Wenn beim Martinsspiel der Mantel geteilt wird, ist das immer ein ganz besonderer Moment. Wofür der historische Martin Ärger bekam, macht ihn bis heute berühmt. Er zeigte uns, wie wichtig es ist zu teilen. Doch schauen wir heute noch einmal genauer hin: Da ist noch etwas anderes, das wir von ihm lernen können.
Manchmal passiert es einfach: Man bleibt an einem Draht hängen und reißt sich die Jacke auf, man verliert einen Handschuh, man fällt hin und hat ein Loch in der Hose. Dann ärgert man sich über das Missgeschick, aber so etwas kann passieren. Doch wenn Kleidung absichtlich kaputtgemacht wird, wenn man die Kapuze von der Jacke abreißt, die Ärmel vom T-Shirt abschneidet, dann ist es klar, dass geschimpft wird.
Dinge absichtlich kaputtzumachen – das klingt nach ziemlichem Unfug. Deshalb hat ein Mann namens Martin sicherlich Ärger bekommen, als er seinen teuren warmen Mantel absichtlich zerschnitt. Doch genau dafür ist er berühmt geworden.
Martin hatte einen guten Grund, seine Kleidung kaputtzumachen. Er tat es aus Mitleid. Und um ihn zu verstehen, soll seine Geschichte von vorne erzählt werden:
Martin wurde Anfang des 3. Jahrhunderts nach Christus in Ungarn geboren. Er war Soldat des römischen Reiches, wie sein Vater. Er diente im römischen Heer und war dort erfolgreich. Martin war kein Christ, er kannte aber die christlichen Botschaft und bemühte sich um gute Taten. Als junger Mann kam er mit dem Heer in die Stadt Amiens in Frankreich. Zur Ausrüstung der Soldaten dort gehörte neben Pferd, Rüstung, Helm und Schwert auch der Militärmantel. Dieser Mantel war wichtig, denn der Winter in Amiens war kalt.
Als Martin eines Tages nach Amiens ritt, ereignete sich die Begebenheit, durch die er bis heute im Gedächtnis geblieben ist: Martin sah einen Bettler in der Kälte sitzen, der die Vorbeigehenden um Hilfe anflehte. Martin hatte nichts dabei außer seinem Armeemantel. Kurzerhand teilte er diesen Mantel mit dem Schwert in zwei Hälften. Die eine Hälfte schenkte er dem Bettler, die andere Hälfte behielt er für sich.
Für das Kaputtmachen des Mantels bekam er von seinen Vorgesetzten Ärger, denn der Mantel war nicht sein Eigentum.
Doch Martin wurde auch für seine Tat gelobt. In der Legende von Martin wird von einem Traum berichtet. Martin träumte in dieser Nacht, dass Jesus ihm begegnete. Jesus hatte die verschenkte Hälfte seines Mantels. Jesus bedankte sich bei Martin für sein Mitleid und seine Hilfe für den Bettler. Er zitierte eine Stelle aus der Bibel und sagte: „Was du für diesen Menschen getan hast, hast du für mich getan.“ (Mt 25, 40b: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.)
Martin wendete sich danach mehr und mehr der christlichen Botschaft zu. Er ließ sich taufen und wurde sogar Bischof. Er war und ist berühmt für seine Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe.
Wenn Martin so ein großzügiger Mann war, der anderen Menschen helfen wollte, dann hätte er doch den ganzen Mantel verschenken können?
Gerade im Teilen des Mantels greift Martin auf eine Grundregel des Glaubens zurück. Im Matthäusevangelium wird Jesus nach dem wichtigsten Gebot gefragt und er antwortet:
Aus der Liebe zu Gott kommt die Liebe zum Nächsten, zu den Mitmenschen, die auch Gottes geliebte Geschöpfe sind. Man soll die Mitmenschen lieben, aber sich selbst genauso! Hätte Martin den ganzen Mantel verschenkt, dann hätte er wohl gefroren und wäre vielleicht krank geworden. Durch das Teilen hat Martin dafür gesorgt, dass es dem Bettler gut ging und ihm auch. Nur wenn es mir selbst gut geht, kann ich dafür sorgen, dass es anderen gut geht. Wenn ich selbst krank oder müde oder traurig oder wütend oder hungrig bin, dann schaffe ich es nicht mehr anderen zu helfen.
Wenn ich etwas teile, verliere ich die Hälfte des Geteilten – egal ob es nun Geld, Kleidung oder Lebensmittel sind. Trotzdem ist das Teilen in unserer Gesellschaft ein hoch angesehener Wert, der vielleicht auch deswegen schon im Kindesalter vermittelt wird. Eine Gemeinschaft kann nur bestehen, wenn das Prinzip des Teilens funktioniert. Wenn diejenigen, die mehr haben, an die abgeben, die zu wenig haben. Andernfalls bleiben Menschen wie in der Martinslegende im Regen und in der Kälte stehen.
Doch auch die Person, die teilt, geht nicht leer aus. Zu der verbliebenen Hälfte bekommt der oder die Gebende das gute Gefühl, geholfen zu haben und die Zufriedenheit und Freude, dass es einem anderen Menschen besser geht als zuvor.
Im November 397 ist Martin gestorben und wurde am 11.11. begraben. Er war so beliebt und bekannt, dass die Menschen schon bald sagten: Martin ist ein Heiliger! Er ist ein Mensch, der ganz nahe bei Gott ist und der den Menschen auf der Erde durch sein Leben, seine Taten und Worte Gottes Liebe und Licht gezeigt hat.
Licht zeigen, das tun dementsprechend auch die Laternen, die am 11. November von den Kindern durch die Straßen getragen werden. Die Laternen erinnern in der Dunkelheit und Kälte daran, dass Martin für den Bettler einen Hoffnungsfunken und Wärme gebracht hat. Teilen kann jeder Mensch, dafür ist niemand zu klein oder zu groß. Aber Teilen will geübt sein. Darum ist das Martinsfest ein Fest, bei dem geteilt wird, ob es nun Männchen aus Hefeteig oder Brezen sind. Beim Teilen-Üben kann ich dieselben Erfahrungen machen, wie Martin:
Ansprechpartnerin: Stefanie Penker
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