Fritz Gerlich blickt auf einem Schwarz-Weiß-Bild von 1932 von unten in die Kamera. Er trägt ein weißes Hemd, einen gestreiften Schlips und eine runde Brille mit Metallrahmen.
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Der Journalist und NS-Kritiker Fritz Gerlich wurde als einer der ersten Angehörigen des intellektuell und religiös geprägten Widerstands im KZ Dachau ermordet.
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Kardinal Marx zu Fritz Gerlich: „Wir müssen wach sein“

Mit dem Fritz-Gerlich-Filmpreis erinnern die Erzdiözese und das kirchennahe Medienunternehmen Tellux an den gleichnamigen Münchner Journalisten und NS-Kritiker. Kardinal Marx findet: Jeder der heute Lebenden schuldet ihm etwas.

Seit 2012 vergeben das kirchennahe Medienunternehmen Tellux und die Erzdiözese München und Freising den Fritz-Gerlich-Preis an Filmemacher, die sich wie Gerlich „gegen alle Formen des totalitären Machtmissbrauchs und der Erniedrigung wenden“, wie es im Statut heißt. Am 1. Juli war es in diesem Jahr so weit: Ausgezeichnet wurde „Lost Land“ von Akio Fujimoto, das den Schrecken der Vertreibung aus den Augen von Kindern zeigt. Das Epos gilt als erster Kinofilm, der in der Sprache der Rohingya gedreht wurde, einer sunnitischen, muslimischen Minderheit in Myanmar.

Die Jury würdigte Fujimotos Arbeit als „eine bemerkenswert sensible Inszenierung, die dokumentarische Authentizität mit eindringlicher Erzählkunst verbindet". Sandra Krump, Leiterin des Ressorts Bildung im Erzbischöflichen Ordinariat München und Jurymitglied, lobt den Film als „bemerkenswert": „Aus der Geschichte junger Menschen auf der Suche nach Rettung wird eine universelle Erzählung über Verantwortung."

Nominiert waren zudem „Drei Kameradinnen“ der Regisseurin Milena Aboyan, eine Anklage der weißen Mehrheitsgesellschaft, und „Hijra“ von Shahad Ameen, ein Mehrgenerationenporträt, das Saudi-Arabiens Vielfalt vor Augen führt. 

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, der den Preis traditionell überreicht, erinnert im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ (nur für Abonnenten) danach gefragt, ob die Lebenden von heute Fritz Gerlich etwas schuldeten: „Gerade in diesem Land sehr wohl: Wir müssen wach sein und jedem Versuch entgegentreten, dass Menschen in ihrer Würde und in ihrer Freiheit verletzt werden. Wenn wir es nicht tun, verraten wir ihn und die anderen Märtyrer.“

Kurzbiografie von Fritz Gerlich

Fritz Gerlich (1883-1934) war seit Anfang des 20. Jahrhunderts in München publizistisch tätig, in den 1920er Jahren als Chefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten", Vorgängerin der „Süddeutschen Zeitung“, ab 1930 mit seinem eigenen Blatt „Illustrierter Sonntag“, später „Der gerade Weg“. Calvinistisch erzogen, konvertierte er 1931 zum Katholizismus. Gerlich wandte sich aus christlicher Überzeugung scharf gegen Adolf Hitler und dessen Partei – auch wenn ihm bewusst war, dass ihn dies das Leben kosten könnte, sollten die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Ab März 1933 war Gerlich ohne Prozess in sogenannter Schutzhaft, in der Nacht auf den 1. Juli 1934 wurde er im Konzentrationslager Dachau erschossen.

Kardinal Marx mahnt in dem Interview: „Auch wenn du nicht für das verantwortlich bist, was deine Großeltern gemacht haben, kannst du doch aus deiner Familiengeschichte nicht aussteigen. Und man kann aus der Geschichte seines Landes nicht aussteigen. Man gehört dazu und ist mitverantwortlich für die Gegenwart und die Zukunft unseres Landes.“

Dass viele der NS-Täter Christen waren, „lässt mich nicht los“, bekennt der Erzbischof. „Sie haben gefoltert und getötet, als 'ganz normale' Menschen die schrecklichsten Grausamkeiten begangen.“ Die „schreckliche Erkenntnis“ sei, dass es jederzeit wieder passieren könne, dass Menschen anderen Menschen so Böses antäten. 

Kardinal Reinhard Marx spricht mit erhobener Hand in ein Mikrofon
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„Demokratie ist mehr als Wohlstand!“

Kardinal Reinhard Marx

Auch die aktuelle politische und soziale Lage biete Anlass zur Sorge, so der Kardinal. „Beunruhigt bin ich darüber, wie viele Menschen einer recht primitiv daherkommenden Ideologie zustimmen.“ Wichtig sei auch, sich den Wert von Demokratie vor Augen zu halten. „Wir müssen uns fragen, ob die Demokratie bei uns auch so gut funktioniert hätte, wenn wir in den letzten fünf Dekaden nicht Jahr für Jahr Wohlstandsgewinne gehabt hätten“, sagt Marx. „Ist der Wert der Demokratie auch erkennbar, wenn es Zeiten gibt, in denen nicht jeder ökonomisch das hat, was er vielleicht noch vor zehn Jahren hatte? Demokratie ist mehr als Wohlstand!“

„Ich fürchte, die Tendenz wächst insgesamt, Sicherheiten zu suchen, in die man sich einmauert und sich der Auseinandersetzung nicht stellt“, so der Erzbischof. Umso wichtiger sei es, sich „einzumischen, diese Gesellschaft zu prägen, die Demokratie und die Freiheit zu verteidigen. Andererseits müssen wir zugleich davon ausgehen, dass auch Gläubige die AfD wählen. Deshalb ist eine synodale Kirche im Dialog gerade heute so wichtig.“

Umgekehrt gelte es, den Einfluss von Auto- und Technokraten kritisch zu hinterfragen: „Einige Unternehmer sind mächtiger als Staaten“, warnt Marx. „Sie geben vor, sie wollten die Welt verbessern, dabei geht es ihnen auch darum, sie zu beherrschen.“ Einzelne strebten eine Fusion zwischen Mensch und Maschine, den sogenannten Transhumanismus, an. „Sie wollen den Menschen optimieren wie eine Datenbasis. Was für ein Wahnsinn! Dieser Weg führt wohl kaum zum guten Leben für alle, sondern entspringt einem totalitären Denken.“ (uq)