Dankbar feiern wir Christinnen und Christen Anfang Oktober an Erntedank die Gaben Gottes. Welche Wurzeln das Fest hast, welche Bräuche sich damit verbinden und wo Sie Gottesdienste mitfeiern können, erfahren Sie hier.
Es ist die Zeit, ganz besonders danke zu sagen! Und so bietet sich Anfang Oktober in unseren Kirchen wieder ein farbenfrohes Bild. Oft vor dem Altar und im Altarraum haben dann die Gemeindemitglieder Blumen, Getreidegarben, Gemüse, Obst, Wein und Honig liebevoll drapiert. Es stapeln sich Äpfel, Kartoffeln, Möhren, Paprika, Sellerie, Kohlrabi, Wirsing, Rosenkohl, Lauch, Porree, Blumenkohl und vieles mehr. „Die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“, wie es in der Eucharistiefeier heißt, hier wird sie sinnlich wahrnehmbar – und gefeiert.
Und das schon seit Urzeiten. Der Abschluss der Ernte hat zu allen Epochen und in sämtlichen Kulturen Anlass für Dankfeiern geboten. So zum Beispiel im antiken Ägypten, Griechenland und Römischen Reich, wo die Menschen ihren verschiedenen Fruchtbarkeitsgöttern Opfergaben als Dank für die Ernte darbrachten. Und auch allen Religionen ist gemein, dass sie sich für die Gottesgaben zu Dank verpflichtet wissen. Bereits im Judentum berichtet das Buch Genesis, dass Kain ein Opfer von den Früchten des Feldes und Abel ein Opfer von den zuerst geborenen Tieren seiner Herde darbrachten. Später kannte das Judentum zwei Erntefeste: das Getreide-Erntefest Schawuot im Frühling und das Laubhüttenfest Sukkot im Herbst am Ende der Weinlese. Die Kelten feierten im August das Kornfest und zur Tagundnachtgleiche im März und im September das Weinfest.
Seit dem 3. Jahrhundert ist das Fest für die christliche Tradition belegt. Erntedank ist kein rein christliches Fest, da es nicht wie Weihnachten oder Ostern auf einem Ereignis aus dem Leben Jesu basiert. Aber natürlich war es auch den Christinnen und Christen ein Bedürfnis, Gott für die Naturgaben zu danken. Mit der Industrialisierung und der Globalisierung verlor der ursprüngliche Sinn des Erntedankfestes allerdings nach und nach an Bedeutung. Viele Obst- und Gemüsesorten sind durch den weltweiten Handel das ganze Jahr über verfügbar. Zeitpunkt der Aussaat, Reife und Ernte sind den meisten Menschen nicht mehr geläufig. Doch in den letzten Jahrzehnten hat das gesteigerte Umweltbewusstsein auch das Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln erhöht. Viele Menschen möchten nicht nur symbolisch für die Ernte danken, sondern auch deutlich machen, dass gesunde Lebensmittel keine Selbstverständlichkeit sind.
Es gab und gibt keinen weltweit festgelegten Termin für Erntedank, da die Erntezeit von den Klimazonen abhängt. Für Deutschland legte die Deutsche Bischofskonferenz 1972 den ersten Sonntag im Oktober fest. In der evangelischen Tradition gibt es die Regelung vom ersten Sonntag nach Michaelis (29. September), weshalb das Erntedankfest hier auch noch in den September fallen kann. In vielen Gemeinden ist dieser Gottesdienst auch mit einer Spenden- und Solidaritätsaktion für die Eine-Welt zugunsten hungernder Menschen verbunden. Seit geraumer Zeit sind die Erntedank-Gottesdienste als Familiengottesdienste gestaltet, die auch unter aktiver Beteiligung der Kinder gestaltet werden. Während der Gottesdienste segnet der Pfarrer die Gaben.
Insbesondere in Bayern hat sich ein vielfältiges Brauchtum erhalten. Die Erntefeste mit Tanz rühren noch aus einer Zeit, in der die Gutsherren ihre Mägde und Knechte mit Erntebier und festlichem Essen bewirteten. Auf Prozessionen werden aus Getreide geflochtene Erntekronen und Kränze getragen, ein Brauch, der wiederum sogar auf die Germanen zurückgeht. Häufig wird die Erntekrone neben den Gaben am Altar aufgestellt oder auch aufgehängt.
In manchen Kirchen legt die Gemeinde Ernteteppiche aus verschiedene Getreidesorten, bunten Samenkörnern, Hülsenfrüchten, Mais, Nüssen sowie getrockneten und gemahlenen Blütenblättern oder Gewürzen. Das Legen der oft quadratmetergroßen Bilder erfordert wochenlange Vorbereitung und immense Geduld, die meist die Landfrauen oder Frauen aus der Gemeinde aufbringen. Im Sinne der christlichen Schöpfungsverantwortung, wie sie in der Papst-Enzyklika „Laudato si'“ zum Ausdruck kommt, achten inzwischen viele Gemeinden darauf, die Körner nach dem Abbau, der bis zum Advent erfolgt, sortenrein zu trennen und für das Folgejahr wiederzuverwenden.
Neben Erntekrone und Ernteteppich gestalten die Gemeindemitglieder auch oft ein Ernterad. Dafür werden die Innenräume zwischen den Speichen eines Wagenrades mit regionalem Obst und Gemüse oder Blumen gefüllt und das Rad auf dem Boden im Altarraum platziert.
Immer häufiger sieht man an Ortseingängen oder auf den abgeernteten Äckern riesige Puppen aus Strohballen. Auch dies rührt aus einer Erntedanktradition: In einigen Regionen verbleiben „Erntepuppen“, die aus den Getreidehalmen des letzten Schnitts gebastelt wurden, als Opfergaben auf den Feldern.
Erntedank heißt, sich mit dem Schöpfer verbunden zu wissen, aus seinem Geist heraus verantwortlich zu leben und bewusst zu feiern, was uns alles geschenkt ist. Und ausruhen, dankbar innehalten und dem Heiligen nachspüren – das tut jedem gut.