Im Erzbistum liegt im aktuellen Jahr ein großer Fokus auf einer bedeutenden Frau: Maria Magdalena. Die Aufmerksamkeit, die ihr derzeit zuteil wird, ist für Irmgard Huber auch so etwas wie eine Wiedergutmachung. Die Leiterin der Frauenseelsorge der Erzdiözese betont, dass an Maria Magdalena ein Rufmord begangen wurde, der bis heute nachwirke: „Viel spricht dafür, dass die Männer in der Nachfolge Jesu ein Problem hatten mit der herausragenden Rolle dieser Jüngerin, die der Auferstandene selbst zur Apostelin machte.“
Die Frauenseelsorge und andere Einrichtungen organisieren im Laufe dieses Jahres eine Reihe von Veranstaltungen für Maria Magdalena, unter anderem ist noch bis zum 23. Juli in der Jugendkirche die multimediale Ausstellung „Apostelinnen der Gegenwart – junge Frauen erzählen“ zu sehen. Grund ist ein zehnjähriges Jubiläum: Am 3. Juni 2016 stellte Papst Franziskus mit einem Dekret die besondere Rolle Maria Magdalenas als Erstzeugin der Auferstehung Jesu und als erste Botin zur Auferstehungsverkündung an die Apostel heraus. So feiern wir am 22. Juli 2026 das zehnjährige Jubiläum der Gleichstellung von Maria Magdalena mit den Aposteln. Irmgard Huber erklärt, warum das ein Meilenstein von großer Bedeutung ist.
Frau Huber, abseits aller Mythen – wer war Maria Magdalena?
Irmgard Huber: Gesichert ist ihr Name: Maria. Der Zusatz „Magdalena“ kann bedeuten, dass sie aus dem Ort Magdala am See Genezareth stammte. Doch „Magdala“ lässt sich auch übersetzen mit „Turm“ oder „Festung“. Deshalb kann man auch einen Beinamen vermuten: „die, die ist wie ein Turm, eine Festung“. Sie ist – sehr unüblich in der Welt der Bibel – über keinen Mann definiert, also nicht „Frau von …, Tochter von …“, „Schwester von …“, scheint also wohl eine ganz eigenständige Frau gewesen zu sein. Alter, Herkunft und sozialer Stand sind unbekannt.
Sie ist Zeugin der Kreuzigung, des Begräbnisses und der Auferstehung – als einzige Person aus dem engen Kreis um Jesus. Sie ist neben Jesus die Konstante, die sich durchzieht durch alle Evangelien, durch alle Schlüsselszenen. Der Auferstandene wählt sie als Erstzeugin für die Osterbotschaft – in einer Zeit, als das Zeugnis von Frauen als wertlos erachtet wurde.
Es gibt zahlreiche Schriften außerhalb der Bibel, entstanden in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum sich zu einer Religion neben dem Judentum entwickelte, welche belegen, dass diese Maria, die man Magdalena nannte, die Jünger animierte, die Sache Jesu weiterzutragen. Sie erklärte ihnen, was sie nicht verstehen konnten, sie machte ihnen Mut, wenn sie sich fürchten. Ihre Redeanteile in diesen Texten sind gewaltig und überragen die der männlichen Jünger bei Weitem. Eine Frau wie ein Turm eben!
Wenn Maria Magdalena in den Evangelien als Zeugin der Auferstehung genannt wird, warum verblasste diese Rolle im Lauf der Jahrhunderte?
Viel spricht dafür, dass die Männer in der Nachfolge Jesu ein Problem hatten mit der herausragenden Rolle dieser Jüngerin, die der Auferstandene selbst zur Apostelin machte. In den schon erwähnten außerbiblischen Texten, den sogenannten Apokryphen, sind etliche Szenen beschrieben, in denen einzelne Apostel eifersüchtig auf diese Vorzeigeschülerin Jesu reagieren: Kann es sein, dass sie mehr weiß als wir? Schneller kapiert als wir? Dem Herrn näher stand als wir? Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Frau uns sagen will, wo‘s langgeht!
Bereits der Beiname „Apostelin der Apostel“, den die Kirchenväter für sie verwendeten und der wie eine Auszeichnung klingt, schmälerte ja schon ihren Auftrag: Die Apostelin wird zu den Aposteln gesandt – und diese tragen die Botschaft dann in die Welt. Damit ist der Job der Frau erledigt. Die Männer übernehmen. Das gilt bis heute.
Am 22. Juli findet das Magdalenenjahr mit dem Magdalenenfest und einem Festgottesdienst in der Münchner Kirche St. Michael seinen Höhepunkt. Beim Gottesdienst mit Weihbischof Wolfgang Bischof wird Theresia Reischl, Leiterin der Erzbischöflichen Frauenkommission, eine Dialogpredigt halten. Zuvor versammeln sich vor der Kirche Frauen, die sich der Apostelin verbunden fühlen – gekleidet in Rot, der ikonographischen Farbe der Maria Magdalena. Sie werden zum Kanon „Der Himmel geht über allen auf“ gemeinsam singen und tanzen. Jede ist willkommen, um Anmeldung wird gebeten.
Papst Gregor der Große demolierte gegen Ende des 6. Jahrhunderts durch eine Predigtreihe Magdalenas Ruf endgültig, indem er sie mit anderen salbenden und sündigenden Frauen der Bibel sowie anderen Marien in einen Topf warf. Dadurch ging ihre Identität verloren. Dafür bekam sie einen neuen Beinamen: Magna Peccatrix, Große Sünderin.
Durch Verschmelzung mit Maria von Bethanien galt Magdalena nun als die faule, unzüchtige, verschwendungssüchtige Schwester der Marta. Wegen ihres Lotterlebens erregte sie überall Anstoß. Weil der Herr die Sünder so sehr liebte, wandte er sich ihr zu und konnte sie bekehren. Doch dafür ging sie ihm nicht mehr von der Naht. Das war lästig, aber Jesus war gutmütig und sie durfte mitlaufen. So der Grundduktus der blumigen Geschichten, die man sich über sie erzählte. In den Geschichten starb sie schließlich als Büßerin – und wurde Patronin der leichten Mädchen. In der Kunst wurde sie beliebtes Motiv, weil man sie halbnackt oder leicht bekleidet darstellen konnte, ohne selbst als unmoralisch zu gelten.
Was kann die Botschaft dieser Frau für die Kirche heute sein?
Der Rufmord an Maria Magdalena ist nicht nur ein Skandal, den mächtige Männer der Kirche zu verantworten haben, er wirkt obendrein bis heute nach. Schaut man mit wachen Augen auf die Stellung dieser Frau im Kreis des biblischen Jesus, kommt man nicht um die Erkenntnis herum: Eigentlich müsste die Stellung der Frau in der Kirche heute eine andere sein, wenn doch Jesus selbst damals eine eigenständige Frau an den Anfang der nachösterlichen Glaubensgemeinschaft stellte. Die ganzen Diskussionen hinsichtlich der Frage nach kirchlichen Ämtern für Frauen wären überflüssig, würde man die herausragende Rolle von Maria Magdalena endlich anerkennen. Die Maria-Magdalena-Initiative in unserem Erzbistum ist weit mehr als eine Bildungsoffensive, um Wissenslücken zu schließen. Sie ist ein Baustein hin zu einer geschwisterlichen Kirche.
Interview: Ralf Augsburg, Redakteur
In der Pfarrei St. Georg in Freising finden im Juli 2026 verschiedene Veranstaltungen rund um Maria Magdalena statt, darunter eine Installation unter dem Titel: „Maria Magdalena. Die 13. Apostelin. Verdrängt - verunglimpft - wiederentdeckt“ der Künstlerinnengruppe Sturmwind. Weitere Informationen finden Sie auf der Seite der Pfarrei.