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Stück „Pater Rupert Mayer“ noch bis 28. Juni in Bad Endorf
150 Jahre wäre der Selige Pater Rupert Mayer heuer alt geworden - und ist aktuell wie nie. Noch bis zum 28. Juni ist im Volkstheater Bad End...
Eine Frau bahnt sich mit einem kleinen Kind an jeder Hand und nicht mehr als einem Rucksack auf dem Rücken ihren Weg durch einen vor Matsch strotzenden Weg. Neben ihnen ragt ein Häusergerippe in den wolkenverhangenen Himmel, alles ist trist und grau.
Während das kleine Mädchen mit einem Koffer in der Hand ernst zurückschaut, streben die Frau und der Bub an ihrer Hand der Siedlung entgegen, die sich vor einem See und einer Berglandschaft auftut – in der Mitte ein Kirchturm.
Es ist ein eindringliches und apokalyptisches Bild zugleich, das Werner Hofmann, Theaterseelsorger im Erzbistum München und Freising, für sein neuestes Theaterprojekt „WEG – Flucht, Vertreibung und Heimat“ gewählt hat. Im Mittelpunkt stehen die Schicksale von Sudetendeutschen und Schlesiern, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten, sowie die Erfahrungen der Menschen aus der Chiemsee-Region, die sie aufgenommen haben. Alle dargestellten Geschichten beruhen auf wahren Begebenheiten.
Die Idee dazu kam Hofmann während eines Seelsorgegesprächs, als er in das Haus einer verstorbenen Frau gerufen wurde. „Da habe ich eine Geschichte gehört, die mich sehr angerührt hat“, erinnert sich der Seelsorger mit Schwerpunkt auf Theaterarbeit. „Die verstorbene Mama hat auch weggemusst als Kind und war noch Teil der sogenannten wilden, ungeordneten Vertreibung. Da sind plötzlich tschechische Soldaten dagestanden und haben gesagt: Ihr müsst jetzt weg. Und zwar sofort."
"Das Einzige, was die Familie machen konnte, war ein schneller Griff zum Kreuz, dem alten Familienkreuz, mit dem ist sie ins Ungewisse losgezogen. Und dieses Kreuz hing dann in der Stube, wo ich das Trauergespräch geführt habe. Das hat mich einfach unglaublich berührt. Damals ist die erste Idee entstanden.“
Was als erster loser Gedanken – „da sollte man eigentlich etwas machen“ – begann, feiert nun, gut drei Jahre später, am Freitag, 6. November, um 19 Uhr im König-Ludwig-Saal in Prien am Chiemsee Premiere. Insgesamt sechs Spieltermine gibt es bis Sonntag, 15. November. Begleitend zum Theaterstück laden das Bildungswerk Rosenheim und die Theaterpastoral zu einer Veranstaltungsreihe mit Vorträgen, Filmvorführung, Vernissage und Erzählcafé zu Flucht, Vertreibung und Heimat ein. In eine Schule hat das Thema den Weg schon im Vorfeld gefunden: Die 10. Klasse Werkunterricht der Franziska-Hager-Mittelschule in Prien am Chiemsee baut das Bühnenbild, die IT-Klasse der 9. Stufe gestaltet das Programmheft. Auch eine Schulaufführung wird es geben.
Tickets für die Vorstellungen zum Preis von 24,50 Euro (ermäßigt 20 Euro) sowie das nur teilweise kostenpflichtige Rahmenprogramm (5 Euro) können Sie über die Projekt-Website des Bildungswerks Rosenheim erwerben. Dort finden sich auch nähere Informationen zu den einzelnen Programmpunkten, zu Mitwirkenden und Unterstützern. Die Schirmherrschaft für das Stück hat die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, Petra Loibl, übernommen.
Damit sich Hofmanns Idee derart entfalten und konkretisieren konnte, brauchte es wichtige Weichenstellungen. Im Fall des Projekts WEG spielten ihm gleich zwei Dinge in die Hände: „Konkret wurde das Ganze mit der Ermöglichung der Theaterpastoralstelle 2024. Im Januar ist mir die als innovative Funktionsstelle vom Erzbischöflichen Ordinariat befristet genehmigt worden“, so Hofmann.
Inhaltlich fand der Theatermacher in Gabriele Schleich eine unverzichtbare Hilfe. Die Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Prien und Umgebung war „sofort Feuer und Flamme“, als ihr Hofmann von dem Projekt erzählt habe. Selbst eine Nachgeborene – ihre Eltern wurden beide vertrieben – und mit einem Mann verheiratet, dessen einer Elternteil ebenfalls dieses Schicksal teilt, wirkte sie als Türöffnerin und stellte die Kontakte zu Zeitzeugen her. „Bei zweien der alten Herrschaften kam ein: Nein, da möchte ich nicht mehr darüber sprechen, das ist vorbei, das ist abgeschlossen. Aber bei der Mehrheit kam ein: Ja, gerne, das soll nicht in Vergessenheit geraten“, berichtet sie.
„Ich habe auch gesagt, dass mir das so wichtig ist, im Zuge der bayerischen Geschichte: Die Sudetendeutschen sind Bayerns vierter Stamm seit den 50er-Jahren. Wir haben unsere Traditionen und Bräuche wie die Altbayern, Schwaben und Franken. Und dann muss man auch darüber reden dürfen über das Schicksal. Gerade jetzt, wo wieder so viel Flucht und Vertreibung weltweit leider wieder präsent ist, sollte man da noch einmal hinschauen. Man sieht es auch an den aktuellen Entwicklungen in Deutschland: Man muss schon hellhörig sein.“
Eine Begegnung, die Hofmann besonders bewegt hat, war die mit seiner dritten Zeitzeugin. „Die hat in Bernau gelebt und mich schon so begrüßt: ‚Wissen Sie, Herr Hofmann, warum ich Ihnen helfe? Ich helfe Ihnen, weil es jetzt ist wie damals. Damals ist auch in allen Staaten ringsum und in Deutschland der Nationalismus groß geworden, das haben wir jetzt auch wieder. Und das darf nicht wieder sein. Und darum erzähle ich Ihnen jetzt von meinen Erlebnissen!‘“
Der Theaterseelsorger bekommt heute noch Gänsehaut, wenn er daran denkt. „Diese Wachheit! Die Frau war schon knapp 90 damals und ist inzwischen leider schon verstorben. Diese Wachheit hat mich enorm beeindruckt. Und das macht eben einen Unterschied, ob ich das bloß im Geschichtsunterricht höre oder lese, oder jemand sagt mir: Das war damals so.“
Auch wenn die Charaktere in dem Stück alle auf wahren Begebenheiten beruhen: Eins zu eins wird kein Schicksal dargestellt, auch die Namen könnten so gewesen sein, bilden aber keine realen Personen ab. Vielmehr hat Hofmann zusammen mit seiner Frau Julia, die wie er für Text und Regie verantwortlich war, das Schicksal verschiedener Menschen miteinander verwebt. 23 Schauspielende mit Sprechrollen im Alter von sieben bis 70 Jahren lassen die damalige Zeit wie unter einem Brennglas aufleben: „Das ist alles ein bisschen konzentriert: Wir zeigen einen Hof, auf den die Menschen so nach und nach kommen.“
Theaterseelsorger Werner Hofmann„Das war damals die Zeit der Frauen.“
Auch wenn es männlich besetzte Rollen gibt, das Zepter liegt in der Hand der Schauspielerinnen. „Das war damals die Zeit der Frauen: Es waren Frauen, die mit Kindern oder alten Frauen hergekommen sind und hier auf Frauen treffen, deren Männer gerade im Krieg gestorben sind. Das war wirklich eine wahnsinnige Lebensleistung der Frauen in dieser Zeit“, zollt Hofmann den realen Vorbildern Respekt, „und die rückt das Stück in den Mittelpunkt.“
Die Sudetendeutsche Landsmannschaft um Gabriele Schleich will bei den Theatervorführungen das Bewusstsein für weitere Schicksale schärfen. „Wir werden im Theater selbst – der Saal ist ja relativ groß – einen Stand haben mit mehreren Roll-ups über bekannte sudetendeutsche Persönlichkeiten wie die Schriftsteller Franz Kafka und Ottfried Preußler“, erzählt sie. Auf einer Landkarte können die Besucherinnen und Besucher anpinnen, wo ihre Angehörigen damals ihre Heimat verlassen mussten.
Bis 1952 kamen nach Angaben der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit rund 1,9 Millionen Ostvertriebene nach Bayern. Das bedeutete einen Zuwachs von mehr als 26 Prozent, also ein Viertel aller Bewohner des neuen Freistaates. Seit 1815, als große Teile von Franken und Schwaben zu Bayern geschlagen worden waren, fand damit der größte Bevölkerungszuwachs hier statt. Herkunftsländer der Ankömmlinge waren, wie überall im verbliebenen Deutschland, die Ostgebiete des ehemaligen Deutschen Reiches, die durch die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz an Polen und die Sowjetunion gegeben worden waren, sowie mittel-, ost- und osteuropäische Staaten, die ihre deutsche Bevölkerung vertrieben. Mehr als die Hälfte der Vertriebenen (55 Prozent) waren Sudetendeutsche, knapp ein Viertel (24 Prozent) Schlesier, vier Prozent waren Ostpreußen.
Bei einem Blick zurück soll es aber nicht bleiben, vielmehr geht es allen Beteiligten darum, aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft zu lernen. „Die aktuelle Gesellschaftslage hat schon viel mit Unzufriedenheit zu tun“, ist Hofmann überzeugt. „Unser christlicher Ansatz ist eigentlich ein anderer – uns geht es darum, erst einmal auf die Dankbarkeit zu schauen: Wo wir sind, was für ein Glück wir haben, etwa dass unsere Kinder in die Schule gehen können. Denn das zeigt der Blick noch nicht zu weit zurück: Noch Lebende haben erfahren, ganz arm, mit nichts anzukommen und bei null anfangen zu müssen, Essen war ein Problem und überhaupt die Zukunft. Von daher ist das ein ganz wichtiger Aspekt zu sagen: Vielleicht können wir die Zufriedenheit mit dem Heute stärken, um dann auch nicht so anfällig zu sein für Versprechungen rechter Parteien und rechtsdenkender Menschen, die ja so tun, als wäre alles schlecht, damit sie dann an die Macht kommen.“
Text: Ursula Hinterberger, Redakteurin