberger (Psychologin) sind beratend beim Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDI) des Caritas-Zentrums Miesbach tätig. Im Rahmen der bundesweiten „Aktionswoche gegen Einsamkeit“  ab dem 24. Juni bieten sie den Vortrag „Jung und einsam“ an: zu den Terminen.

Katholische Erwachsenenbildung: Veranstaltungen

An der Aktionswoche gegen Einsamkeit beteiligt sich auch die Katholische Erwachsenenbildung mit einer Reihe von Veranstaltungen. Hier finden Sie den Überblick:

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Katholische Erwachsenenbildung: Einsamkeit

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Veranstaltungen zum Thema Einsamkeit

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