München, 14. Juni 2026. Kardinal Reinhard Marx hat dazu aufgerufen, als Christinnen und Christen in einer gespaltenen Welt Zeugnis für Einheit, Versöhnung und Solidarität zu geben. In seiner Predigt im Münchner Liebfrauendom zum Hochfest des Heiligen Benno, des Stadtpatrons von München, betonte der Erzbischof von München und Freising, Geschichte lasse sich nie einfach als Besitz einer Seite erzählen. Gerade die Gestalt des Heiligen Benno könne heute neu als Brücke zwischen den Konfessionen verstanden werden.
Marx erinnerte daran, dass der Heilige Benno 1523 von Papst Hadrian VI. heiliggesprochen wurde und seine Verehrung bald in die Auseinandersetzungen der Reformationszeit hineingeriet. Geschichte sei immer von Perspektiven, Interessen und Deutungen geprägt. „Es kann nie eine Wahrheit über die Geschichte geben“, sagte Marx mit Blick auf die begrenzten Quellen und unterschiedlichen Erinnerungen. Gerade deshalb sei die Kirche herausgefordert, nicht neue Gegensätze zu verstärken, sondern Wege der Einheit zu suchen. Marx warnte davor, dass Religion auch heute weltweit für gesellschaftliche Spaltungen und Kulturkämpfe vereinnahmt werden könne. Die Kirche müsse demgegenüber ihrem Auftrag treu bleiben, „Instrument der Einheit zwischen Gott und den Menschen“ zu sein. Voraussetzung dafür sei, dass sie selbst um Einheit im Miteinander ringe.
Ökumene bedeute dabei nicht Gleichförmigkeit. „Wir brauchen keine Einheitskirche“, so der Kardinal. Nötig sei vielmehr eine Gemeinschaft von Christinnen und Christen, die in der Verschiedenheit ihrer Traditionen gemeinsam Zeugnis gibt. Einheit in „versöhnter Verschiedenheit“ sei ein Reichtum und zugleich ein wichtiges Zeichen für die Stadt München und die Gesellschaft insgesamt.
Der Kardinal ging schließlich auf das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium ein: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Diese drei Begriffe dürften nicht auseinandergerissen werden, betonte Marx. Christus als Weg zu verkünden, bedeute für die Kirche, den Weg Jesu mitzugehen: den Weg der Menschwerdung, der Nähe zu den Menschen, der Heilung, der Barmherzigkeit gegenüber den Schwachen, der Seligpreisungen, der Hingabe am Kreuz und der Eucharistie. Auch Wahrheit sei aus christlicher Sicht nicht bloß das Festhalten an richtigen Sätzen. „Der Glaube ist nicht das Abfragen von Sätzen“, sagte Marx. Wahrheit müsse mit der Praxis des Lebens und mit der Liebe verbunden sein. Wer die Wahrheit Gottes bezeugen wolle, müsse versuchen, in der Spur Jesu zu leben und diese Wahrheit in der Liebe sichtbar zu machen.
Mit Blick auf das Leben in Fülle wandte sich Marx gegen ein verkürztes Verständnis von Leben als Konsum, Besitz oder Verbrauch. Vielmehr berühre das Evangelium alle Lebensbereiche: die Sorge um Schwache, Kranke und Hoffnungslose ebenso wie Kultur, Fest, Feier, Kunst und Politik. Wenn die Kirche die Schwachen aus dem Blick verliere, „können wir die Zukunft der Kirche vergessen“, sagte der Kardinal.
Das Pontifikalamt zu Ehren des Heiligen Benno von Meißen war der feierliche Höhepunkt des Bennofestes, das am Wochenende in der Münchner Innenstadt gefeiert wird. Der Heilige Benno war Bischof von Meißen. Schon bald nach seinem Tod am 16. Juni 1106 wurde er verehrt und um Heilung und Wunder angerufen, 1523 wurde er heiliggesprochen. In den Wirren der Reformationszeit übergab 1576 der letzte katholische Bischof des alten Bistums Meißen die Reliquien des Heiligen an Herzog Albrecht V. von Bayern. Seit 1580 befinden sie sich im Münchner Liebfrauendom. So wurde aus dem sächsischen Bischof ein „bayerischer“ Heiliger. Besonders die Stadt München verehrt ihn bis heute als ihren Patron. Auch das 1921 wieder errichtete katholische Bistum Dresden-Meißen hat sich unter Bennos Schutz gestellt. (rs)