Wenn Martin Kienast sein Seelsorgebankerl in die Schön Klinik in Schönau am Königssee schiebt, zieht er neugierige Blicke auf sich – und trifft voll ins Schwarze. Denn er erfüllt, woran viele Angebote scheitern.
Seit August vergangenen Jahres kommt Kienast mit dem Seelsorgebankerl einmal pro Woche für etwa zwei Stunden in die Schön Klinik in Schönau am Königsee. Die hölzerne Bank sieht ein wenig aus wie eine Schubkarre: zwei lange Holme, ein einzelnes Rad, dazu ein blaues Schild mit der Aufschrift „Kirche unterwegs“. Kienast stellt sie im Eingangsbereich auf. Dann setzt sich der Krankenseelsorger hin – und wartet darauf, dass jemand neben ihm Platz nimmt. Manchmal dauert es 20 Minuten, oft geht es ganz schnell.
Lade Bild...Martin Kienast, Krankenseelsorger„Irgendwer kommt immer her. “
„Es passiert hier immer was. Irgendwer kommt immer her“, sagt er. Manche gehen erst vorbei, schauen und kommen später zurück. Andere kennen das Angebot aus dem Veranstaltungskalender der Klinik, einige warten schon auf Kienast. Und dann gibt es Patientinnen und Patienten, die mehrere Wochen brauchen, bis sie sich zu ihm setzen. Einer sagte zu ihm: „Ich bin jetzt die sechste Woche hier und jetzt traue ich mich endlich.“
Zunächst stand er mit dem Seelsorgebankerl im Außenbereich, mittlerweile hat es seinen Platz in der Eingangshalle gefunden – dort, wo Patientinnen und Patienten auf dem Weg zwischen ihren Anwendungen oder zum Essen vorbeikommen. Wem der Platz für ein Gespräch zu öffentlich ist, mit dem zieht Kienast an einen ruhigeren Ort.
Kienast arbeitet für die Erzdiözese München und Freising im Bereich Familienpastoral und seit September 2023 auch in der Krankenseelsorge. Neben der Schön Klinik ist er in der Fachklinik Berchtesgaden tätig und Ansprechpartner für den „Sozialraum 202“, der die Pfarrverbände Stiftsland Berchtesgaden und Ramsau-Unterstein umfasst. Menschen aus dem Talkessel können sich bei ihm melden, wenn sie zu Hause ein Gespräch oder eine Krankenkommunion wünschen.
In der Klinik hat die Erfahrung gezeigt, dass ausgehängte Gesprächsangebote für die Krankenseelsorge wenig Resonanz finden. „Wenn der persönliche Kontakt nicht da ist, dann passiert nichts“, sagt Kienast. Genau hier setzt das Seelsorgebankerl an.
Die Idee stammt aus der Stadtpastoral der Erzdiözese München und Freising, die das Projekt gemeinsam mit der Forstabteilung umsetzt. Gefertigt werden die Bänke in einem Familienbetrieb in Waldkraiburg in Handarbeit aus Weißtannenholz aus Kirchenwaldungen bei Neumarkt-St. Veit. Seit Mai 2024 bringen die mobilen Bänke Seelsorge dorthin, wo Menschen ohnehin unterwegs sind – etwa auf den Münchner Marienplatz, auf Friedhöfe und Spielplätze, in Einkaufszentren oder zu Festivals und Volksfesten. Das Motto: „Einfach Platz nehmen und ins Gespräch kommen.“ Die Bänke sind so konstruiert, dass eine Person sie leicht bewegen kann. Als Kienast von dem Projekt erfuhr, bewarb er sich mit einem kurzen Konzept um eine der Bänke – und bekam eine.
In der Schön Klinik ist aus dem mobilen Möbelstück inzwischen ein fester Termin geworden. Und auf seinen Brettern landet vieles von dem, was Menschen beschäftigt. Patientinnen und Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen kommen ebenso wie Menschen mit Lungenerkrankungen, Menschen nach einer Transplantation oder solche, die auf eine neue Lunge warten. Dazu kommen Menschen mit Post- oder Long-Covid, die, wie Kienast sagt, manchmal selbst kaum verstehen, was mit ihnen geschieht.
Martin Kienast, Krankenseelsorger„Hier hat alles Platz. “
Einen bestimmten Typ Mensch, der sich zu ihm setzt, gibt es nicht. Junge Patientinnen und Patienten nehmen genauso Platz wie ein 83-jähriger Mann, der bereits zum 14. Mal in der Klinik ist. Manche machen gleich zu Beginn klar, dass sie mit Kirche eigentlich nichts zu tun haben wollen – und bleiben trotzdem sitzen und erzählen. Die Gespräche können zwei Minuten dauern. Oder mehr als eine Stunde.
Es geht um die Frage, wie lange jemand noch zu leben hat. Um Partnerschaften und Trennungen. Um moralische Fragen und darum, wie der Alltag überhaupt noch zu bewältigen ist. Manchmal möchte jemand lediglich wissen, wann ein Gottesdienst stattfindet oder ob es einen Kirchenchor gibt. Und manchmal sitzt ein Mensch auf dem Bankerl und erzählt etwas, das er lange mit sich getragen hat. „Hier hat alles Platz, was die Menschen beschäftigt, womit sie zu kämpfen und zu ringen haben“, sagt Kienast. Genauso soll auf der Bank aber auch Hoffnung Platz finden: „Mein Anliegen ist es schon auch, Leute zu ermutigen, das Leben anzupacken.“
Auf die Frage, ob man christlich sein muss, um sich zu ihm auf die Bank zu setzen, antwortet Kienast schnell und ohne zu zögern: „Nein!“ Er hat bereits mit einer Muslima gesprochen, ebenso mit Menschen, die ausdrücklich sagen, dass sie weder christlich noch religiös sind. „Ich missioniere nicht“, sagt er. Mit biblischen Bildern und Geschichten geht er zurückhaltend um. Wenn es passt, kann eine Geschichte von Exil, Wüstenzeit oder Heilung einen Gedanken eröffnen. Der Impuls dafür müsse aber aus dem Gespräch kommen. Das gilt auch für Gebete. Manche Patientinnen und Patienten wünschen sich ausdrücklich eines. Dann wird spontan gebetet, manchmal ein Vaterunser.
Kienast erzählt von einer Frau, die dieses Gebet häufig mit ihrem inzwischen verstorbenen Vater gesprochen hatte und es deshalb gerne beten wollte. In anderen Gesprächen fällt kein einziges religiöses Wort. Und manchmal wird überhaupt nichts gesagt. „Wir schweigen auch zusammen und halten etwas aus.“ Auch das gehört für Kienast zur Seelsorge.
Glaube bedeutet für ihn, dass Gott gerade dort ist, wo es Menschen nicht gut geht. Als Seelsorger dürfe er dabei „Werkzeug“ sein: einem Menschen zuhören, versuchen, ihn zu verstehen, und „sich ein bisschen anstecken lassen von seinem Leben“. Gerade dieses Zuhören hält Kienast für einen der Gründe, warum das Bankerl so gut angenommen wird. „Die Leute haben sonst oft das Gefühl: Mir hört keiner zu. Ich fühle mich nicht gehört.“
Ganz spurlos geht das auch an ihm nicht vorbei. Manche Lebensgeschichten beschäftigen ihn auch noch nach dem Gespräch. Wenn möglich, fährt er mit dem Fahrrad zur Klinik. Auf dem Heimweg hilft ihm die Bewegung, wie er sagt, etwas von dem Gehörten wieder „rauszustrampeln“.
An positiver Resonanz auf das Seelsorgebankerl fehlt es nicht. Kienast berichtet von Dank und anerkennenden Rückmeldungen – von Patientinnen und Patienten ebenso wie von Mitarbeitenden der Klinik. Diese erzählen ihm etwa von Menschen, die später bei der Therapie noch von einer Begegnung mit ihm sprechen.
Für Kienast ist das Seelsorgebankerl auch eine Möglichkeit, das zu tun, wofür er diesen Beruf gewählt hat. „Ich wollte immer Seelsorger werden. Hier habe ich die Möglichkeit, es auch zu sein – nicht nur zu organisieren und Konzepte zu schreiben.“ Woche für Woche schiebt er deshalb sein Bankerl wieder dorthin, wo die Menschen vorbeikommen, setzt sich hin – und wartet. Bis jemand stehen bleibt, Platz nimmt und zu erzählen beginnt. Oder ein Stück weit getragen schweigt.