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Diözesanmuseum in Freising: Wo Glaube neu gesehen wird
Der Domberg in Freising – ein Ort voller Geschichte, Spiritualität und atemberaubender Kunst. Hier verschmelzen Jahrhunderte alte Traditione...
In den Jahren 2016 und 2017 erschütterten schwere Erdbeben den Osten Italiens zwischen Apennin und Adria, bei denen mehr als 300 Menschen ihr Leben verloren. Aus den Trümmern der Kirchen barg man in den vergangenen Jahren systematisch Kunstwerke, die mit öffentlichen Geldern restauriert wurden. Eine Auswahl der kostbarsten Arbeiten ist ab dem 18. Oktober 2026 im Diözesanmuseum Freising in der Sonderausstellung „S.O.S. Save our Souls!“ zu sehen.
Verschiedene italienische Institutionen haben diese Ausstellung mit 20 Leihgaben ausgestattet. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten aus Spätgotik und Renaissance von führenden italienischen Künstlern wie Lorenzo Lotto und Carlo Crivelli. Die gezeigten Meisterwerke und ihre Geschichte konfrontieren die Besucherinnen und Besucher mit der Frage: Wir retten Kunst – rettet uns die Kunst?
Die Frage, ob Kunst retten kann, stellt sich den Interessierten vor allem auch mit Blick auf die verschiedenen Heiligenbilder, welche die Ausstellung präsentiert, wie etwa Pietro Alamannos „Schutzmantelmadonna mit den Heiligen Genesius und Vinzenz Ferrer“ (1485). Das Bild der Madonna, unter deren bergendem Mantel die Gläubigen Rettung finden, während die weniger Frommen draußen zugrunde gehen, stellt drastisch die Gefühlslage der Menschen im ausgehenden 15. Jahrhundert angesichts hereinbrechender Bedrohungen – in diesem Fall der Pestausbruch von 1485 – vor Augen.
Gleich zwei Altare sind im Diözesanmuseum zu sehen: Das Polyptychon von Massa Fermana des venezianischen Malers Carlo Crivelli glänzt durch seine markant gezeichneten Charakterköpfe und reichen Verzierungen und Vergoldungstechniken. Marco Palmezzanos gewaltiger Altar aus der Franziskanerkirche von Matelica (Pala di Matelica, 1501) versammelt Heilige und Selige des Franziskanerordens, zeigt lokale Bezüge sowie die Heilsgeschichte von der Menschwerdung Jesu Christ und verweist bis in die Gegenwart der gläubigen Betrachter, die einst vor diesem Altar die Messe feierten.
Lorenzo Lottos „Verkündigung an Maria“ (1533-1535) ist eines der Hauptwerke im Schaffen des venezianischen Malers, das exemplarisch für dessen psychologisierende Malweise steht. In dieser ungewöhnlichen Verkündigung ist Maria deutlich das Erschrecken über das übernatürliche Ereignis anzusehen. „Und wieder passiert, was immer dann passiert, wenn große Kunst ihre Wirkung entfaltet: Wir können mit Maria empfinden, dass das, was in dieser Sekunde geschieht, gewaltig ist. Mit einem Mal stehen wir auf Marias Seite. Lorenzo Lotto drückt aus, was die Heilige Schrift sagt: Sie ist eine von uns. Gott kommt zu euch, er ist da – durch sie gehört er zu uns“, schreibt Kardinal Reinhard Marx in einem Katalogbeitrag zu diesem Bild.
Der Audioguide zu „S.O.S. Save our Souls!“ bietet statt einer klassischen kunsthistorischen Führung einen Podcast-Rundgang aus ungewohnter Perspektive. In zehn kurzen Gesprächen führt Bert te Wildt, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen, durch die Ausstellung und erklärt weniger die Bilder an sich, sondern schaut als Psychiater und Psychotherapeut auf das, was sie erzählen: Geschichten über Schutz und Bindung, Leid und Schuld, Schönheit, Sinn und Trost. (kjk/ck/ra)