München, 8. September 2026. Kardinal Reinhard Marx hat die Bedeutung der Kirche und des christlichen Glaubens innerhalb der Zivilgesellschaft und für Staat wie Politik unterstrichen. „Ich kann mir keine Kirche vorstellen, die nicht ihre Prinzipien wie Nächstenliebe, Toleranz, Solidarität in die Gesellschaft einbringt. Nächstenliebe ist politisch!“, so der Erzbischof von München und Freising am Dienstagabend, 8. September, bei einer Dialogveranstaltung mit Bayerns Staatsminister des Inneren, für Sport und Integration, Joachim Herrmann, im Odeon des Bayerischen Innenministeriums in München. Der Abend, an dem Marx und Herrmann unter anderem über das Verhältnis von Staat und Kirche in einer Gesellschaft im Wandel sprachen, bildete den Auftakt einer Gesprächsreihe des Bayerischen Innenministers mit Vertreterinnen und Vertretern von Religionsgemeinschaften, in der es um die Bedeutung von Religion für Demokratie, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt und den interreligiösen Dialog gehen soll.
Christliche Maximen wie: ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ gehörten zu den „Grundlagen der Demokratie“, erklärte Marx mit Bezug auf die Überzeugung des französischen Staatsmanns und Gründervaters der Europäischen Union, Robert Schumann: „Ohne diese Grundlage können wir die Demokratie beerdigen.“ Aus dem christlichen Menschenbild, nach dem alle Menschen Ebenbilder Gottes sind, leitet sich Marx zufolge auch ab, „dass in unserem Gemeinwesen alle Individuen die gleichen Rechte haben“. Insofern sei der christliche Glaube geradezu ein „Schwungrad“ für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft, gab sich der Kardinal überzeugt. Zugleich räumte er ein, dass auch die Kirchen und die Religionsgemeinschaften ihre „Hausaufgaben machen müssen“. Ausgrenzungs- und Abgrenzungsphantasien, die „es in allen Religionen“ gebe, dürften auf keinen Fall geduldet werden.
Offenheit und die Bereitschaft zum Dialog seien unerlässlich für eine freie und demokratische Gesellschaft, auch wenn damit oftmals Herausforderungen verbunden seien, so Marx: „Dialog kann anstrengend sein, man muss sich auf den anderen einlassen.“ Ein echter Dialog setze voraus, „dass wir voneinander wissen, dass wir uns füreinander interessieren“. Dies gelte besonders auch in Fragen von Migration und Integration, fügte Kardinal Marx hinzu.
Die Zukunft einer Gesellschaft hänge davon ab, „dass wir Vielfalt als Bereicherung sehen, Migration nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen“, sagte der Erzbischof. Menschen mit Migrationshintergrund stützten zahlreiche gesellschaftliche Bereiche wie Krankenversorgung, Pflege oder den öffentlichen Nahverkehr. Darüber müsse man mit den Menschen in den Dialog kommen, sie „auch aus ihren Blasen herausziehen“. Zu diesem Dialog leiste die katholische Kirche einen konkreten Beitrag, etwa indem sie in München mit dem Kreuzweg der Völker oder an Fronleichnam „eine Gemeinschaft, die Vielfalt feiert“, ganz konkret vor Augen führe. Oder, indem sie mit der katholischen Soziallehre eine Grundlage liefere für einen solidarischen Sozialstaat. Insofern warnte Marx vor einem Verschwinden der Kirche und des Glaubens aus der Gesellschaft: „Es hat Folgen, wenn hier Leerstellen entstehen. Eine Gesellschaft lebt davon, dass Menschen sich dazu entscheiden, das Gute zu tun.“ (ck)