München, 14. Oktober 2026. Kardinal Reinhard Marx warnt vor einer Abwertung des Menschen und einer Kultur extremer Optimierung durch den verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Arbeits- wie Zusammenleben. „Wenn wir menschlich bleiben wollen, müssen wir unsere eigenen Grenzen anerkennen, dass wir vulnerabel sind, dass wir gebrechlich sind, dass wir sterben und auch, dass wir einander brauchen, dass wir füreinander da sind und sein wollen“, erklärte der Erzbischof von München und Freising am Mittwoch, 14. Oktober, bei einem digitalen Frühstücksimpuls der Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg unter dem Titel „Die Enzyklika 'Magnifica Humanitas' und KI – warum es auf den Menschen ankommt". Scheinbar schwache Eigenschaften wie Gebrechlichkeit und Verletzbarkeit seien „ein wesentlicher Teil des Menschen, den man nicht überwinden oder beseitigen soll, weil wir sonst das Menschliche verlieren“, betonte der Kardinal.
Mit Sorge betrachtet Marx Tendenzen zur Entmenschlichung und „Selbsterhöhung, als könnten wir mit dieser Technologie alle Probleme lösen, alle Krankheiten heilen und unsterblich werden“. Daneben könne KI auch eine Gefahr für die Demokratie darstellen, so der Erzbischof, insofern gerade autoritäre Bewegungen mittels generativer KI und verzerrter, algorithmengetriebener Debatten nicht nur den gesellschaftlichen Konsens, sondern den Wert der Wahrheit an sich in Frage stellen könnten. Extremistische Kräfte erwecken laut Marx gezielt den Eindruck, „dass sich die liberalen Demokratien erschöpft haben, dass sie nicht mehr in der Lage sind, die Probleme zu lösen“. All das werfe die Frage auf: „Haben unsere offenen Gesellschaften, die auf Wahrheit, Menschenwürde, Menschenrechten basieren, eine Zukunft?“
Kardinal Marx möchte sich angesichts dieser Situation nicht geschlagen geben: „Wollen wir uns dem einfach ausliefern? Oder finden sich nicht viele Menschen, die das verhindern möchten?“ Er nehme seit einiger Zeit eine „Gegenbewegung“ wahr, die auch Papst Leo XIV. mit seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ in Gang gebracht habe: „Eine Gegenbewegung gegen diejenigen, die sich jeder Regel entziehen.“ Dazu brauche es zum einen eine neue „Ökologie der Kommunikation, die dazu führt, dass wir nicht den Weg der Wahrheit verlassen“ und nicht mehr diejenigen mit Aufmerksamkeit belohnen, die „keine Rücksicht auf Wahrheit nehmen, auf Respekt und Höflichkeit“. Zum anderen brauche es ein neues Bewusstsein für das „Weltgemeinwohl“ und, mit den Worten von Papst Franziskus, für „die Sorge um das eine Haus, in dem wir alle wohnen, in dem eine Verantwortung aller für alle gegeben ist und für das wir miteinander verbindliche Regeln haben“. (fho)