„Es gibt nur fünf Brote und zwei Fische. Und dieses Wenige soll reichen für Abertausende?“ Die Reaktion der Menschen in der biblischen Erzählung von der Brotvermehrung sei zunächst Skepsis, sagt Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, in einem Beitrag für die Rundfunkreihe „Zum Sonntag“, der am 2. August auf Bayern 2 ausgestrahlt wurde. Umso wunderbarer sei es, dass am Ende sogar noch etwas übrigbleibe, nachdem für alle gesorgt sei.
Die Erzählung könne auch heute daran erinnern, wie wichtig es sei, über die Verteilung knapper werdender Mittel nachzudenken und sich um Ausgleich und größtmögliche Gerechtigkeit für alle Generationen zu bemühen. In der Szene übergebe Jesus uns einen klaren Auftrag: „Niemanden aus dem Blick zu verlieren, für sich und für die anderen zu sorgen, nicht so schnell aufzugeben, sich verantwortlich zu fühlen für das Wohl aller.“ Das sei ein großes Ideal. „Aber wenn wir uns erst gar nicht darum bemühen, wie sollte sich dann je etwas zum Besseren wenden? Wenn wir das schon im Ansatz schaffen, um wie viel größer muss dann die liebende Sorge Gottes für alle Geschöpfe sein?“ Von diesem Vertrauen erzähle das Gleichnis: „Die Liebe Gottes vergisst niemanden, und sie spiegelt sich auch in unserer Bereitschaft zur Solidarität und im Streben nach Gerechtigkeit.“
Kardinal Reinhard Marx„Das ist doch die Basis unseres Miteinanders: Wir sind Mensch – miteinander und füreinander.“
Solidarität und Gerechtigkeit seien zentrale Bausteine für den sozialen Frieden und den Zusammenhalt in unserem Land. Häufig werde beklagt, dass Menschen immer egoistischer und individualistischer würden. Gleichzeitig erlebe man täglich, „dass es kein Ich ohne Du gibt, kein Ich ohne Wir. Und das ist doch die Basis unseres Miteinanders: Wir sind Mensch – miteinander und füreinander.“
Auch der Sozialstaat der Zukunft werde nicht krisenfester, wenn lediglich an einzelnen Stellschrauben gedreht werde. Entscheidend sei vielmehr die Grundüberzeugung, dass alle Menschen der Solidarität bedürften und zugleich zum solidarischen Handeln verpflichtet seien: „Es gibt niemanden, der nichts beitragen kann zu einem gelingenden gesellschaftlichen Miteinander!“ Solidarität sei „Ausdruck einer Haltung gegenseitigen Wohlwollens“. Deshalb sei es wichtig, auch gegen alle Versuche der Spaltung durch extremistische Kräfte klar zu wiederholen: „Alle sind im Blick.“
In diesem Zusammenhang erinnert Marx auch an die besondere Würde älterer Menschen und der Großeltern. Papst Leo XIV. habe kürzlich den Erfahrungsschatz eines langen Lebens ebenso wie die Herausforderung der Gebrechlichkeit betont. Beides sei „gerade nicht Defizit oder gar Last, sondern eine unverzichtbare Bereicherung“. Eine älter werdende Gesellschaft sei „nicht nur eine Belastung, sondern auch ein Reichtum“, so Marx. (glx/af)
Hören Sie hier den Beitrag „Zum Sonntag“ von Kardinal Marx im Bayerischen Rundfunk nach: