München, 8. Oktober 2026. Christoph Klingan, Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, hat eine Studie zu Gewaltvorwürfen am Studienseminar St. Michael in Traunstein gewürdigt und den Betroffenen für deren Mitwirkung gedankt. Die am Donnerstag, 8. Oktober, in Traunstein vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS) zusammen mit Betroffenen vorgestellte Untersuchung „,Wenn Du mitläufst, dann geht es…‘ Studie zu Vorwürfen physischer, psychischer und sexueller Gewalt am Studienseminar St. Michael in Traunstein (1960 bis 1990)“ ist laut Klingan ein „weiterer wichtiger Schritt in der Aufarbeitung von Gewalt in der Kirche in unserem Erzbistum“ und zugleich „ein wichtiges Element, um die Gegenwart und Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten“.
In seinem Statement bei der Vorstellung der Studie, die auf Initiative und unter Beteiligung von Betroffenen durch die Stiftung Studienseminar in Auftrag gegeben, von der Unabhängigen Aufarbeitungskommission in der Erzdiözese München und Freising als Projekt empfohlen und von der Erzdiözese finanziert wurde, betonte Klingan: „Es ist gut, dass es diese Studie gibt.“ Zu Beginn seiner Ausführungen dankte der Generalvikar persönlich und im Namen der Erzdiözese allen Betroffenen, die sich an der Studie beteiligten: „Mein hoher Respekt und besonderer Dank gilt den drei Betroffenen, die sich in besonderer Weise eingebracht haben, indem sie die Studie mitinitiiert haben.“ Man könne „nur erahnen, was diese aktive Mitwirkung an der Studie für Sie bedeutet. Sie haben großen Mut bewiesen, mich beeindruckt das wirklich sehr. Sie haben einen ganz wesentlichen Beitrag zum Zustandekommen der Studie geleistet.“
Die Lektüre der Studie habe ihn „sehr bewegt“, berichtete Klingan, „natürlich insbesondere die einzelnen Fallschilderungen, im Bewusstsein, dass hier ganz konkrete Menschen mit ihren Lebensgeschichten dahinterstehen“. Der Generalvikar bat „namens der Institution Kirche, der Erzdiözese München und Freising, um Entschuldigung für das, was Sie, die heute Anwesenden, aber auch andere, hier durch kirchliche Mitarbeiter erlitten haben“. Viele Seminaristen hätten ihre Zeit in Traunstein zwar positiv in Erinnerung, wie die Studie zeige und wie ihm auch aus der Betroffenengruppe geschildert wurde, doch berechtigterweise sei „der Fokus der Studie auf dem, was junge Menschen hier an Gewalt erlebt haben, psychischer, physischer und im Einzelfall auch im Kontext des Seminars sexueller Gewalt. Da gibt es nichts zu beschönigen.“ Aus dem persönlichen Austausch wisse er zugleich, dass es vielen Betroffenen „nicht um salbungsvolle Worte meinerseits geht, sondern das ehrliche und wahrnehmbare Bemühen der heute Verantwortlichen, aus der Vergangenheit zu lernen und vor allem Kinder und Jugendliche bestmöglich zu schützen“, sagte Klingan. Diesem Anspruch versuche die Erzdiözese seit 2010 verstärkt gerecht zu werden, so der Generalvikar. „Es wird viel dafür getan, dass das Studienseminar heute ein sicherer Ort für junge Menschen ist.“ Das gelte für alle Bildungseinrichtungen im Verantwortungsbereich der Erzdiözese, deren Standards sich grundlegend „unterscheiden von den in der Studie geschilderten Verhältnissen der Vergangenheit; sie sind fundiert im christlichen Menschenbild und entsprechen den aktuellen pädagogischen Standards. Sie werden kontinuierlich evaluiert und weiterentwickelt, ebenso sind Verantwortlichkeiten und Aufsichtsstrukturen klar geregelt.“
Auch wenn Fälle von Gewaltausübung an pädagogischen Einrichtungen im Untersuchungszeitraum „kein allein kirchliches Phänomen“ seien, wie die Studie darlege, könne und dürfe das niemals „als Erklärung oder gar Rechtfertigung herangezogen werden“, so Klingan: „Als Kirche haben wir eine klare Botschaft: Wir stehen ein für die Würde des Menschen, sie gilt es in allem zu schützen, weil wir überzeugt sind, dass alle Menschen Kinder Gottes sind, ihre Würde auch von Gott her haben.“ Verhaltensweisen und Handlungen, die dem diametral widersprechen würden, seien in keinem Fall „akzeptabel, und es gilt alles zu unternehmen, dass sie besonders in kirchlichen Einrichtungen, aber auch natürlich darüber hinaus keinen Platz haben. Umso wichtiger ist es immer mehr verstehen zu lernen, worin die Ursachen liegen, wenn es anders läuft, und daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.“
Die Aufarbeitung aller Formen von Gewalt in kirchlichen Institutionen bleibt „ein zentrales Anliegen für die Erzdiözese“, unterstrich der Generalvikar, ebenso wie die daraus folgende nachhaltige und wirksame Prävention. „Hier sind wir als Erzdiözese dran, insbesondere seit 2010. So haben wir in den vergangenen Jahren unsere Präventionskonzepte gegen physische, insbesondere auch sexualisierte Gewalt kontinuierlich ausgebaut.“ Hinzu komme „die Aufarbeitung und Prävention von spirituellem Macht-Missbrauch, den die Studie zum Studienseminar in Traunstein in dem Untersuchungszeitraum bis 1990 ebenfalls festgestellt hat. Inzwischen gibt es eine eigene Struktur für die Aufarbeitung, Beratung und Seelsorge für Betroffene sowie Prävention von spirituellem Missbrauch in der Erzdiözese.“
Wolfgang Dinglreiter, Stiftungsdirektor des Erzbischöflichen Studienseminars St. Michael, erklärte in seinem Statement, dass es dem Studienseminar „nach Bekanntwerden von Gewaltvorwürfen im Jahr 2020 ein großes Anliegen“ gewesen sei, „mit den Betroffenen in einer Haltung des Zuhörens und der Empathie ins Gespräch zu kommen und gemeinsam zu überlegen, wie die Geschehnisse offen, ehrlich, umfassend und differenziert aufgearbeitet werden können“. Damit sei der Wille verbunden, „die Erlebnisse der Betroffenen ernst zu nehmen, ihren Geschichten zuzuhören, sie aufzuschreiben, um ihnen damit ein Stück Achtung und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“. Dazu zähle auch „die klare Haltung des Studienseminars St. Michael: Wir stehen an der Seite der Betroffenen, wir klären auf und stellen uns den dunklen Kapiteln in der Geschichte unseres Hauses.“
Dinglreiter zeigte sich „zutiefst erschüttert über die Ergebnisse der in der Studie beschriebenen Gewalterfahrungen, die Kinder und Jugendliche im Untersuchungszeitraum von 1960 bis 1990 erleben mussten“. Zugleich verstehe er es als stetigen Auftrag, „mit all unserem Tun dafür Sorge zu tragen, dass sich Gewalt im Studienseminar nicht mehr ereignen kann“. So habe man die Untersuchung, insbesondere hinsichtlich der Strukturen und Defizite, die Gewalt begünstigten, „in einem Workshop mit dem ISS analysiert, reflektiert und mit unserem aktuellen Schutz- und Präventionskonzept abgeglichen. Wir werden die gewonnenen Erkenntnisse im Sinne einer Sensibilisierung in die kontinuierliche Weiterentwicklung unseres bereits seit mehr als einem Jahrzehnt bestehenden Schutz- und Präventionskonzeptes sowie in unsere pädagogische Arbeit einfließen lassen“.
Zugleich stellte der Stiftungsdirektor klar: „Aktuell ist das Studienseminar ein völlig anderes Internat, nicht vergleichbar mit der Situation von damals“. Die Einrichtung sei der staatlichen Heimaufsicht unterstellt, die in regelmäßigem Kontakt mit dem Studienseminar stehe und dessen pädagogische Arbeit evaluiere sowie einrichtungsbezogene Betreuungsschlüssel und die fachlichen Berufsqualifikationen der Pädagoginnen und Pädagogen vorgebe. Im Internat arbeiten heute laut Dinglreiter „nur Menschen, die hier aus Überzeugung arbeiten wollen und eine hohe Motivation sowie Fachkompetenz zum Wohle der Kinder und Jugendlichen einbringen“. Es gebe ein klares Schutz- und Präventionskonzept, welches die Ziele der präventiven Arbeit darlege, mögliche Gefährdungsrisiken analysiere, interne und externe Beschwerdewege und Unterstützungsangebote benenne sowie einen Krisenleitfaden für den Bedarfsfall umfasse.
Im Zentrum der pädagogischen Arbeit stünde heute die Stärkung der Schülerpersönlichkeit: „Kinder und Jugendliche werden im Studienseminar in ihrer Eigenheit wahrgenommen und gefördert und können so ein positives Selbstwertgefühl in einer Atmosphäre von Achtung und Respekt entwickeln lernen. Es geht uns nicht nur um einen guten Schulabschluss, sondern auch um die Bildung von Herz und Charakter, um Werte, um die Entdeckung und Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, Übernahme von Verantwortung und Förderung von Resilienz.“ Entscheidend sind hierfür nach Ansicht von Dinglreiter „die Praxis einer offenen Gesprächskultur, bei der Autoritäten und Regeln kritisch hinterfragt werden können und Konflikte diskursiv und lösungsorientiert geklärt werden“, sowie „ein respektvoller Umgang miteinander und ein vertrauensvolles sowie belastbares Gemeinschaftsklima im Internat, durch welches sich Kinder und Jugendliche gut aufgehoben und beschützt fühlen und sich gut entwickeln können“. Als „familienergänzende Einrichtung“ biete das Jungeninternat ein „zweites Zuhause“, in dem die Jugendlichen „wertgeschätzt, geschützt und gefördert werden“.
Dass sich das heutige Studienseminar grundsätzlich von dem in der Studie dargestellten unterscheide, schließt laut Dinglreiter „natürlich nicht aus, dass wir uns weiterhin der Aufarbeitung der Vergangenheit stellen. Wir wollen damit einen Beitrag zur Aufarbeitung eines für die gesamte Gesellschaft relevanten Themas leisten, zu einer allgemeinen weiteren Sensibilisierung in diesem Bereich beitragen und hoffen, zur Aufarbeitung in anderen Institutionen und Einrichtungen im kirchlichen wie nicht-kirchlichen Bereich zu motivieren.“ Als einen Erfolg in dieser Hinsicht bewertet der Studiendirektor, dass im Frühjahr dieses Jahres die Vereinigung von katholischen Internats- und Schülerwohnheimen aus der Diözese Bozen-Brixen in Traunstein zu Gast war, um sich über Wege der Aufarbeitung zu informieren und auszutauschen.
Abschließend rief Dinglreiter mögliche weitere Betroffene im Kontext des Studienseminars auf, sich bei den entsprechenden internen und externen Anlaufstellen zu melden, er verwies auf entsprechende Unterstützungsangebote innerhalb der Erzdiözese und die Möglichkeit eines Kontakts zur Betroffenengruppe. (ck)
Hinweis:
„,Wenn Du mitläufst, dann geht es…‘ Studie zu Vorwürfen physischer, psychischer und sexueller Gewalt am Studienseminar St. Michael in Traunstein (1960 bis 1990)“ findet sich auf der Internetseite des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS) unter folgendem Link: