„Kirche geht zu den Menschen“, heißt es im Leitbild der Erzdiözese. Und wenn diese Menschen in München unter Tage an der 2. Stammstrecke arbeiten? Dann kommt Florian Wagner, Seelsorger für die Mitarbeitenden der 2. Stammstrecke, immer mit einem offenen Ohr für deren Sorgen und Nöte eben zu ihnen.
Florian Wagner hat sicherlich einen der ungewöhnlichsten Arbeitsplätze im Erzbistum. Den Gemeindereferenten aus Freising trifft man in keiner Kirche oder einem Pfarrheim an, sondern in einem Baustellencontainer an der Donnersbergerbrücke. Oder auf den Baustellen der 2. Stammstrecke, denn diese sind schon ausweislich seiner Berufsbezeichnung als „Seelsorger für die Mitarbeitenden der 2. Stammstrecke“ sein Einsatzgebiet. Seine Tätigkeit vollbringt er auf einer der innovativen Funktionsstellen, welche die Erzdiözese im Rahmen des Gesamtstrategieprozesses eingerichtet hat. Im Interview erzählt der 44-Jährige von den Herausforderungen über und unter Tage, den Bedürfnissen der Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter und welche Ereignisse ihn besonders beeindruckt haben.
Herr Wagner, wo steht eigentlich Ihr Schreibtisch?
Florian Wagner: Mein Büro ist in einem Container untergebracht, der direkt auf der Baustelle an der Donnersbergerbrücke steht. Ein weiterer Schreibtisch steht in einem Container bei der DB InfraGo an der Hackerbrücke.
Wie unterscheidet sich Ihre Tätigkeit als Seelsorger für die Mitarbeitenden der 2. Stammstrecke von Ihrer früheren in der Stadtpastoral?
Früher saß ich überwiegend am Schreibtisch und war weniger unterwegs, um seelsorgerische Gespräche zu führen. Schaute ich aus dem Fenster in der Schrammerstraße, hatte ich die Baustelle auf dem Marienhof im Blick. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass das einmal mein zukünftiger Arbeitsplatz werden sollte, aber es sah schon sehr spannend aus. Als dann die Stelle in der Betriebsseelsorge frei wurde, musste ich nicht lange überlegen und habe mich beworben. Was beide Positionen verbindet, ist der Anspruch, überall in der Stadt Präsenz zu zeigen – jetzt auch unter Tage. Wenn ich mich auf den Baustellen bewege, benötige ich natürlich Helm, Schutzbrille und Schutzausrüstung – der sichtbarste Unterschied zu früher.
Welche besonderen Herausforderungen stellen sich Ihnen jetzt?
Hauptsächlich die vielen unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen der Mitarbeitenden. Da sind viele Menschen aus Polen, Slowenien, der Türkei, Portugal, Kroatien, auch eine Dänin und ein Franzose. Zum Glück gibt es bei jeder dieser Gruppen immer einen oder zwei, die Deutsch beherrschen und dann beim Übersetzen helfen können. Zur Not hilft dann auch mal ein Übersetzungsprogramm.
Florian Wagner„Bei einer so schweren und anstrengenden Tätigkeit ist es wichtig, sich auch mal etwas von der Seele reden zu können und jemanden zum Zuhören zu haben.“
Nicht alle Mitarbeitenden dürften katholisch sein. Wenden Sie sich auch an Andersgläubige?
Wenn ich zur Barbarafeier oder zum Workers Memorial Day – dem internationalen Tag des Gedenkens an Lohnarbeiter, die aufgrund von Arbeit getötet, verstümmelt beziehungsweise verletzt wurden oder erkrankt sind – einlade, dann in den verschiedenen Landessprachen – und da kommen auch diejenigen, die nicht katholisch sind. Jeder und jede ist herzlich willkommen! Die Barbara ist zwar eine christliche Heilige, hat aber für alle Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter eine wichtige Bedeutung, und so freut es mich, wenn auch die türkischen Mitarbeitenden kommen. Ich bin also der Ansprechpartner für alle, egal welcher Konfession und Herkunft.
Wie kommen Sie mit den Mitarbeitenden in Kontakt?
Ich nutze die Pausenzeiten, Schulungen und Zusammenkünfte, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und auszutauschen, wo eventuell der Schuh drückt. Von den Mitarbeitenden der der DB (InfraGo), für die ich auch zuständig bin, kommen auch mal Anrufe oder E-Mails, in denen ich für einen Termin angefragt werde. Eine wichtige Tätigkeit meinerseits ist auch die Weitervermittlung an andere Stellen, die bei konkreten Anliegen und Problemlagen weiterhelfen können. Ich stehe auch viel mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft in Kontakt und habe da einen ganz guten Draht entwickelt.
In welche inhaltliche Richtung gehen die Gespräche?
Die sind mannigfaltig wie das Leben selbst. Es geht um familiäre Themen, Fragen zur beruflichen Zukunft – ist das noch das Richtige für mich, wo will ich denn eigentlich hin, wie kann ich mich besser im Team integrieren? Trauerbewältigung bei Todesfällen in der Familie ist auch ein Thema.
Die Heilige Barbara, deren Gedenktag der 4. Dezember ist, an dem auch traditionell die Barbarafeiern der Bergleute stattfinden, ist die Schutzpatronin der Bergleute, Bauarbeiter und Dachdecker sowie der Artilleristen, der Gefangenen, Glockengießer und weiterer Berufe. Der Legende nach fand Barbara auf der Flucht vor ihrem heidnischen Vater in einer Felsspalte Zuflucht, die sich wie durch ein Wunder öffnete. Diese Rettung im Stein symbolisiert für die Bergleute den Schutz vor Gefahren, der Dunkelheit und Unfällen unter Tage.
Erhalten Sie auch eine Resonanz auf Ihre seelsorgerische Begleitung?
Erfreulicherweise ja. Hin und wieder meldet sich jemand bei mir, der mitteilt, dass ihm unser Gespräch weitergeholfen hat oder es einfach mal gutgetan hat, zu reden.
Gibt es Begebenheiten, die Sie besonders berührt haben?
Kürzlich fand die Grundsteinlegung am Marienhof statt, eine große Feierlichkeit. Damit ist wieder ein Meilenstein dieser Baustelle erreicht worden. Wenn da alle zusammen dieses Fest begehen, ist das beeindruckend. Man fühlt sich dann wie eine große Familie und auch ich mich als Teil des großen Ganzen. Gleiches gilt für die Barbarafeiern, bei denen mich die große Resonanz immer wieder sehr erfreut. Es gab aber auch einen Fall von Trauerbegleitung, der mich sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht hat.
Wenn es Sie nicht gäbe, was würde dann fehlen?
Eine Austauschmöglichkeit. Bei einer so schweren und anstrengenden Tätigkeit ist es wichtig, sich auch mal etwas von der Seele reden zu können und jemanden zum Zuhören zu haben.
Es hat trotz der enormen Größe dieses Bauprojekts in den letzten Jahren keinen Todesfall auf der Baustelle gegeben…
Toi, toi, toi – da bin ich sehr froh! Die Heilige Barbara wirkt. Kleinere Unfälle gibt es zwar, aber zum Glück nichts Schwerwiegendes. Es wird sehr viel für die Arbeitssicherheit getan, und zusammen mit der Heiligen Barbara hat das bislang gut geschützt.
Florian Wagner ist seit Dezember 2023 Seelsorger für die Mitarbeitenden der 2. Stammstrecke. Davor war er knapp zehn Jahre lang in der Stadtpastoral tätig, wo er für Projekte unterstützend zuständig war, die Kirche sichtbar in die Stadt bringen sollte, wie das Stadtfronleichnamsfest, die Stadtmaiandacht, das Bennofest und der Oktoberrosenkranz am Münchner Marienplatz. Daneben verantwortete er auch die Münchner Begleiter für die Kar- und Ostertage sowie für die Advents- und Weihnachtszeit und initiierte Aktionen wie zum Beispiel die „Entschleunigungsspur“ in der Münchner Fußgängerzone.